Kino Interview mit Oscar-Favorit Guillermo del Toro

Los Angeles / Dieter Oßwald 13.02.2018

Guillermo del Toro gilt als Meister des fantastischen Kinos, doch haben seine Filme viel über unsere Realität, über uns Menschen zu erzählen. So auch „Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“, der nun in die deutschen Kinos kommt. Die poetische Lovestory zwischen einer Putzfrau und einem Amphibien-Wesen wurde auf dem Filmfestival in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet und gilt mit 13 Oscar-Nominierungen als Favorit bei den Academy Awards.

Senor Del Toro, wie schwierig ist es, Hollywood von solch einem poetischen Projekt zu überzeugen?

Guillermo Del Toro: Ich hatte das Projekt mit eigenem Geld drei Jahre lang entwickelt. Dieses Konzept bot ich dann lediglich einem einzigen Studio an, nämlich Fox Searchlight, mit denen ich bereits gute Erfahrungen hatte. Am Ende meiner Präsentation haben alle geheult, worauf mir fast die Stimme versagte. Es ist ein Mythos, wonach Hollywood nur von Geschäftsleuten bestimmt wäre. Wenn man eine bewegende Story hat und diese richtig vermittelt, dann findet man auch Unterstützung.

Gab es keine Bedenken wegen der Altersfreigabe?

Überhaupt nicht. Ich sagte von Beginn an: Sally Hawkins masturbiert. Es gibt Sex-Szenen zwischen ihr und der Kreatur. Es wird als ganz klar ein Film mit einem „R-Rating“ – das wurde problemlos akzeptiert.

Welche Bedeutung hat das titelgebende Wasser als Metapher?

Wasser nimmt immer die Form an, in der es sich befindet. So sanft es auch sein kann, ist es zugleich die stärkste und verformbarste Kraft des Universums. Gilt das nicht ebenso für die Liebe? Auch die Liebe kann jede Form annehmen, egal ob für einen Mann, eine Frau oder eine Kreatur. Ich mag Filme, die befreiend sind und sagen: Es ist gut so, der zu sein, der du bist.

Sie haben einmal gesagt, dass Monster Sie schon als Kind begeistert haben. Wie wirkt sich das auf diesen Film aus?

Im Märchen gibt es zwei Varianten. Die eine behauptet: Monster sind böse, deine Eltern sind gut. Deswegen musst du ihren Anweisungen stets folgen. Die andere besagt: Vergiss die Regeln, sei einfach verrückt. Ähnliches gilt beim Horrorfilm. Die einen warnen vor Monstern, weil alles Fremde stets Gefahren bringt. Die anderen sagen, die heile Familienwelt ist gar nicht so idyllisch wie sie tut. Diese zweite Variante hat mir schon immer besser gefallen. Ich möchte Mitgefühl mit dem Monster haben. Als ich Boris Karloff zum ersten Mal in „Frankenstein“ sah, war er für mich wie der Messias. Seit dieser Zeit haben Monster meine absolute Sympathie. Sie sind einfach so, wie sie sind. Man kann sie ganz einfach verstehen – im Unterschied zu Menschen, hinter deren charmanter Maske sich oft Abgründe auf tun.

Welche Rolle spielt der politische Aspekt? Gibt es Parallelen vom Kalten Krieg von damals zum Amerika von heute?

Das Amerika der frühen 60er Jahre wurde idealisiert zu einem Land der Fantasie und der Märchen. Das heutige: „Make America great again“ träumt von genau diesem Amerika. Ein großartiges Land, wenn man weiß, männlich und heterosexuell ist. Für alle anderen ist allerdings kein Platz. Diese Geschichte in die 60er Jahre zu verlegen, schien mir viel wirkungsvoller als sie in unserer Zeit zu erzählen. Ein Märchen besitzt viel mehr Magie als ein aktuelles Politdrama.

Wie entsteht so ein Monster?

Am Anfang entstehen Entwürfe aus Ton. Diese Figuren stelle ich auf meinen Schreibtisch und umkreise sie mit einer Lampe, um alle Schatten zu sehen. Schatten sind später enorm wichtig, weil sie wie Mimikfalten wirken. Beim Gesicht können Millimeter am Mundwinkel entscheiden, um die richtige Balance zwischen Mensch und Amphibien-Wesen zu bekommen. Für den letzten Schliff gaben die Frauen bei mir zu Hause den Ausschlag: Mehr Hintern oder weniger? Genügend Sixpack? Breitere Schultern oder schmalere? Ich wollte eine Kreatur, in die man sich verlieben kann.

Weshalb ist es wichtig, dass ein Schauspieler im Amphibien-Kostüm steckt und kein Computer für die Effekte sorgt?

Ohne Schauspieler in dem Kostüm hat man keinen Film – und Doug Jones ist ein großartiger Darsteller. Wenn er zum ersten Mal in das Kino kommt und man spürt, die Kreatur hat noch nie zuvor einen Film gesehen, dann sind das echte Schauspieler-Momente. Oder jene Schlüsselszene im Badezimmer: Richard Jenkins hatte zunächst Bedenken, mit einem Kollegen im Kostüm aufzutreten. Danach erzählte er, kaum hätte er Action gehört, bekam er das Gefühl, einem antiken Wasser-Gott gegenüberzustehen.

Von Mexiko nach Hollywood

Regisseur Guillermo del Toro, 1964 im mexikanischen Guadalajara geboren, gewann für seinen Erstling „Cronos“ 1993 in Cannes den Kritikerpreis. 1997 folgte sein Hollywood-Debüt, der Horror-Film „Mimic“. Nach den Comic-Verfilmungen „Blade II“ (2002) und „Hellboy“ (2004) gab es für sein märchenhaftes, zugleich abgrundtief trauriges Drama „Pans Labyrinth“ (2006) sechs Oscar-Nominierungen, auch für del Toros Drehbuch. Es folgten der Monsterfilm „Pacific Rim“ (2013) und der Geisterfilm „Crimson Peak“ (2015). Für „The Shape of Water“ hat del Toro bereits den Golden Globes, den Critics’ Choice Award und etliche US-Kritikerpreise gewonnen.