Theater Kafkas „Amerika“ am Schauspiel Stuttgart

„Amerika“ in Stuttgart zwischen Traumerzählung und Schelmenroman.
„Amerika“ in Stuttgart zwischen Traumerzählung und Schelmenroman. © Foto: JU
Stuttgart / Otto Paul Burkhardt 16.04.2018

Einer, der sonst immer da ist, fehlte am Premierenabend: Klaus Dörr, der Stellvertreter von Intendant Armin Petras und künstlerische Direktor des Stuttgarter Schauspiels. Denn Dörr musste als Krisenmanager und Interims-Leiter an die Berliner Volksbühne, wo Intendant Chris Dercon das Handtuch geworfen hatte. Als Nachfolger von Dercon ist unter anderen Dörrs Chef im Gespräch: Armin Petras. Noch bis Juli läuft dessen letzte Saison hier, in der er wie versprochen noch einmal kräftig aufgedreht hat.

Immer wieder auch mit Prosa. Kürzlich war Hesses „Steppenwolf“ dran, am Freitag feierte Franz Kafkas Fragment „Amerika“ Premiere. Das unvollendete 250-Seiten-Werk wird derzeit oft fürs Theater umgemodelt – am Hamburger Thalia, in Bremen, am Deutschen Theater Berlin. Bei der Geschichte des 16-jährigen Karl Roßmann, „der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und von ihm ein Kind bekommen hatte“, ist bis heute strittig, ob Kafka ein eher düster oder hell endendes Abgeschobenen-Schicksal schildert. Lilja Rupprecht, die in Stuttgart für Bühnenfassung und Regie verantwortlich zeichnet, verzichtet jedenfalls auf USA-Klischees. Und auf Trump.

Rupprecht findet subtilere Bilder: Erst eine Art Lametta-Vorhang, der verführerisch glitzert und doch abweisend wirkt, die Welt dahinter nur vage erahnen lässt. Später öffnet er sich und zeigt eine riesige Leere – eine schräge, langsam rotierende Scheibe, einen Präsentierteller, der alle Beteiligten mal nach oben, mal nach unten befördert (Bühne: Anne Ehrlich).

Bei Ferdinand Lehmann, neu im Ensemble, ist Karl Roßmann ein Ausgesetzter, der in seinem Kampf um kleine Jobs erfolglos bleibt und sich von Gaunern übertölpeln lässt. Ständig wird er neu eingekleidet – bis er nach Fehlschlägen nackt dasteht, ausgespuckt von einem für ihn undurchschaubaren System, das sich zuweilen als mahlendes, stampfendes Räderwerk offenbart. Nur: Die Regie lässt die Figuren nicht nur spielen, sondern auch sehr, sehr viel Handlung erzählen, was ein bisschen wie zähflüssiges Stoff-Abarbeiten wirkt – das Problem vieler Roman-Adaptionen. Doch Rahel Ohm als barocke Opern-Walküre Brunelda im fetten Eva-Kostüm und Moritz Grove als aufgeblasener Oberkellner im Michelinmännchen-Look bringen Schwung und Witz in den stagnationsbedrohten Ablauf.

Rupprecht mag sich nicht zwischen Traumerzählung und Schelmenroman, Systemdiagnose und Stationendrama entscheiden. Doch im Vermeiden von Stereotypen, im verwirrenden Spiel zwischen gleißender Verheißung und undurchsichtigem Dschungel trifft die Inszenierung etwas vom Ton des Romans. Gescheitert? Vielleicht, aber auf hohem Niveau.