Musiktheater Im Tränensee waten

Herzog Blaubart (Falk Struckmann) und Judith (Claudia Mahnke) am See.
Herzog Blaubart (Falk Struckmann) und Judith (Claudia Mahnke) am See. © Foto: Matthias Baus
Stuttgart / Jürgen Kanold 05.11.2018

Florian heißt der Platzanweiser für Block B, die Reihen 4 und 5, aber er dient auch als „Zeremonienmeister“. Er führt seine Zuschauergruppe in eine Umkleidekabine: „Darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten?“ Florian möchte das Publikum zu einem „Spaziergang durch den Morast der Tragödie“ einladen, und damit keiner versumpft in feinen Schuhen, greift man zu Plastiküberziehern.

So schlurfen die Operngänger in Ad-hoc-Moonboots auf einem „Nightwalk“ zu Herzog Blaubarts Burg. Ein interessantes Geräusch im Übrigen, das gut zur Installation des belgischen Künstlers Hans Op de Beeck passt. Der hat für die Staatsoper Stuttgart das ehemalige Paketpostamt an der Ehmannstraße unter Wasser gesetzt. Es ist ein gut zehn Zentimeter tiefer See, durch den die Zuschauer waten müssen, um auf ihre Ufer-Plätze zu gelangen. Das dauert, bis alle da sind.

Der Dirigent radelt herbei

Die riesige Halle ist nicht verbaut mit geheimnisvollen Kammern, in denen der Herzog die Schrecken und Schönheiten seines Reiches und auch seine ermordeten Frauen verschlossen hat und die jetzt Judith in ihrer blinden Liebe erkunden möchte. Die Seele Blaubarts ist eine farbenlose, schwarzgraue Seenlandschaft, ohne jede Blutspur. Auf einem Steg spielt sich alles ab, der Herzog – und auch Dirigent Titus Engel – kommen aber nicht mit dem Boot, sondern auf dem Fahrrad daher.

Die Schätze Blaubarts, Objekte der Vergänglichkeit, liegen auch auf Sandbänken aus. Der Zuschauer soll zum „Voyeur in der kollektiven inneren Nacht“ werden. Das Wasser ist die naheliegende elementare Metapher für einen Selbsterfahrungstrip in die Hölle. Nasse Wände spürt Judith an ihren Händen: „Weint die Feste?“ Und die sechste Kammer birgt ja in Béla Bartóks grandios expressionistischer Oper einen See der Tränen.

Es ist dann keine große Inszenierung, die Op de Beeck an diesem Schauplatz bietet, sondern das Kammerspiel eines vielleicht alltäglichen Ehestreits: Falk Struckmann als der mächtig zornige wie abgeklärte Mann und Claudia Mahnke als unruhige, neugierige, sehnsüchtige, aber dann auch verschlossen in die Zukunft blickende Frau. Zwei starke, in der Premiere bejubelte Sängerpersönlichkeiten. Op de Beeck wollte für die Musik Bartóks ein „Atmosphärenbad“ schaffen, in das die Besucher „vollends eintauchen“ können. Dafür wurde aber keine Schutzausrüstung ausgeteilt. Gut so: Dem Staatsorchester gelang eine direkte, differenzierte, packende Aufführung.

Judith geht am Ende nicht diamentenbekrönt in den Tod, durch die siebente Tür zu den anderen Frauen, sondern sitzt am Steg. Blaubart hat ihr einen Rucksack aufgeschultert. Jeder hat eben sein Päckchen zu tragen. Was im Paketpostamt nicht nur ein Kalauer, sondern eine Wahrheit ist. Der neue Intendant Viktor Schoner hatte diese Produktion im Paketpostamt angesetzt, um die Interimsspielstätte dem Publikum zu erkunden. Es kam bekanntlich anders, jetzt ist das Wagenhallen-Areal im Spiel. Was im Paketpostamt möglich gewesen wäre, lässt sich nach dieser Bartók-Oper nicht sagen. Es müsste auch dort gewaltig gebaut werden. Wann es endlich losgeht mit der Generalsanierung des Opernhauses? Die Verantwortlichen müssen aufpassen, nicht in einem „Morast der Tragödie“ zu versinken.

Debatte über Ergebnisse der „Task Force Oper“

Interim 116 Millionen Euro statt der grob geschätzten 55 Millionen Euro: Im Juni verkündete der Stuttgarter OB Fritz Kuhn das Aus für den Umbau des Paketpostamts am Rosensteinpark als Interimsoper. Er setzte eine „Task Force Oper“ ein, die im Oktober ein Ausweichquartier auf dem Areal der Wagenhallen vorschlug. Über die Ergebnisse der „Task Force Oper“ berät heute der Verwaltungsrat der Württembergischen Staatstheater.

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