Gibt es dieses Lebenskünstler-Milieu überhaupt noch, wie es Puccinis Oper "La Bohème" in Paris um 1830 beschreibt? Vergesst das olle Klischee, meint Regisseurin Andrea Moses und verpflanzt das Ganze an der Stuttgarter Staatsoper ins Hier und Heute. Statt armer Träumer in einer kalten Mansarde sehen wir eine upgedatete Bohème: ein "Kreativ-Team" junger Leute in einem ramponierten Loft-Atelier.

Sicher, irgendwo in einer Ecke steht noch ein Bollerofen herum - wie ein Zitat aus alten Bohème-Zeiten. Doch sonst sehen wir Kameras, eine Monitor-Wand, Computer, Mischpult, Spraydosen, Mikrophone (Bühne: Stefan Strumbel). Ach ja: Und keinen Bordeaux-Wein weit und breit. Nur Wasserflaschen.

Kurz, in Andrea Moses Stuttgarter Inszenierung ist aus der romantisch verklärten Pariser Bohème eine coole urbane Subkultur geworden. Was genau dieses "Kreativ-Team" um den verkannten Dichter Rodolfo da ausheckt, wird erst gegen Ende klar: Sie verwandeln ihr Atelier in eine Verkaufsgalerie. Und so stirbt Rodolfos todkranke Geliebte Mimi, die bei ihm Zuflucht sucht, vor laufenden Kameras - als Großbildvideo einer Kunstaktion vor glotzenden Besuchern. Ein bisschen aufgepropft wirkt dieser umgedeutete Schluss schon. Doch er passt in eine Zeit, in der so ziemlich alles als große Kunst gilt, was am Markt Höchstpreise erzielt.

Da wundert es nicht, dass Rodolfo sein unvollendetes Drama so verheizt, dass die Flammen auf den Monitoren lodern - als chice Videoinstallation. Oder dass die poesie-affine Näherin Mimi zum Mikro greift, um sich vorzustellen. "Mi chiamano Mimi" (sie nennen mich Mimi) ist im Konzept von Andrea Moses auch Teil der Selbstinszenierung dieser Künstlerclique. So richtig passt das nicht mit Puccinis Bild einer bettelarmen, idealistischen, antibürgerlichen Bohème zusammen: Aber Schwamm drüber.

Andrea Moses fährt dafür in der weihnachtlichen Jahrmarktszene am Café Momus mächtig viel fürs Auge auf: einen glitzernden Mammut-Christbaum mit Peace-Zeichen (oder Mercedes-Stern), Menschenmassen in Schneemann-Kostümen, Masken-Trubel und kollektiven Tanz. Über alldem prangt auch noch ein Wandgemälde des Pop-Artisten Stefan Strumbel: eine riesige Spätzlespresse, aus der eine pinkfarbene Masse quillt. Und wenn Marcello seine Musetta anschmachtet, schwenken seine Kumpels ihre Feuerzeuge im Takt. Ein Zuschauer in Reihe acht meint begeistert: "RocknRoll pur!" Später dominiert vollends großstädtische Rotlicht-Ödnis mit Neonschildern und Müllcontainern.

Doch diese "Bohème" funktioniert vor allem deshalb recht gut, weil auf der Bühne ein junges, schwungvolles und stimmlich famoses Ensemble agiert. Neben der aufgekratzten, auch vokal kraftvollen Künstler-Clique (André Morsch, Bogdan Baciu und Adam Palka) überzeugt etwa Yuko Kakuta, die als grotesk aufgedonnerte Vorstadt-Diva Musetta mit großer Stimme ihren Walzer zum Skandal ausbaut.

Vor allem aber das zentrale Paar der Oper: Die aus Südafrika stammende Pumeza Matshikiza verkörpert mit warmem, in der Höhe strahlendem Timbre Mimi als scheue Traumwandlerin, und der brasilianische Tenor Atalla Ayan, ausgestattet mit Covent-Garden-Weihen, stattet seinen emotional hibbeligen Rodolfo mit glänzenden Höhen aus.

Apropos Kitsch. Auch das Staatsorchester unter dem Ersten Kapellmeister Simon Hewett klingt über weite Strecken alles andere als zuckrig - eher knallig, markant, spritzig, turbulent, scharfkantig: ganz im Sinne jener frechen Ironie, mit der Puccini die Spötteleien der Bohème aufs Spießbürgertum vertont hat.

Hewett beherrscht aber auch die andere Seite dieser Partitur. Die sanfte Klarinette samt Streicher-Aura, mit der er Mimis ersten Auftritt umraunt: ein starker Moment. Und dann das Liebesduett "O soave fanciulla", voll aufblühend, weit ausschwingend: zwei bebende Seelen, eine gesungene Utopie, eine Hymne inmitten all der widrigen, von Verkaufszwängen dominierten Lebensverhältnisse: mitreißend. So kann Puccini klingen - irgendwo zwischen bitterem Realismus und befreiender, abhebender Schwelgerei. Großer Premierenjubel.

Karten und Termine

Termine Die nächste Aufführung von Giacomo Puccinis "La Bohème" an der Oper Stuttgart ist am morgigen Mittwoch. Weitere Aufführungen sind am 15., 18., 20., 24. und 30. Juni, jeweils 19 Uhr, am 15. Juni auch 14 Uhr.

Tickets Kartenvorbestellung unter Telefon

(07 11) 20 20 90.

SWP