Baden-Baden Klagemauer im Museum

Baden-Baden / BURKHARD MEIER-GROLMAN 10.12.2013
Drogenkriminalität in Mexiko, Bürgerkrieg in Syrien, Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo: Wie reagiert die zeitgenössische Kunst auf solche Ereignisse? Das fragt die Staatliche Kunsthalle in Baden-Baden.

Das Team der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden lässt nicht locker. Im vergangenen Jahr wurde im Haus an der Lichtentaler Allee eindeutig klargestellt, dass unsere Gesellschaft ohne das bunte Künstlervölkchen wirklich ein ziemlich tristes und trostloses Dasein fristen würde. Denkt man allein nur daran, von welchen Hasstiraden und auch Begeisterungsstürmen etwa Christos spektakuläre Reichstagsverhüllung im Jahr 1995 begleitet wurde. Von den Anfeindungen und den gleichzeitig stattgehabten Lobpreisungen, denen der Mann mit dem Filz und dem Fett, der Kunstgroßmeister Joseph Beuys, zeitlebens ausgesetzt war, gar nicht zu reden.

Jetzt aber soll in der Baden-Badener Kunsthalle abgeklärt werden, ob die zeitgenössische Kunst überhaupt fähig und in der Lage ist, der gemeinhin meist schweigenden Mehrheit - sprich den Machtlosen auf unserem Planeten - eine Stimme zu geben. Man kann hier in Baden-Baden zwar großspurig auftreten und den schlagkräftigen Ausstellungstitel "Macht der Machtlosen" in die Manege werfen, aber man hat dann große Mühe, dieses schöne Versprechen einzulösen.

Denn im Hauptraum der Baden-Badener Kunsthalle sieht es ganz danach aus, als ob hier eher eine Klagemauer für die Ohnmacht der Machtlosen hochgezogen worden wäre. Von Machtbekundungen jedenfalls keine Spur: Die mexikanische Künstlerin Teresa Margolles ließ 15 Tonnen Bauschutt eines abgerissenen Hauses in Ciudad Juarez im Norden Mexikos in die Kurstadt Baden-Baden schaffen, um zu demonstrieren, wie im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet kriminelle Drogenbanden die Lebensqualität in bürgerlichen Stadtquartieren im Handumdrehen auf Null reduzieren.

Auch das verstörende Daumenkino des libanesischen Künstlers Rabih Mroué zeigt auf, wie menschliche Individuen im Syrien-Krieg malträtiert werden und ihnen in ihrer Hilflosigkeit schlussendlich nur noch Handy-Aufnahmen bleiben, um ihre existenzielle Not nach außen zu tragen.

Ebenso muss man sich fragen, ob die arg folkloristisch gestimmten Murales, die Wandmalereien, die der Ägypter Alaa Awad während des arabischen Frühlings und dem Geschehen auf dem Tahrir-Platz an Kairos Häuserwände gepinselt hat, das revolutionäre Bewusstsein befördert haben. Und bei den mit schwarzem Lack überzogenen, gebogenen und verdrehten Absperrgittern der Bettina Pousttchi hat man den Eindruck, dass hier mehr auf skulpturale Wirkung als auf gesellschaftskritische Hintergründe und Deutungen geschaut wurde.

Die gesellschaftliche Kluft zwischen Armut und Reichtum, zwischen Macht und Ohnmacht kann man natürlich auch mit einer guten Portion Humor angehen, so wie es der Aktionskünstler Christoph Faulhaber in Baden-Baden mit seiner Rekonstruktion des Bernsteinzimmers tut. Die wunderbar goldgelb schimmernden Innereien des Bernsteinzimmers bestehen bei Faulhaber nicht etwa aus dem berühmten Schmuckstein aus fossilem Harz. Nein, er provoziert uns, indem er das kostbare Interieur mittels hundsgewöhnlicher Nasenpopel nachbildet.

Die Kunsthalle in Baden-Baden weiß, wie schwierig es ist, die Bevölkerung an ihre Fragestellung von der Macht der Machtlosen heranzuführen. So gehörte zum Ausstellungskonzept, dass die neue Inneneinrichtung des Kunsthallen-Cafés Baden-Badener Bürgern überlassen wurde. Die zimmerten unter anderem das Stuhlmobiliar, sorgten für eine ökologisch orientierte Speisekarte und bestückten die Wandregale mit eingewecktem regionalem Gemüse.

Damit erwächst den Besuchern der Kunsthalle Baden-Baden sozusagen schon im Museumscafé das Gefühl, nicht unbedingt gleich eine Steigerung des Machtbewusstseins zu erfahren, aber doch irgendwie den Eindruck zu haben, etwas in Richtung Nachhaltigkeit verändern zu können.

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