Locarno In Locarno regnet es Leoparden

Elf Tage Piazza, Promis, Preisträger (von links): Den Goldenen Leoparden durfte Jean-Claude Brisseau mit nach Hause nehmen. Mit Ehrenpreisträger Harry Belafonte freuten sich die Open-Air-Besucher auf der Piazza Grande. Ihr Lieblingsfilm war "Lore", die Regie führte Cate Shortland. Über seinen Ehrenpreis freute sich Produzent Johnnie To; Leos Carax zeigte sich im Beisein von Kylie Minogue eher cool. Fotos: dpa
Elf Tage Piazza, Promis, Preisträger (von links): Den Goldenen Leoparden durfte Jean-Claude Brisseau mit nach Hause nehmen. Mit Ehrenpreisträger Harry Belafonte freuten sich die Open-Air-Besucher auf der Piazza Grande. Ihr Lieblingsfilm war "Lore", die Regie führte Cate Shortland. Über seinen Ehrenpreis freute sich Produzent Johnnie To; Leos Carax zeigte sich im Beisein von Kylie Minogue eher cool. Fotos: dpa
PETER CLAUS, DPA CLAUDIA REICHERTER 13.08.2012
Glanz und Qualität überzeugten beim 65. Internationalen Filmfestival in Locarno. Überwiegend ging es um Krisen und Orientierungslosigkeit. Gewonnen hat "La Fille de Nulle Parte" von Jean-Claude Brisseau.

Gehaltvolle Beiträge dominierten auch dieses Mal beim Internationalen Filmfestival von Locarno. Der Hauptpreis, der Goldene Leopard, ging an "La Fille de Nulle Part" ("Das Mädchen von Nirgendwo") von Regisseur Jean-Claude Brisseau (Frankreich). Er macht in dem mit visueller Schönheit und geistreichen Dialogen beeindruckenden Zwiegespräch einer jungen Frau und eines alten Mannes kunstvoll die moralische Schieflage der Gesellschaft deutlich.

Die am Samstag nach elf Tagen zu Ende gegangene 65. Ausgabe glänzte zudem mit einer Parade von Stars wie Harry Belafonte, Alain Delon und Charlotte Rampling, die zum Auftakt des Festivals mit dem Excellence Award ausgezeichnet wurde. Qualität und Glamour kamen auch aus Deutschland, etwa mit den Schauspielern Alexandra Maria Lara und Sebastian Blomberg. Sie stellten das außerhalb der Konkurrenz in einer der nächtlichen Freiluftaufführungen auf der Piazza Grande gezeigte Roadmovie "Nachtlärm" vor. Regisseur der deutsch-schweizer Koproduktion ist Christoph Schaub aus Zürich.

Mit 18 Beiträgen war Deutschland im Gesamtangebot von rund 300 Filmen schon quantitativ gut vertreten. Die deutschen und die mit großer finanzieller Beteiligung deutscher Produzenten realisierten internationalen Koproduktionen überzeugten auch qualitativ.

Ausgezahlt hat sich das mit Preisen. Die von Cate Shortland inszenierte deutsch-australisch-britische Koproduktion "Lore", ein bewegendes Drama über Kinderschicksale nach Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde vom Publikum zum besten Film im Programm der Piazza Grande gewählt. Und den Preis als bester Film der "Woche der Kritik" bekam die Dokumentation "Vergiss mein nicht". Darin begleitet Regisseur David Sieveking aus Berlin überaus feinsinnig seine an Demenz erkrankte Mutter.

Bis Samstag hatten mehr als 300 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme auf dem Programm gestanden, meist Welt-, Europa- oder internationale Premieren. 15 davon wurden auf der 8000 Menschen fassenden Piazza Grande gezeigt: "Das Missen-Massaker" des Schweizers Michael Steiner, "Magic Mike" von Steven Soderbergh, die deutsche Co-Produktion "More Than Honey" von Markus Imhoof und "Nachtlärm", ebenfalls mit deutscher Beteiligung, zu dem Alexandra Maria Lara und Sebastian Blomberg angereist waren. Dazu gab es zahlreiche Podiumsdiskussion - etwa in der Reihe Retrospektive Otto Preminger - und Promi-Gespräche.

Im Lauf der Woche regnete es nicht nur ein paarmal auf der Piazza, sondern auch weitere Ehrenpreise - zunächst eher für die alten Herrschaften: Einen Preis für Lebenswerk erhielt Alain Delon (76); der Raimondo-Rezzonico-Preis für den besten Independent-Filmproduzenten ging an Arnon Milchan. Einen "Pardo alla Carriera" bekamen Harry Belafonte (85), Produzent Peter-Christian Fueter (70, "Die letzten Tage der Swissair") und der chinesische Regisseur und Produzent Johnnie To (57). Jener gilt als Schlüsselfigur des Filmschaffens in Hongkong.

Als Regisseur errang er mit Actionfilmen wie 2004 "Vengeance - Killer unter sich" weltweit Kultstatus. Besondere Verdienste erwarb er als Produzent, der Filmschaffende aus aller Welt zusammenbringt. "Filme sind eine gute Möglichkeit, unsere Gegenwart zu erkunden", sagte Johnnie To bei der Preisverleihung am Donnerstag.

Bereits am 3. August hatte der französische Regisseur Leos Carax (51) in Begleitung der Nebendarstellerin seines neuen Films "Holy Motors", Kylie Minogue, einen Ehrenpreis bekommen.

Als Vertreter der jüngeren Generation erhielt Gael García Bernal (Mexiko) einen Goldenen Ehrenleoparden. Seit seinem internationalen Erfolg mit der Hauptrolle in "Amores Perros" von Alejandro González I·árritu hat der 33-Jährige in den USA, Frankreich, Italien und Georgien eine beeindruckende Karriere gemacht. Tausende Festivalbesucher bejubelten den Schauspieler auf der Piazza Grande, der dort seinen neuen Film "No" vorstellte.