Kunst Impressionismus fürs Kino

Ulm / Von Jürgen Kanold 27.12.2017

Ich bin sicher, dass die Lust zu arbeiten mich verschlingen und mich in gute Stimmung versetzen wird“, schreibt Vincent van Gogh am 4. Mai 1890 aus der Nervenheilanstalt Saint-Rémy an seinen Bruder Theo. „Warum sich weigern, das zu nehmen, was möglich ist, vor allem, wenn man dadurch die Krankheit hinters Licht führt?“ Nichts solle man in der Malerei suchen, nichts von ihr erhoffen „als ein gutes Bild und eine gute Unterhaltung und ein gutes Essen als Maximum des Glücks“.

Nur ist das diesem radikalen Künstler, der in acht Jahren etwa 800 Bilder malte und zu Lebzeiten nur ein einziges verkaufte, nicht gelungen. Beschwörende Sätze und dann doch eine Krise nach der anderen. Van Gogh malte sich mit expressivem Pinselstrich und eindringlichen Farben, mit Genie und Wahnsinn äußerst populär ins Menschheitsgedächtnis: „Manch einer hat ein großes Feuer in seiner Seele.“ Dieses Zitat ist auch der Titel eines prachtvollen, hochformatigen Bands mit 265 Briefen Vincent van Goghs, den der Verlag C.H. Beck veröffentlicht hat. Die Briefe sind ein Schlüssel zu Mensch und Werk: ergreifende Dokumente einer Künstlerexistenz.

Der kunstsinnige Dr. Gachet

Im Mai 1890 verlässt Vincent van Gogh Saint-Rémy, besucht in Paris kurz seinen Bruder Theo und dessen junge Familie und mietet sich dann in einem billigen Gasthof in dem Örtchen Auvers an der Oise ein, um sich in die Behandlung von Doktor Gachet zu begeben. Ein kunstsinniger Mann, eine Fachkraft für Melancholie, mit dem er sich schnell anfreundet. „Er scheint mir gewiss ebenso krank und verwirrt zu sein wie Du und ich“, schreibt van Gogh am 3. Juni an seinen Bruder und skizziert Gachet am Rand des Briefes. Vincent teilt Theo auch mit, dass er an einem Porträt Gachets arbeite: „Der Kopf mit einer weißen Mütze sehr blond, sehr hell, die Hände ebenfalls in hellem Inkarnat, ein blauer Frack und ein kobaltblauer Hintergrund, er lehnt an einem roten Tisch, darauf ein gelbes Buch und eine Fingerhutpflanze mit purpurroten Blüten.“

Das kennt man. Van Gogh hat das Gemälde vollendet: Nur dass das „Porträt des Dr. Gachet“, das ein Japaner 1990 auf einer Auktion für rund 82,5 Millionen Dollar ersteigerte, seither nicht mehr auftauchte; eine zweite, schlichtere Version hängt zumindest im Pariser Museée d’Orsay. Aber jetzt schaut einen der trübsinnige Gachet im Kino an  – und dann steht er auf und spaziert in seinem Garten herum.

„Loving Vincent“ heißt ein spektakulärer Antimationsfilm von Dorota Kobiela und Hugh Welchman, der auf der Basis von 130 Meisterwerken van Goghs entstanden ist (und schon den Europäischen Filmpreis erhielt). Es ist ein vollständig gemalter Spielfilm: 125 Künstler waren dafür zwei Jahre lang im Einsatz und schufen 65 000 dann abfotografierte Bilder. Es ist eine faszinierende Kunstwelt: ein Museum in bewegten Gemälden.

Wobei zunächst reale Schauspieler die Figuren darstellten und in Szenerien agierten, die nach Gemälden van Goghs gebaut wurden. Weizenfelder, Blumengärten und Sternennächte und dazu van Goghs animiertes Personal: Dr. Gachet und Adeline Ravoux, die Tochter des Wirts in Auvers. Oder der Postmann Joseph Roulin und dessen Sohn Armand, der in dem Film die Hauptrolle spielt. Aber damit beginnt das Problem: die Handlung.

Vincente Minnellis grandioser Spielfilm über Vincent van Gogh aus dem Jahre 1956 mit Kirk Douglas in der Titelrolle hat den Maßstab gesetzt. Kobiela/Welchman scheuten vielleicht auch deshalb eine direkte biografische Erzählung – leider. So spielt „Loving Vincent“ im Sommer 1891, ein Jahr nach dem Tod des Künstlers. Ein Brief Vincents an seinen Bruder Theo ist aufgetaucht, und Postmann Roulin beauftragt seinen Sohn, diesen persönlich zu übergeben. Armand tut es widerwillig, findet heraus, dass auch Theo gestorben ist. Theo, der unendlich viel tat für seinen Bruder, ihn finanziell unterstützte, starb im Januar 1891 geistig verwirrt an den Folgen der Syphilis.

Armand also erfährt auf seinen Reisen immer mehr über das Schicksal des genialen wie verkannten Vincent van Gogh, und nun will er’s genau wissen. Er kommt nach Auvers und trifft Dr. Gachet. Es entwickelt sich eine kleine Detektivgeschichte: Hat sich van Gogh selbst mit einer Pistole in den Bauch geschossen und sich damit die tödliche Wunde zugefügt, an der er am 29. Juli 1890, mit nur 37 Jahren, starb? War es kein Suizid, sondern Mord?

Woher van Gogh die Pistole hatte, weiß man wirklich nicht. Verschwörungstheorien machen sich gut im Kino, aber ein Krimi ist das nicht. Es geht nur darum, van Goghs Kunst zu feiern und sein extremes Künstlerleben zu erzählen – auch in Rückblenden, schwarz-weiß gemalt im Postkarten-Stil. Eigentlich ist die spannungslose Handlung nur der Vorwand für die außergewöhnliche Bild-Idee fürs Kino: animierter Impressionismus.

Von dem Brief, den Armand übergeben soll, ist bald kaum die Rede mehr in „Loving Vincent“. Die bewegenden Briefe van­ ­Goghs aber kann man selbst lesen. Und man ahnt: Tatsächlich wird das innere Feuer diesen geradezu besessenen, sehnsuchtsvollen, suchenden, einsamen Künstler verbrannt haben.

Vincent van Goghs Briefe

Prachtband Im Verlag C.H. Beck sind die ausgewählten Briefe auf Deutsch in einem Prachtband mit 190 Abbildungen erschienen. Vincent van Gogh: „Manch einer hat ein großes Feuer in seiner Seele“ (1056 Seiten, 68 Euro). Herausgeber sind Leo Jansen, Hans Luijten und Nienke Bakker, die als Mitarbeiter des Amsterdamer Van Gogh Museums die Neuedition der Briefe van Goghs verantworteten.

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