Am 5. April 1815 brach auf der Insel Sumbawa im heutigen Indonesien der Vulkan Tambora aus mit einer Gewalt, die bis heute nicht wieder beobachtet wurde. Sie entsprach 170 000 Hiroshima-Bomben und schleuderte etwa 140 Milliarden Tonnen Material in die Luft. Das war neben weiteren, kleineren Wetteranomalien Auslöser einer der schlimmsten Hungersnöte, die Europa in den letzten 300 Jahren heimgesucht hat. Darüber berichtete Michael Wettengel, Leiter des Ulmer Stadtarchivs, im vollen Vortragssaal des Museums für Brotkultur. Thema seines Vortrags: „Das Jahr ohne Sommer: Die Hungerzeit 1816/17 in der Region Ulm.“

Hagel zerstörte die Ernte

Dieses „Jahr ohne Sommer“ hatten die Schwefelgase und etwa 150 Kubikkilometer Staub und Asche verursacht, die in die Atmosphäre geschleudert worden waren. Sie hemmten die Sonnenstrahlen derart, dass der Sommer 1816 zu einem der kältesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen wurde. In Württemberg, so Wettengel, lag er bei etwa 2,5 Grad unter dem Durchschnitt. Dies sowie Dauerregen und schwere Gewitter führten zu verheerenden Missernten.

Die trafen die Bevölkerung just nach den Napoleonischen Kriegen, in denen die durchziehenden Truppen die Vorräte der Bauern geplündert hatten. Wettengel zitierte den Geißlinger Bäckermeister Johann Daniel Kemmel: „Wir hatten in den vergangenen Kriegs-Jahren vieles auszustehen, und viele tausende fremde Völker gespeiset. Aber siehe! Mitten in den besten Zeiten, da die Friedens-Sonn am herrlichsten leuchtete, entzog der Herr uns seinen so milden Seegen.“

Am 1. Mai begann der Dauerregen. Es gab kein Obst, das Getreide wurde spät geerntet. Zuvor hatte der Hagel ein Drittel davon zerschlagen. Die Folge: Bereits Ende Juni begannen die Preise zu steigen. Auf dem Höchststand der Krise am 17. Juni 1817 lagen sie bei einem Vielfachen. Das wiederum hatte zur Folge, dass das Geld für die Güter des täglichen Bedarfs fehlte, worunter der gewerbliche Sektor litt.

Es kam zu Notverkäufen und Zwangsversteigerungen. Die Reichen, die davon profitierten, wurden reicher und die Armen ärmer. Ihre Zahl wuchs, ebenso die ernährungsbedingten Mangelerkrankungen. Der „Hungertyphus“ (Fleckfieber) raffte viele dahin.

Die Bettelei wurde zum Massenphänomen. Weitere Folgen: die  massenhafte Auswanderung und die Stärkung religiöser Bewegungen, die etwa 1818/19 zur Entstehung der Brüdergemeinde Korntal führte. Die Regierung musste handeln. Ende 1816 gelangte Wilhelm I. auf den württembergischen Königsthron. Zusammen mit seiner Frau Katharina Pawlowna, einer Tochter des russischen Zaren, wirkte er der Krise entgegen. Zölle wurden eingeführt, um die Ausfuhr des knappen Getreides zu verhindern. Im Juni 1817 wurden Lebensmittel-Höchstpreise festgelegt. Daneben private Hilfe gefragt. In Ulm beispielsweise richtete im Herbst 1816 die städtische Armen-Kommission eine Suppenanstalt für Bedürftige ein.

Bedrohung durch Supervulkane

Die Explosion des Tambora bescherte Württemberg auch eine Reihe bis heute nachwirkender Einrichtungen. So wurden 1817  die ersten Schritte zur Aufhebung der feudalen Bindungen unternommen und der Landwirtschaftsverein gegründet. Im Jahr darauf folgte die landwirtschaftliche Unterrichts-, Versuchs- und Musteranstalt, ein Vorläuferinstitut der Universität Hohenheim. 1818 fand erstmals in Cannstatt  das Landwirtschaftliche Fest statt, eine Art Leistungsschau: der heutige „Cannstatter Wasen“. Schließlich wurde 1818 die Württembergischen Landessparkasse gegründet.

Das war vor 200 Jahren. Und heute? Alles im Griff? Keineswegs. Am Ende seines Vortrags wies Wettengel auf die Supervulkane unter dem Yellowstone-Nationalpark oder der Phlegräischen Felder bei Neapel hin. Jeder für sich, so Wettengel, könnte die Katastrophe von 1815 übertreffen: „Schon morgen kann ein solcher gigantischer Vulkanausbruch mit globalen Auswirkungen stattfinden.“

Das Schlimmste überstanden


Erntedank Girlanden schmückten die hochbeladenen Erntewagen, die nach der Hungersnot am 5. August 1817 von Pferden auf den Ulmer Münsterplatz gezogen wurden. Der Maler und Kupferstecher Johannes Hans hat diese denkwürdige Szene in seinem Bild festgehalten. Unter dem Bild steht ein Gedicht:
„Es war ein trübes Jahr, ein Jahr der Sorgen. / Die Länder drückte schwer des Mangels Not: / Der Arme sprach mit Tränen jeden Morgen: / Wo find ich heut für meine Kinder Brot! / Die Freude hatte sich verhüllt, verborgen. / Wo sonst sie weilte, war es still und tot. / O öffne deinen Schoos, du Mutter Erde – / so flehten wir – „dass uns geholfen werde!“ / Und seht: Ein schöner Tag ist aufgegangen / Und Freude lacht aus jedes Menschen Blick / Es zieht heran mit Jauchzen und mit Prangen / Des Feldes Segen und des Volkes Glück! / O laßt mit Dankeshymnen es empfangen: / Nun kehret bald uns
schönre Zeit zurück! / Dann möge dieses Bild den fernen Tagen / noch unsern Schmerz und unsere Freude sagen.“ pn