Der Ort für die einschneidenden Verluste im Leben kommt unscheinbar daher. Das ausrangierte Tickethäuschen auf dem Werdmühleplatz im Zen­trum Zürichs hat lebhaftere Zeiten erlebt. Seit immer mehr Menschen Erledigungen des Alltags per  Mausklick verrichten, wiegen sich die Topfpflanzen an der Eingangstür meist verlassen im Regen und Wind. Doch einmal im Monat werden aus verblühten Geranien und herbstbraunen Astern schmückende Statisten. Dann sperren Andrea Keller und Patrick Bolle oder ein „Gastbeamter“ die Tür des Kiosks auf und legen einen gelben Teppich auf dem Straßenpflaster aus. Dann heißt es: Schalteröffnung im „Fundbüro 2“, dem Ort für immaterielle Verluste, Begegnungen und Geschichten.

Jacqueline Fehr hat an diesem Nachmittag als ehrenamtliche Schalterbeamtin hinter der Theke Platz genommen. Der Laptop ist aufgeklappt. Neben ihr dampft heißer Kräutertee. Im normalen Leben ist Jacqueline Fehr Ministerin für Justiz und Inneres im Kanton. Am Kunstprojekt beteiligt sich die Sozialdemokratin, weil ihr die Idee so gut gefällt. Eingemummelt in einen grauen Mantel mit  rotem Schal wartet sie, ob jemand einen Verlust oder Fund zu melden hat.

Eine junge Frau betritt das „Fundbüro 2“, ihr achtmonatiges Söhnchen hat sie auf dem Arm. Ihre Bewegungen sind unsicher, sie wirkt etwas neugierig. Ob sie etwas anzeigen möchte, fragt Jaqueline Fehr. „Ja.“ Und dann zögernd: „Den Verlust von Zeit.“ Das spüre sie vor allem auf beruflicher Ebene. Wenn Kolleginnen sich nach Feierabend absprechen oder wichtige Netzwerke für die berufliche Zukunft knüpfen, kann die junge Frau nicht mehr dabei sein, obwohl doch gerade in der frühen Phase des Berufslebens wichtige Weichen für das Leben gestellt werden. Fehr blickt aufmerksam und beginnt zu tippen. Jeder Verlust und jeder Fund muss aufgenommen werden. Da unterscheidet sich das Fundbüro für Immaterielles nicht von der kommunalen Behörde der Verkehrsbetriebe, die auf dem Werdmühleplatz direkt gegenüber liegt. Immer wieder fragt sie nach, so wie es ihr der für das Projekt gestaltete Meldebogen vorgibt. „Seit wann ist der Verlust spürbar und wie macht er sich bemerkbar?“ Die Schalterbeamtin nimmt es genau. Ohne exakte Angaben kann sie die Meldung nicht aufnehmen. Ein Gespräch über die Arbeitswelt,  Männerbünde und Karrierebrüche beginnt.

„Kein Mensch erwartet von uns, dass wir Verlorenes wiederbringen“, sagt Andrea Keller, die zusammen mit ihrem Künstlerkollegen und Kulturmanager Patrick Bolle das Fundbüro ins Leben gerufen hat, um zu einem kritischen Umgang mit der Konsumwelt anzuregen. „Den Menschen geht es um die Meldung selbst.“ Ganz unabhängig davon, ob sie ihr Anliegen per Mail formulieren oder direkt im „Fundbüro 2“ vorsprechen. Ausgerechnet in der Nachbarschaft zur umsatzstarken Bahnhofstraße wird über wirklich wichtige Fragen nachgedacht. Auf der Luxusmeile leisten es sich Nobelgeschäfte, ein überdimensioniertes Schaufenster für eine einzige, sündhaft teure Handtasche auszuräumen, Diamanten sind leichter zu finden als Brot oder wärmende Kleidung für jedermann, und Jung-Dynamiker umkreisen das neue iPhone wie einst die biblischen Israeliten das goldene Kalb. Was ist wirklich tragend im Leben? Was wird tief im Herzen vermisst, und wo könnte sich das Ersehnte finden? Aber auch: Welcher Verlust wirkt wie eine Befreiung und sollte einem keinesfalls nachgetragen werden?

Ein  siebenjähriges Mädchen lieferte Andrea Keller dazu seine Geschichte. „Was hast Du denn verloren?“, wollte die 36-jährige Kunstpublizistin von dem Kind wissen, das mit seiner Mutter in den Pavillon gekommen war. „Die Angst vor dem dunklen Keller zu Hause“, erzählte das Kind. Sie wolle das nur der netten Frau am Schalter erzählen. Suchen solle das Fundbüro aber nicht. Die Angst wolle sie unter keinen Umständen zurück haben. Gemeinsam mit einer Freundin hatte das Mädchen die Furcht ausgetrickst – mit einer Spielecke im Keller. Die haben sich die beiden Mädchen selbst eingerichtet und darüber hinweg das blöde Gefühl einfach vergessen. Der Stolz über den Sieg war der Siebenjährigen ins Gesicht geschrieben.

