Roman James Baldwin: Von der Liebe und dem Zorn

New York/München / Ulrich Rüdenauer 28.07.2018

Die „New York Times“ konstatierte 2014, aus Anlass des 90. Geburtstags von James Baldwin, ein Verblassen seines Ruhms. Kaum fünf Jahre später hat sich das umgekehrt; das Werk des afroamerikanischen Autors erfährt in den USA eine bemerkenswerte Renaissance. Das hat natürlich mit Baldwins Literatur zu tun, mit seiner Sprache. Aber auch mit seiner von der eigenen Biografie geprägten Haltung – eine differenzierte, gleichwohl dezidierte Anklage der Bigotterie, des Rassismus und der Widersprüche Amerikas.

In dieser Hinsicht hat Baldwin wenig an Aktualität verloren. Seine Texte wirken wie Kommentare zu den Ereignissen von Ferguson, zur White-Supremacy-Ideologie, zur noch immer eklatant hohen Inhaftierungsrate schwarzer Männer in amerikanischen Gefängnissen. Die Black-Lives-Matter-Bewegung beruft sich ebenso auf ihn wie es einige jüngere afroamerikanische Autoren wie Teju Cole oder Ta-Nehisi Coates tun.

James Baldwin, 1924 in Harlem, New York City geboren und 1987 in Frankreich gestorben, war nicht nur einer der begabtesten, literarisch interessantesten Schriftsteller seiner Generation. Er war und ist auch eine Ikone der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, ein Vorbild für viele Schwule, ein öffentlicher Intellektueller, der seiner Wut angesichts der Spaltung in den USA Ausdruck verlieh und dennoch nie den Glauben daran aufgeben wollte, dass sich die Vernunft durchsetzen werde.

Das wiedererwachte Interesse an Baldwins Büchern erreicht nun auch Deutschland. Im Herbst erschien sein erster Roman „Go Tell It To The Mountain“ von 1953 unter dem Titel „Von dieser Welt“. Die autobiografisch gefärbte Geschichte eines jungen schwarzen Mannes inmitten seiner religiösen Welt und zerrissenen Familie wurde zu Recht gefeiert. Nun legt dtv mit einem Roman aus dem Spätwerk nach: „Beale Street Blues“, 1974 unter dem Original-Titel „If Beale Street Could Talk“ erschienen, ist eine Liebesgeschichte in Zeiten des Kriegs.

Der Krieg findet auf den Straßen statt; seine Ursache sind Rassenhass und Unterdrückung. Erzählt wird die im New York der 1970er spielende Geschichte von Clementine Rivers, genannt Tish, einer jungen Angestellten, die um ihren Freund Fonny kämpft. Seit Kindertagen sind die beiden unzertrennlich. Fonny schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch und hat den Traum, als Bildhauer leben zu können. Baldwin zeichnet das afroamerikanische Milieu Harlems mit größter Genauigkeit; die kleinen Distinktionsversuche der schwarzen Familien werden präzise wahrgenommen, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Vierteln der Stadt treten zu Tage. Es gibt in diesem Roman kein banales Schwarz-Weiß, jeder scheint gefangen in einem tradierten System, dessen Überwindung schier unmöglich ist.

Fonny wird von einem irisch-stämmigen Cop zu Unrecht einer Vergewaltigung geziehen, landet im Gefängnis, während Tish ein Kind von ihm erwartet. Es ist bewegend, wie die Familie der jungen Frau alles daran setzt, den Unschuldigen aus der Falle zu befreien, in die er und viele andere junge Männer getrieben werden. Der Autor Daniel Schreiber merkt in seinem klugen Nachwort an, „Beale Street Blues“ sei Baldwins „erschütterndstes Buch über die Psychologie des Rassismus“. Das trifft es genau: Es handelt sich nicht um einen plakativ anklagenden Roman, sondern um die Offenlegung rassistischer Mechanismen und Strukturen mit den feinen Mitteln des begnadeten Erzählers.

Seine Figuren sind dabei so komplex, so stark in ihrer Verzweiflung, so eigensinnig, dass sie nicht Gefahr laufen, für einen Thesen- oder Protestroman missbraucht zu werden. Und doch ahnt man in jeder Szene, welch zerstörerische Kraft die Geschichte der USA und die Gesellschaft auf sie ausübt. Bei aller Wut und Ausweglosigkeit, die in diesem Buch stecken, trägt „Beale Street Blues“ aber auch eine Hoffnungsbotschaft in sich: Freundschaft und Zusammenhalt scheinen bei Baldwin auf als akkurate Mittel des Widerstands. In seiner Literatur bleibt beides lebendig – die Liebe und der Zorn.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel