Gedenkstätte Keine Hundehütten für Flüchtlinge

Integration auf genossenschaftliche Art: In Hettingen mussten die künftigen Bewohner der Häuser selber Hand anlegen. Nur drei einheimische Familien konnten sich mit diesem Projekt anfreunden.  Foto: Thomas Wolf © Wüstenrot Stiftung
Integration auf genossenschaftliche Art: In Hettingen mussten die künftigen Bewohner der Häuser selber Hand anlegen. Nur drei einheimische Familien konnten sich mit diesem Projekt anfreunden. Foto: Thomas Wolf © Wüstenrot Stiftung © Foto: Thomas Wolf © Wüstenrot Stiftung
Buchen / Hans-Georg Frank 14.06.2018

Wenn Paula Lutum-Lenger den schlichten Türgriff aus Holz berührt, glaubt sie den „Atem der Geschichte“ zu spüren. Die Ausstellungsleiterin des Hauses der Geschichte (HdG) hat fast 50 Projekte verwirklicht, doch besonders angetan ist sie von einem Häuschen mit großer Bedeutung.

In Hettingen, heute Stadtteil von Buchen, wird am Sonntag das „Eiermann-Magnani-Haus“ eröffnet. Es ist das original erhaltende Überbleibsel der sozialen Mustersiedlung „Neue Heimat“. Sie konnte nur entstehen, weil der charismatische Pfarrer Heinrich Magnani (1899–1977) und der geniale Architekt Egon Eiermann (1904–1970) eine Gemeinschaftsleistung vollbrachten, die heute wieder als Wunder gefeiert wird.

In das Dorf mit 1500 Einwohnern strömten von 1946 an gut 500 Flüchtlinge, die untergebracht werden mussten. „Es gab keine Hallen, keine Aufnahmezentren und keine Willkommenskultur“, erinnert Thomas Schnabel, Chef des HdG. Aber es gab den Pfarrer, dessen Marschrichtung alternativlos war: „Runter von der Kanzel, rein in die Not.“

Christliche Nächstenliebe

Der Mann Gottes machte seinen Schäfchen klar, dass sie den Vertriebenen aus christlicher Nächstenliebe helfen müssten. Seine Baugenossenschaft sollte den Mangel an Wohnraum beseitigen. Die Pläne ließ er von jenem Egon Eiermann zeichnen, der später weltberühmt wurde mit der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und dem „Langen Eugen“, dem Abgeordnetensilo in Bonn. Diesen begnadeten Architekten fand Magnani ganz in der Nähe. Eiermann war, nach der Zerstörung seines Büros bei Berlin, in den Geburtsorts seines Vaters gelaufen – nach Buchen.

„Hundehütten“ lehnte Eiermann ab, die zweckmäßigen Häuser sollten viele Jahre bewohnbar sein. Ornamentaler Schnickschnack war nicht in seinem Sinn. Selbst „Schränke in der üblichen Form“ waren tabu, stattdessen stellte er ein heute noch futuristisch anmutendes Holzgestell in einen kleinen, gut durchlüfteten Raum. Damit hatte er die Sozialwohnung mit einem begehbaren Kleiderschrank ausgestattet.

Der Eiermann-Standard orientierte sich am Besten, was in der kargen Nachkriegszeit zu bekommen war. Dass ausgerechnet die Vertriebenen mit ihren Elektroherden besser wohnten als die Einheimischen, dass sie einen Abort im Haus hatten, während viele angestammte Hettinger für ihr Geschäft oft über den Hof mussten, wurde misstrauisch beäugt. Auch die Badewanne wurde geneidet, obwohl warmes Wasser aus dem Erdgeschoss hoch getragen werden musste.

Von 46 geplanten Häusern wurden 22 verwirklicht. Eines der unterkellerten Eigenheime aus Backstein ist von Modernisierungen weitgehend verschont geblieben. Für 500 000 Euro wurde es innerhalb von fünf Jahren in eine Gedenkstätte verwandelt. 85 Prozent davon hat die Wüstenrot-Stiftung beigesteuert. „Das ist nicht nur ein Denkmalprojekt, sondern sozialgeschichtlich ein unglaublicher Leckerbissen“, erklärt Philip Kurz, Geschäftsführer der Stiftung.

Leben auf 90 Quadratmetern

Ein Verein hatte das Haus 2012 erworben. „Die letzten Bewohner hatten wenig Geld und deshalb wenig verändert“, erklärt Mitglied Karl Mackert, „ihr finanzieller Missstand ist unser Glück.“ So lässt sich bestaunen, wie sieben Menschen auf 90 Quadratmetern zusammenlebten, wie sie sich vom eigenen Garten mit Gemüse versorgten. Ein „Erinnerungsspeicher“, wie Paula Lutum-Lenger die Ansammlung persönlicher Objekte nennt, stellt die Familie Hutter vor, die aus dem Sudetenland nach Hettingen gekommen ist. Auch sie hat vom Pfarrer ein Holzkreuz bekommen, gefertigt aus der Empore der örtlichen Kirche. Tischaltar mit Spieluhr, Krippe und Wachsbild zeugen von ihrer Frömmigkeit.

Die Initiative des Pfarrers vor 70 Jahren sei „etwas ganz Außergewöhnliches“ gewesen, betont Thomas Schnabel, „man könnte fast meinen, dies sei eine Erfindung für die Entwicklung der letzten Jahre“.

Architekt, Pfarrer und eine Modellsiedlung

Öffungszeiten Das Eiermann-Magnani-Haus steht in Buchen-Hettingen, Adolf-Kolping-Straße 29. Öffnungszeiten von Mai bis Oktober sonn- und feiertags von 14 bis 17 Uhr, mittwochs 17 bis 19.30 Uhr. Eintritt für Kinder und Schüler frei, Erwachsene zahlen 2.50 Euro, die Führung für Gruppen kostet 30 Euro.

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