Gehen wir ins Konzert zu den Berliner Philharmonikern. Morgens um acht. Gerne auch spätabends noch einmal und sonntags oft nach dem Hundespaziergang. Weißes Hemd, Krawatte, Sakko? Muss nicht sein im Wohnzimmer. Und im Bett reicht auch der Schlafanzug. Kopfhörer aber wären klangvoll gut. Denn es ist eine private Begegnung mit einer Hundertschaft von Musikerinnen und Musikern im garantiert eingehaltenen Sicherheitsabstand. Selbst Herbert von Karajan kann wieder dabei sein als Dirigent. Wobei jetzt eher Kirill Petrenko angesagt ist.

Wir reden also von der Digital Concert Hall: Sie hat 24 Stunden am Tag geöffnet. Nie war sie nützlicher. Und weil die reale Berliner Philharmonie wegen der Corona-Pandemie geschlossen ist, lädt das weltberühmte Orchester sogar dazu ein, seinen Online-­Konzertsaal kostenlos zu besuchen. „Wir vermissen unser Publikum jetzt schon sehr und wünschen uns, dass wir einander auf diese Weise zumindest virtuell weiter begegnen können“, erklärt Olaf Maninger, Solocellist und Medienvorstand.

Pro Saison werden mehr als 40 Konzerte übertragen

Schon Karajan war ja ein Technik-Freak gewesen, der sich mit einer eigener Filmgesellschaft als Maestro in Szene setzte. Standesgemäß waren die Berliner Philharmoniker deshalb früh dran, im Internetgeschäft Fuß zu fassen. 2009 eröffneten sie ihre Digital Concert Hall. „So sieht die Zukunft aus“, sagte der damalige Chefdirigent Sir Simon Rattle, „die Menschen erwarten einfach, dass Kunst heute wie Wasser je nach Bedarf zur Verfügung steht.“ Die Musik fließt mittlerweile unter Hochdruck, möchte man sagen.

Mehr als 40 Konzerte, gefilmt von HD-Kameras, werden pro Saison live übertragen in der Digital Concert Hall. Da kommt was zusammen: Etwa 600 Orchesterkonzerte der Berliner Philharmoniker sind mittlerweile im Archiv abrufbar – auch welche, siehe Karajan, aus der vor-digitalen Zeit, und von anderen Schauplätzen als der Philharmonie, Das ist ein riesiges Repertoire an Werken und Solisten.

Die üblichen Programmhefte fallen aus, der Nutzer – oder sagen wir klassischer der Konzertgänger – informiert sich digital und hat den Zugriff auch auf Videos: Dokumentarfilme über die Geschichte des Orchesters, Porträts von Dirigenten und Orchestermitgliedern. In „Pausengesprächen“ reden einzelne Philharmoniker etwa mit Solisten und Dirigenten über die Werke und Interpretationen. Zu erleben ist deshalb auch der medienscheue Kirill Petrenko, der eigentlich nie Interviews gibt. Der Russe aus Omsk kann aber perfekt Deutsch, schließlich war er mit seiner Familie als 18-Jähriger nach Österreich gekommen, wo sein Vater einen Job als Orchestermusiker fand; der Sohn studierte Musik im vorarlbergischen Feldkirch.

Einige Werke werden von Petrenko charmant und tiefgründig erläutert

Ende Februar hatten die Berliner Philharmoniker unter ihrem neuen Chef noch eine erste Deutschland-Tournee gespielt, mit drei Werken von Igor Strawinsky, Bernd Alois Zimmermann und Sergej Rachmaninow. Im Dialog mit dem Geiger Christoph Streuli erklärt der 48-jährige Petrenko so charmant wie tiefgründig, wie sehr diese drei Werke von der amerikanischen Rhythmik beeinflusst sind. Das kann man hören im Konzert vom 15. Februar aus der Philharmonie: Zimmermanns Ballettsuite „Alagoana“ zum Beispiel, die „Caprichos brasileiros“ von 1955. Folklore in der neuen Musik, mitreißend und ein wahrer Stimmungsaufheller in dieser Zeit.

Diesen virtuellen Konzertsaal kann man mit diversen Geräten besuchen, es gibt auch Mobil-Apps fürs Smartphone oder das Tablet. Bei modernen Fernsehern mit Internetanschluss ist eine TV-App vorinstalliert. Oder man verbindet den Computer per HDMI-Kabel mit dem Fernseher. Großereignis oder Hintergrundmusik – je nach Bedarf. Kopfhörer garantieren natürlich die besten Hörerlebnisse.

Der Klang ist grandios, was natürlich auch daran liegt, dass die Live-Aufnahmen nachbearbeitet werden, bevor sie ins Archiv kommen. Ja, man fragt sich zuweilen, ob man ein live besuchtes Konzert derart intensiv und brillant erlebt hat. Schmerzliche Gedanken in diesen Tagen etwa an Baden-Baden, wo die Osterfestspiele der Berliner Philharmoniker im Festspielhaus ausfallen müssen. Und Erinnerungen: In der Digital Concert Hall ist etwa das Konzert mit Sir Simon Rattle und Sol Gabetta von den Osterfestspielen 2014 zu sehen und zu hören: das „Lohengrin“-Vorspiel, das Cellokonzert von Elgar, „Sacre du printemps“. Atemraubend.

Als nächsten Live-Stream aus der Philharmonie kündigen die Berliner übrigens ein Konzert mit Adam Fischer an: die „Faust“-Sinfonie von Liszt am 24. April. Das wäre in 29 Tagen. Das kann man sich derzeit nicht vorstellen. Das Archiv der Digital Concert Hall aber tröstet mit großer Musik.

30 Tage kostenfrei


Die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker hat normalerweise verschiedene Tarife im Angebot; monatlich etwa kostet das Abonnement 19.90 Euro. Aber jetzt ist der Zugang gratis, man muss sich nur registrieren lassen: digitalconcerthall.com Auf der Startseite wird alles verständlich erklärt. Damit ist die Nutzung des virtuellen Konzertsaals kostenfrei für 30 Tage. Der späteste Termin zum Einlösen des Gutschein-Codes ist Dienstag, der 31. März 2020. Eine Kündigung ist nicht erforderlich, erklären die Anbieter.