Kirche, Krieg und Kruzifix

EVA-MARIE MIHAI 11.09.2014
"Romantik und Realismus des Krieges" heißt die Ausstellung in der Pauluskirche, die am Sonntag startet. Zwei Reiterbilder sind die zentralen Exponate der Schau, die an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erinnert.

Dicke schwarze Rahmen um die Ankündigungen und Ausstellungstexte der Ausstellung "Romantik und Realismus des Krieges" in der Ulmer Pauluskirche lassen sie wie Todesanzeigen aussehen. Das soll auch so sein, denn die Gestaltung orientiert sich dabei an den Briefen, die im Ersten Weltkrieg an die Familie eines gefallenen Soldaten geschickt wurden. So soll der "Realismus des Krieges" visualisiert werden. Vor dem Ersten Weltkrieg herrschte dagegen vielerorts eine romantische Verklärung des Militärs. "Wohlauf Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd" war ein populäres Lied, das den Aufbruch ins Feld beschrieb.

Diesen Zeitgeist vermitteln auch die beiden Reiterbilder Christian Speyers, die ursprünglich zur Ausstattung der Pauluskirche gehörten. Reiterbilder? Die 1910 eingeweihte Pauluskirche wurde als Garnisonkirche gebaut. Auf einem Bild sind die apokalyptischen Reiter Ritter, Tod und Teufel nach dem Vorbild Dürers dargestellt. Das andere Bild zeigt den einstigen Christenverfolger Saulus vom Pferd stürzend.

"Die romantische Kavalleriesymbolik sieht man den Bildern auf den ersten Blick an", meint Pauluskirchen-Pfarrer Adelbert Schloz-Dürr. Diese sei ganz im Trend der Zeit der Mobilmachung im frühen 20. Jahrhundert gewesen. Auf den zweiten Blick sähe man aber auch die beängstigende Komponente des drohenden Krieges, erläutert Schloz-Dürr. Die gut erhaltene, aber düstere Farbgebung verstärke diese bedrohliche Wirkung. Umso eindrücklicher war wohl die Wirkung der riesigen Bilder, die bei der Eröffnung 1910 an der Wand hinter dem Altar hingen. Sie flankierten ein gigantisches Zitat aus Luthers Reformationslied: "Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen".

Nachdem die Pauluskirche den Zweiten Weltkrieg relativ unbeschadet überstanden hatte, wurde sie 1964 vom Staat an die Gemeinde übergeben. Die Garnisonkirche wurde plötzlich zivil, und das sollte man auch sehen. Deshalb wurden die meisten Elemente mit militärischen Bezügen entfernt. Dazu gehörten neben den Speyer-Bildern, die dem Ulmer Museum zur Verwahrung anvertraut wurden, auch das Luther-Zitat und das schwarz-weiße Schachbrettmuster an den Seitenwänden. Ein neuer Terazzoboden ersetzte die dichtgestaffelten Holzbänke, die Platz für 2000 Soldaten geboten hatten. Die nüchternen Fensterelemente, die man heute noch teilweise im Eingangsbereich der Kirche findet, wurden durch die jetzigen bunten Kirchenfenster ersetzt.

"Es gab sogar Überlegungen, das überlebensgroße Kruzifix von Adolf Hölzel hinter dem Altar aus der Wand zu meißeln", erzählt Schloz-Dürr. Wohl weil es einst der Staat in Person des württembergischen Königs Wilhelm II. in Auftrag gegeben hatte. "Glücklicherweise kam es aber nicht dazu", meint Schloz-Dürr. Schließlich sei die Christus-Darstellung eines der ersten abstrakten Werke Hölzels.

Anstelle der Reiterbilder wurde an der Wand hinter dem Altar von Klaus Arnold ein aufwändiges Wandgemälde angebracht. Um dieses, erst vor wenigen Jahren renovierte Fresko nicht zu beschädigen, hat Schloz-Dürr bei seiner Ausstellung darauf verzichtet, die Reiterbilder an ihrem ursprünglichen Platz zu zeigen. Bei ihrer Rückkehr in die Pauluskirche müssen sie nun mit den Seitenwänden vorlieb nehmen. Dort sollen sie bis 2018, also genau hundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, hängen bleiben. "Wenn wir sie dann satt haben, nehmen wir sie runter und wenn wir faul sind, lassen wir sie hängen", prophezeit Schloz-Dürr schmunzelnd.

Christian Speyer: Ein Spezialist für Pferdedarstellungen

Der Künstler Christian Speyer wurde am 21.2.1855 als Pfarrerssohn in Vorbachzimmern bei Mergentheim geboren. Er besuchte zunächst das Evangelisch-Theologische Seminar in Blaubeuren, schrieb sich dann 1873, gegen den Willen seiner Eltern, an der Kunstakademie in Stuttgart ein. Ab 1883 lebte er mit Unterbrechungen in München und lehrte ab 1901 als Professor an der Stuttgarter Akademie. Dort begann die Zusammenarbeit mit Theodor Fischer, dem Architekten der Ulmer Pauluskirche.

Die Bilder Der Architekt beauftragte Speyer, die drei mal fünf Meter großen Bilder für die Ulmer Kirche zu malen. Bemerkenswert ist der Hintergrund der Bilder. Dabei handelt es sich erkennbar um die Oberelchinger Donaulandschaft, wo 1805 die große Schlacht zwischen den französischen und österreichische Armeen stattfand. Mit den biblischen Motiven ergibt sich daraus eine ungewöhnliche, beinahe sakrale Pferde- und Reitersymbolik.

Ausstellung Am Sonntag, 10 Uhr, wird in der Pauluskirche die Ausstellung "Romantik und Realismus des Krieges" eröffnet. Sie ist dort bis 23. September zu sehen: Di-So, 9-16 Uhr.

Zur Eröffnung werden Pfarrer Adelbert Schloz-Dürr und die Ulmer Museums-Direktorin Gabriele Holthuis über die Bilder Speyers sprechen. Danach wird der Schauspieler Walter Frei aus den Gedichten des elsässischen Dichters Ernst Stadler lesen. Der frühexpressionistische Autor fiel im Ersten Weltkrieg.

SWP

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