Esslingen In der alten Heimat

Friedrich Schirmer stellt in Esslingen den Spielplan seiner ersten Saison als neuer Intendant der Landesbühne vor - 1985 fing er dort schon einmal als Intendant an. Foto: Jürgen Kanold
Friedrich Schirmer stellt in Esslingen den Spielplan seiner ersten Saison als neuer Intendant der Landesbühne vor - 1985 fing er dort schon einmal als Intendant an. Foto: Jürgen Kanold
Esslingen / JÜRGEN KANOLD 10.05.2014
Eine außergewöhnliche Theaterkarriere: Friedrich Schirmer kehrt nach fast 30 Jahren wieder dorthin zurück, wo er seine Intendantenkarriere begonnen hat - an die Württembergische Landesbühne.

Weil Friedrich Schirmer auch ein großer Fußball-Fan ist, darf man getrost mit einem Vergleich aus dem Sport spielen. Man stelle sich nur mal vor, ein Trainer, der vor fast 30 Jahren in der Regionalliga begann und dann Karriere machte in Top-Clubs der Bundesliga, kehrt wieder zu seinem alten Verein in der unteren Klasse zurück. Der 62-jährige Schirmer tritt am 1. September als Intendant der Württembergischen Landesbühne (WLB) in Esslingen an, wo er von 1985 bis 1989 schon einmal erfolgreich arbeitete und mit volkstheatralischen Stoffen wie "Der arme Konrad" und "Die barmherzigen Leut von Martinsried" überregional Aufsehen erregte.

Dann folgten die Stationen Freiburg, Staatstheater Stuttgart und Schauspielhaus Hamburg, wo Schirmer 2010 bitter scheiterte, wo er aus Protest gegen die "gravierende Unterfinanzierung" der größten deutschen Sprechbühne den Bettel hinwarf. Und überhaupt ausgebrannt und "emotional am Ende" war - 2007 hatte sich seine Ehefrau, die Dramaturgin und große Theatermacherin Marie Zimmermann, das Leben genommen.

Und jetzt erneut Esslingen. Eine Heimkehr, fast ein sentimentales Comeback. Dort hatte er einst theatralisches und privates Glück gefunden: "Hoimetaberau", sagt der geborene Kölner mit ruhiger, akzentfrei hochdeutscher Stimme. Das ist ein Stoßseufzer, aber vor allem eine "schwäbische Tüftlersonate" von Franz Xaver Ott, die im Januar Premiere feiert. Schirmer hat vorgestern den Spielplan seiner ersten Saison in Esslingen vorgestellt, er will wieder anspruchsvolles Heimattheater machen, nahe bei den Leuten sein: zum Beispiel mit der Wiedergänger-Legende "Der Postmichl", die Felix Huby schreiben und Klaus Hemmerle inszenieren wird. Oder mit einer "Bauernoper" von Yaak Karsunke und Peter Janssens, mit Szenen aus dem schwäbischen Bauernkrieg. Pavel Mikulastik wird Regie führen - der war schon in Schirmers erster Esslinger Intendanz dabei, entwickelte später in Freiburg unter Schirmer sein choreografisches Theater und folgt jetzt dem Ruf eines alten Freundes.

"Vertraute Seelen" gehören neu dem Schauspielensemble an, wie Sabine Bräuning, Reinhold Ohngemach und Martin Theuer, die alle schon einmal an der WLB waren. Wenn Schirmer über seinen Spielplan spricht, werden Erinnerungen wach, geht der Blick immer wieder in die Vergangenheit. "Supergute Tage" von Mark Haddon/Simon Stephens steht etwa auf den Spielplan - ach ja, den Roman über einen Autisten, in England ein Bestseller, hatte Marie Zimmermann von einer ihrer vielen Reisen mitgebracht, 2003 habe man eine Bühnenadaption in Stuttgart herausbringen wollen, doch dann nicht die Rechte vom Verlag erhalten. "Dann machen wir es halt jetzt in Esslingen", sagt Schirmer.

Zurück im Theaterleben: Viele Wunden hat er geleckt, er war in Tibet im Kloster, zitiert gerne den Buddhismus, läuft Marathon - und sieht auch asketisch aus. Stuttgart, Hamburg, Gastspielreisen in die weite Welt, und jetzt wieder Ilshofen, Gerabronn, Villingen-Schwenningen? Das sind Abstecherorte der WLB. Die uralte Wanderbühnen-Kultur der Gaukler, in Turn- und Festhallen? "Das war zu Shakespears Zeiten nicht anders, so fängt Theater an: Zwei Menschen erzählen sich etwas, die anderen hören zu", sagt Schirmer. "Wir müssen um das Publikum kämpfen, mit starken Stoffen und Geschichten, mit dem richtigen Spielplan. Das ist in den Metropolen nicht leichter."

Nach dem Crash in Hamburg hatte Schirmer sich nicht mehr um einen Theaterjob bewerben wollen, als dann das Land Baden-Württemberg für die WLB anfragte, zögerte er zunächst: "Man kommt nicht wieder zurück - aber warum eigentlich nicht? Mich in dem Kokon meiner Eitelkeit zu verstecken, das bekommt mir nicht." Jetzt packt er es an, viel unterwegs war er, um Stücke, Regisseure, Schauspieler zu entdecken. Das ist sein Metier.

"Es ist schön, wieder in Esslingen zu sein nach all den Jahren, es macht auch sehr jung." Als Intendant habe er wie ein Trainer die Lust, eine Mannschaft zu formen. Mit der gleichen Besessenheit fange er an, aber mit mehr Gelassenheit: "Ich muss nichts mehr auf Teufel komm raus beweisen - außer meine eigenen Ansprüche erfüllen."

Württembergische Landesbühne
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