Ja zum echten Dialekt

Weder Wirt und Bürgermeister Gottfried Häberle (Christian Pätzold, links) noch seine drei Grazien (von links) Maria (Natalia Wörner), Christine (Karoline Eichhorn) und Klara (Julia Nachtmann) sind auf den Mund gefallen. Neben einem deftigen "Scheißdreck" kommen da allerhand alte Weisheiten raus. Fotos: Camino Filmverleih
Weder Wirt und Bürgermeister Gottfried Häberle (Christian Pätzold, links) noch seine drei Grazien (von links) Maria (Natalia Wörner), Christine (Karoline Eichhorn) und Klara (Julia Nachtmann) sind auf den Mund gefallen. Neben einem deftigen "Scheißdreck" kommen da allerhand alte Weisheiten raus. Fotos: Camino Filmverleih
CLAUDIA REICHERTER 20.08.2012
Eine Pforzheimerin erntet mit ihrem Film "Die Kirche bleibt im Dorf" derzeit bei Previews Jubel. Warum? Weil bei ihr die Darsteller endlich mal nicht schwäbeln, sondern richtig schwäbisch schwätzen.

Endlich haben wir auch einen Marcus H. Rosenmüller. Die Filmemacherin, die - wie jener das Bayerische - jetzt das Provinziell-Schwäbische aus der Bruddelecke ins Licht der heiteren Leichtigkeit einer Kinokomödie holt, heißt Ulrike Grote. Mit ihrer diese Woche anlaufenden Komödie "Die Kirche bleibt im Dorf" wandelt die Drehbuchautorin und Regisseurin so bewusst wie gekonnt auf den Spuren des Kollegen, der seit ein paar Jahren für erfrischend moderne Heimatfilme wie "Wer früher stirbt ist länger tot", "Beste Zeit" und, ganz neu, "Wers glaubt wird selig" sorgt.

Die zunächst zur Schauspielerin, dann zur Regisseurin ausgebildete Grote, deren Hochschul-Abschlussfilm "Der Ausreißer" 2006 für den Oscar nominiert war, setzt auf eine wohldosierte Mischung aus Brachialhumor, Situationskomik und feinem Sprachwitz, aus wohlgelittenem Klischee und aktueller Anspielung. Dazu kommt echter Dialekt samt der damit zusammenhängenden Verständigungsschwierigkeiten. Die Story um zwei rivalisierende Dörfer, denen ihre Kirche abhanden zu kommen droht, ist nicht allzu anspruchsvoll, aber spannend und vor allem spaßig. Immer wieder zitiert die Regisseurin Größen des Film- und Theaterschaffens: Werner Herzog, das Wirtschaftswunderkino und sogar Shakespeare. Dazu beschert uns Grotes erster Kinofilm unsere eigene Penelope Cruz: Natalia Wörner hat sie die Rolle der temperamentvoll-sexy-sturen Maria Häberle auf den Leib geschrieben. Die aus Stuttgart stammende Schwäbin macht den von Cruz verkörperten Vollblutweibern in "Volver" und "Vicky Cristina Barcelona" alle Ehre.

Auch die oft nordisch-kühl wirkende Stuttgarterin Karoline Eichhorn überrascht in der Rolle von Marias jüngerer Schwester als gebildeter Bauerntrampel. "Ich weiß, dass sie hervorragend schwäbisch spricht, und habe die Rolle der Christine Häberle für sie geschrieben", sagt Grote. Julia Nachtmann, die dritte im Bunde der Häberle-Schwestern, um die sich die Komödie dreht, ist eine ehemalige Schauspielschülerin der 49-Jährigen. Sie kommt aus Filderstadt. Dass den Darstellern der Dialekt in die Wiege gelegt wurde, ist bei "Die Kirche bleibt im Dorf" Programm. Den "Vaddr" Häberle spielt der Tübinger Christian Pätzold, Marias Angebeteten gibt der Pforzheimer Stephan Schad, dessen Bruder Hans Löw, der in Stuttgart groß wurde. Sogar der Waiblinger Dietz-Werner Steck darf anders als sein Fernsehkommissar-Bienzle nicht nur schwäbeln, sondern richtiggehend schwätza. Nur zwei Nicht-Schwaben sind dabei: ein Amerikaner, der einen Amerikaner spielt, und Peter Jordan, der dessen hochdeutschen Kompagnon gibt. So ist nicht nur ein Lapsus wie eine badisch "singende" Giengenerin Margarete Steiff ausgeschlossen, so verhindert Grote auch, dass die Schwaben als blöd hingestellt werden. Dafür sind ihre Figuren viel zu authentisch.

Nicht zuletzt beschert sie uns in der mit launigem Balkan-Brass unterlegten Komödie auch noch einen eigenen Robert Redford - naja, fast.

Auf Authentizität setzend, hatte Grote zunächst beim echten Hollywoodstar angefragt. Doch der war für die Produktion ihrer Firma Fortune Cookie nicht zu haben. So engagierte sie den bisher vor allem als Unterhosenmodel und TV-Mime in Erscheinung getretenen Doppelgänger Gary F. Smith. Der kann inzwischen "Schnegge" sagen, lebte er doch während der Dreharbeiten fast drei Monate in Baden-Württemberg. Bei den Drehorten allerdings nahm es Ulrike Grote weniger genau: Kirche, Ruine und Gruft fand sie bei Emmendingen, weitere Aufnahmen entstanden rund um Sexau, Waldshut und Maleck - in Baden also. Die auf den Film folgende Fernsehserie immerhin wird im Württembergischen gedreht, in Mundelsheim bei Ludwigsburg.

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