Rock Kanadische Bands bringen Schleyerhalle  zum Beben: Billy Talent, Monster Truck und The Dirty Nil

Billy-Talent-Sänger Benjamin Kowalewicz. Foto: Claudia Reicherter
Billy-Talent-Sänger Benjamin Kowalewicz. Foto: Claudia Reicherter © Foto: Claudia Reicherter
Stuttgart / Claudia Reicherter 02.12.2016

So sieht das also aus, wenn ein Kanadier einen „real shitty day“ hat: Benjamin Kowalewicz, Sänger der Alternative-Rock-Band Billy Talent aus Toronto, tänzelt über die Bühne wie ein junger Bobby Gillespie. Er lächelt, lacht, strahlt. Gestikuliert, grimassiert, spielt Luftgitarre, gibt eine Liebeserklärung an die Deutschen ab – und nennt den neuen US-Präsidenten einen „schlechten Traum“. Der 40-Jährige hat an diesem Abend vor 7500 restlos begeisterten Fans in der Stuttgarter Schleyerhalle zwar nicht die beste Gesangsstimme vorzuweisen. Aber dafür eine vernünftige Gesinnung. Und reichlich Energie.

Die fehlt auch jener Band nicht, die diese Rock-Party im Zeichen der Ahornflagge eröffnet hat: The Dirty Nil. Der Dreier aus Dundas, auf halbem Weg zwischen Toronto und den Niagarafällen, macht das, womit Billy Talent vor mehr als 20 Jahren – damals noch als Pezz – ebenfalls begonnen hatten: schnellen, lauten, rohen Punk­rock. Samt Windmühlengesten und Grätsche. Da verweigern am Ende glatt die Boxen den Dienst.

Die Musiker von Monster Truck aus Hamilton am Lake Ontario sehen nicht nur retro aus, sondern klingen auch, als  hätten sie schon mal von Motörhead, Led Zeppelin und Deep Purple gehört. Live kommt das aber so frisch und echt und wild rüber, dass die Herzen dem langhaarigen Vierer ungebremst zufliegen.

Können das Billy Talent noch toppen? Yep. Benjamin Kowalewicz, Gitarrist Ian D’Sa, Basser Jonathan Gallant und Alexisonfire-Schlagzeuger Jordan Hastings, der den an MS erkrankten Aaron Solowoniuk vertritt, hauen in 90 Minuten einen rund 20-teiligen Querschnitt ihres Schaffens der vergangenen 13 Jahre raus. Punk­rock klingt da noch durch. Das Drei-Akkorde-Korsett brechen diese wilden Erbe Cohens aber mittels stylishem Corporate Design, ausgedehnter Stücke und virtuoser Soli auf. Das macht Spaß. Und die ausdauernd pogenden Fans heben im Gegenzug die Stimmung des angeschlagenen Sängers. Claudia Reicherter