Schauspiel Joyces „Ulysses“ als Traumspiel-Collage

Ulrich Matthes im Zentrum des Geschehens.
Ulrich Matthes im Zentrum des Geschehens. © Foto: Arno Declair
Berlin / Christoph Müller 25.01.2018

Ein Roman von tausend Seiten, das darf auf der Bühne schon mehr als vier Stunden in Anspruch nehmen. James Joyces „Ulysses“ aus dem Jahr 1922 ist der enigmatischste und deshalb für ewigen Literaten-Deutungsstreit sorgende Großroman des 20. Jahrhunderts. So gut wie keine Handlung, nur irrlichternde Bewusstseinsströme im alkoholvernebelten Kopf des Dubliner Anzeigenwerbers Leopold Bloom, dessen Tagesablauf vom 14. Juni 1904 geschildert wird. „Stets taucht plötzlich jemand auf“, sagt er, „an den man nicht im Traum gedacht hätte.“

Mit solchen diesseits des Traums auftauchenden Zufalls-Be­gegnungen arbeitet er sich an allen nur denkbaren Welträtseln ab. Bis hin zu den Elementarteilchen und der Quantenphysik, alle Glaubensfragen der katholischen Kirche von der Wiederauferstehung bis zur außer Kraft gesetzten Sexualmoral inklusive.

Sebastian Hartmann, überzeugter Castorfianer, hält sich diesmal nicht an sein Vorbild, sondern orientiert sich eher an Robert Wilson, der ja auch keine Handlungen brav nacherzählt, sondern eigene bunte Weltbilder den literarischen Worten entgegensetzt. Im Deutschen Theater hat Hartmann vor zwei Jahren Döblins „Berlin Alexanderplatz“ auseinandergenommen. Bei Joyce nun assoziiert er gleich den ganzen Weltraum mit zwei magisch herniederschwebenden Disco-Kugeln, die sich als Planeten entpuppen und stark an Kubricks Film  „2001 – Odyssee im Weltraum“ erinnern.

Im übrigen alles ort- und zeitlos. Auch keine personifizierten Figuren, also kein Leopold Bloom. Überhaupt nichts direkt Irisches, außer dem hellen wortspielerischen Witz aller irischen Dichter. Auch ohne direkten Zusammenhang reiht sich so traumartig Episode an Episode. Das hat etwas Anekdotenhaftes.

Für die zehn Darsteller gibt es bei ihren Sprech-Akten wenig Spielanlass. Umso mehr können sie sich, ein bisschen zirzensisch und choreografisch aufgelockert, auf den hörbuchhaften Vortrag der von Hartmann klug ausgewählten Roman-Extrakte konzentrieren. Auftritt, Abtritt, Lichtwechsel und relativ dezent dröhnende Background-Musik. Die gehaltvollsten Monologe sind dem exzellenten Ulrich Matthes vorbehalten – ihm lauscht man denn auch gefühls-anteilnehmend besonders gebannt.

Ansonsten genügt es, wenn man bereit ist, mehr als vier Stunden lang nicht selten witzig ­for­mulierten philosophischen  Denkübungen über das erdenwallende Leben und Sterben illusionsloser Allzeit-Menschen zuzuhören. Ein zweiter Lazarus erhebt sich von den Toten und behauptet, Original-Joyce: „Europa lebt!“ Immerhin.

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