Stolzer Tiger, wilder Drache Japanische Tempelmalereien in Zürich

Zürich / Von Christiane Oelrich, dpa 03.09.2018

Sieben Meter Tiger, sieben Meter Drache: Diese bedeutenden Kulturgüter Japans, spektakuläre Tuschebilder auf Papier, sind nie auf Reisen, schon gar nicht nach Europa. Dem Museum Rietberg in Zürich ist ein einmaliger Coup gelungen: Weil der Muryoji-Tempel in Kushimoto renoviert wird, hat die Regierung einmalig eine Ausreisegenehmigung erteilt.

Nur für acht Wochen, und nur im Zürich sind die Wandgemälde aus dem Tempel vom 6. September an zu sehen. Das Museum hat die 48 Paneele mit Leihgaben aus Museen und Privatsammlungen aus Japan, den USA und Deutschland ergänzt und kann deshalb das ganze Wunderwerk des Malers Nagasawa Rosetsu (1754-1799) auf einmalige Weise zeigen, etwa 60 Stücke sind zu sehen.

Wer Japan kenne, werde überrascht, verspricht Museumsdirektor Albert Lutz: „Alle, die schon in Japan waren, begegnen hier einem Künstler, den sie so noch nicht gesehen haben“, sagt Lutz der Deutschen Presse-Agentur. „Allen, die einmal das wunderbare Reiseland Japan besuchen wollen, gibt die Ausstellung einen Vorgeschmack, was es in diesem Land zu entdecken gibt.“

Die wichtigsten Bilder sind Darstellungen von Tiger und Drache, überdimensional groß, an zwei gegenüberliegenden Wänden. In der auch in Japan verbreiteten antiken chinesischen Kosmologie ist der Tiger der Beschützer des Westens, der Drache der Beschützer des Ostens. Rosetsu soll beide in einem Kreativrausch 1786 in einer einzigen Nacht gemalt haben, sagt Kuratorin Khanh Trinh. Es ist schwer, sich dem magischen Blick des Tigers zu entziehen.

„Rosetsu gibt Tieren oft einen geradezu menschlichen Ausdruck“, sagt Trinh. Zum Beispiel bei den Kranichen auf einem Felsen: Sie scheinen ihr Territorium mit geradezu vorwurfsvollem Blick gegen unwillkommene Konkurrenten zu verteidigen. Und Hundewelpen schauen mit demselben niedlichen Gesichtsausdruck wie Babys neugierig in die Welt.

Rosetsu muss eine schillernde Persönlichkeit gewesen sein. „Er hatte einen aufbrausenden Charakter, und kam wohl nicht mit allen gut aus“, sagt Trinh. Mit 45 starb er plötzlich auf einer Reise. Wurde er von dem Diener eines Feudalherren vergiftet, der eifersüchtig über die Aufmerksamkeit war, die sein Herr dem Maler schenkte? Wurde er aus Neid von einem Rivalen umgebracht? „Man weiß es nicht“, sagt Trinh.

Sein Stil war unkonventionell in den damals strengen Zeiten, mal malte er mit feinstem Pinselstrich, dann grob, sogar mit den Fingern. Sehr naturnahe Tierdarstellungen wechseln teils im selben Bild mit einer fast abstrakten Darstellung etwa eines Wasserfalls. Immer wieder blitzt der Humor des Malers durch: In einem Bild ist im Fell eines Hundes eine winzige Zecke zu sehen. Bei der Darstellung einer Tempelschule huscht irgendwo eine Maus durchs Bild und einer der Jungen macht unter dem Tisch freche Faxen. Einen Brief an einen Auftraggeber schmückt Rosetsu mit der Karikatur eines trinkenden Mannes. „Es ist wohl ein Selbstbildnis“, sagt Trinh.

Ein überlebensgroßes Bild zeigt Shoki, einen Dämonenbezwinger mit stechendem Blick. Nach der Sage war dies ein Chinese, den der Kaiser wegen seiner Hässlichkeit nicht als Beamten einstellen wollte. Voller Gram brachte der Mann sich um. Daraufhin überkam den Kaiser Reue, er ließ ihn ehrenvoll begraben, der Möchte-Gern-Beamte im Jenseits war versöhnt und übernahm fortan das Amt als Dämonenbezwinger für Kaiser und Reich. Zu sehen ist auch die Königinmutter des Westens, die Langlebigkeit verspricht. Sie hält einen delikaten Pfirsich in der Hand, der von ihrem Baum stammt, der nur alle 3000 Jahre Früchte trägt.

Für die 48 Tempel-Paneele hat sich das Museum etwas Besonderes ausgedacht: „Um die Bilder in ihrem originalen Setting zeigen zu können, haben wir mitten in der Ausstellung diesen Tempel nachgebaut“, sagt Lutz. Das Innere des Tempels ist gemeint, ohne eines der für Japan typischen geschwungenen Tempeldächer. „Die Besucherinnen und Besucher können den berühmtesten gemalten Tiger Japans und sein Gegenüber, einen mit Tusche hingeworfenen, fantastischen Drachen, so sehen, als wären sie zu Besuch im Tempel.“

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