Andrea Keller bringt die kleine Episode noch immer zum Schmunzeln. Viele  Geschichten seien berührend, traurig, verstörend, manche auch voller Witz. Oberflächlich ist so gut wie keine. „Ich hätte nicht gedacht, dass das Projekt so in die Tiefe geht.“

Erzählen kann heilsam sein

Schon gar nicht im Sommer vergangenen Jahres, als sie mit ihrem Kollegen auf einer Parkbank am Werdmühleplatz darüber nachdachte, was sie mit dem Kartenhäuschen anfangen könnten. Der Pavillon war ihnen für ein Kunstprojekt zur befristeten Nutzung überlassen worden. Irgendwann schweifte der Blick zum richtigen Fundamt und zu den Menschen, die mit ihren Einkaufs-Taschen durch die Straßen eilten. Da hat es „bäng“ gemacht. Warum nicht an einem Hotspot der Konsumwelt über die Bedeutung der Dinge nachdenken? Wie heilsam erzählen oder schreiben sein kann, hat Andrea Keller schon oft erlebt. Für die Schweizer Krebsliga leitet die Autorin in einem ihrer beruflichen Projekte eine Schreibwerkstatt. Allein die Benennung von Ängsten und Hoffnungen schaffe Klarheit. Nur das zählt. „Wir müssen keine Wunder vollbringen.“ Es genüge, Empathie zu zeigen.

Sie erzählt von einem 60-jährigen Mann, der in einer Mail an das „Fundbüro 2“ vom Verlust der Selbstachtung geschrieben hat. „Sie war so lange mit Füßen getreten und angeschrien worden, dass ich sie schon verloren glaubte. Doch dann entschloss ich mich, meine Selbstachtung ganz fest zu halten und stattdessen die Achtung vor meiner Chefin zu verlieren. Sie war wunderschön. Nicht die Chefin, die Selbstachtung! Ich spaziere mit ihr wie frisch verliebt zu neuen Jobs. Auch der Job ist schön. Bringt noch weniger Geld als er letzte, aber wesentlich mehr Freude.“

Oft zeugen wenige kleine Worte von den großen Dingen: von einer verlorengegangenen Liebe zum Partner oder sich selbst, dem Verlust der Gesundheit und der Jugend, dem Mangel an Zeit, Geduld und Wertschätzung oder der erloschenen Hoffnung einer Frau, nach drei Fehlgeburten doch noch Mutter werden zu können. Aber auch mutmachende Entdeckungen werden kundgetan: die wiedergefundene Lebensfreude oder  neuentdeckte Kreativität. Nicht selten gehen Verluste und Gewinne Hand in Hand.

„Viele Geschichten sind mir sehr nahe gegangen“, sagt Andrea Keller.  Die „Alarmstufe Rot“, als Zeichen für eine lebensbedrohliche Krise des Gegenübers, habe aber nie aufgeleuchtet. Für diese Fälle hatten sich die Künstler und ihre Unterstützer am Schalter mit Kontaktadressen zu professionellen Helfern ausgestattet. „Wir wollten nichts vorgeben, was wir nicht halten können“, bekräftigt Patrick Bolle. Keine Psychotherapie, keine Seelsorge, nur ein offenes Ohr. Das ist mehr, als mancher Besucher erwartet. „Für viele ist es eine exotische Erfahrung, dass man ihnen absichtsfrei zuhört.“

 Nicht nur für ältere Menschen. „Wer in unser Häuschen reingeht, den erwischt es.“ Selbst ach so coole Jungs. Die könnten noch so locker auftreten. Wenn es um ernsthafte Fragen gehe, würden auch aufgekratzte Teenager ganz ernst. Das mag an der Form der Begegnung liegen. Kurze intensive Gespräche, ohne Gefahr, sich ein zweites Mal begegnen zu müssen. „Das eröffnet einen Raum, in dem man sich schwach zeigen darf“, sagt Andrea Keller.

 Wenn sie und Patrick Bolle die Tür des Pavillons in diesem Monat für immer schließen, werden mehrere hundert Lost-&-Found-Meldungen eingegangen sein, viele auch aus Deutschland. Bei entsprechender Zustimmung könnten die Künstler einige davon in Verbindung bringen. Möglicherweise auch das Angebot eines Mannes, der schrieb: „Wenn also jemand etwas Zeit von mir braucht, einfach im Fundbüro melden. Ich kann bei einer Arbeit helfen oder einfach nur da sein.“ Bis zum Jahresende wollen Andrea Keller und Patrick Bolle noch Meldungen sammeln. Dann werden die Ergebnisse in einem Buch für den Rowohlt-Verlag aufgearbeitet. Andrea Keller: „Wir wollen schließlich zurückgeben, was wir erhalten haben.“