Literatur Im Namen der Liebe

Tübingen/New York / Lena Grundhuber 18.06.2018
Garrard Conley schildert in „Boy Erased“, wie christliche Fundamentalisten ihn von seiner Homosexualität „heilen“ wollten.

Pretty scary times“ – ja, es sind beängstigende Zeiten, sagt Garrard Conley. Ein verrückter Präsident, ein homophober Vize, eine immer offenere Aggression gegen Fremde, Frauen und Schwule im Land. Wenn der Schriftsteller die Atmosphäre in den USA schildert, kann einem das kalte Grauen kommen. Doch Conley lächelt sein gewinnendes Lächeln und lehnt sich entspannt zurück in der Lobby des Hotels Krone in Tübingen. Angst? Nö. „Ich bin wütend, ich hab’ keine Angst mehr.“

Garrard Conley, Jahrgang 1985, hat seine persönliche Hölle schon überstanden und aufgearbeitet: „Boy Erased“ heißt sein autobiografischer Bericht über seine Zeit in einer fundamentalchristlichen „Konversionstherapie“, in der Homosexuelle „geheilt“ werden sollen. Kürzlich war Conley in Deutschland auf Lesereise, in den USA wurde sein Buch verfilmt. Der Film mit Nicole Kidman und Russell Crowe kommt im November in die deutschen Kinos.

Dem Sohn eines Baptistenpredigers aus Arkansas ist schon als Teenager klar, zu welchem Geschlecht er sich hingezogen fühlt. Eine seiner ersten Erfahrungen ist leider eine gewalttätige, als 18-Jähriger auf dem College wird er vergewaltigt. Der Täter outet Conley bei seinen Eltern, um sich aus der Affäre zu ziehen, und die beiden schicken ihren einzigen Sohn zu „Love in Action“ (LIA), einer Organisation, die alles andere als Liebe im Programm hat. Sie lehrt den Hass.

Garrard Conley ist studierter Literaturwissenschaftler und nun wirklich kein Freund einfacher Wahrheiten. Aber einer Sache ist er sich sicher: „Alles, was Liebe im Titel hat, und dich dazu bringen will zu hassen, ist . . .“ Wir einigen uns auf ein ironisches „fragwürdig“, aber man könnte sich weit stärkere Ausdrücke für das vorstellen, was man ihm bei LIA einzuimpfen versuchte: den Hass auf sich selbst, den Glauben, dass Homosexualität des Teufels sei, das Ergebnis einer verkorksten Familiengeschichte und einer verfehlten Vaterbeziehung. Schwulsein wird bei LIA behandelt wie eine Drogensucht – Menschen, die in die Fänge derartiger Organisationen geraten sind, tragen oft schwere psychische Schäden davon.

Ein Teil von ihm habe sogar gedacht, dass die Umerziehung funktionieren könnte, sagt Garrard Conley heute. Der andere Teil habe immer gewusst, dass die Leute bei LIA „komplett verrückt“ sind. Seine Entscheidung fiel, „als ich merkte, dass sie mich dazu bringen wollten, meinen Vater zu hassen.“ Da verlässt er den Raum und geht in ein anderes Leben. Heute wohnt er mit seinem Mann in New York und freut sich diebisch, dass auch der einstige LIA-Leiter inzwischen mit einem Mann verheiratet sei und Möbel herstellt: „Am meisten stört ihn an dem Buch, dass sein Büro zu hässlich geschildert ist“, erzählt Conley lachend.

„Es ist komplizierter“ hält er den Leuten von LIA noch entgegen, als er geht. Das mag defensiv klingen, ist aber eine Kampfansage. Nicht nur an die gefährlichen Vereinfacher, die in den USA Donald Trump oder Mike Pence heißen, sondern an Stereotype überhaupt. Seine „memoir“ erfüllt schon formal nicht das übliche Schema. Conley erzählt nicht chronologisch, sondern springt zwischen Rückblenden und der erzählten Gegenwart, um zu zeigen, dass sein Erlebnis kein Unfall war, sondern Ergebnis tief verwurzelter Vorurteile: „Dieser Wahnsinn kommt nicht irgendwoher, er hat sich lange Zeit aufgebaut.“

„Es ist komplizierter“ heißt auch, dass man viel weniger Wut im Buch spürt, als man erwarten könnte. „Meine Eltern lieben mich und haben einen schrecklichen Fehler gemacht“, sagt Conley. Er will kein zu einfaches Narrativ schwuler Emanzipation bedienen, und wenn das manche irritieren mag, freut ihn das. „Es gibt eine Zeit, in der man Leuten ins Gesicht spucken muss. Aber es muss das richtige Gesicht sein – und nicht das meiner Eltern.“

Und so gehört sogar seine christliche Sozialisation irgendwie noch zu ihm. Er sei kein Protestant mehr, er habe keine Vorstellung von Gott und kein Bedürfnis nach Spiritualität. Manchmal spüre er noch die alte Scham, sagt Garrard Conley, und so sehr er die bekämpft, so glaubt er  doch an die Idee des Mitgefühls. Wenn er den Fundamentalismus kritisiert, zieht er Jesus und dessen Konzept der bedingungslosen Liebe heran.

Als er von Selbstmord sprach, habe seine Mutter begriffen, was sie ihm angetan hatte, erzählt Garrard Conley. Eine Weile lang habe sie sich fast täglich entschuldigt, inzwischen habe sie sich selbst emanzipiert aus der patriarchalen Ordnung des Umfelds. Für seinen Vater, den Prediger, sei es schwieriger, die Homosexualität des Sohnes zu akzeptieren, einfach ist die Beziehung nicht. Manchmal frage er den Vater, erzählt Conley, wie er das denn selbst finden würde, so ein Leben ganz ohne romantische Liebe. „Darauf hat er keine Antwort.“

Seine Antwort gibt der Vater ihm auf andere Art. Indem er gewissenhaft die Lyrikbände liest, die ihm sein Sohn jedes Jahr zu Weihnachten schenkt, auch wenn er den homosexuellen Subtext bei Walt Whitman nicht realisiere, erzählt Conley amüsiert. Und einmal, nach einer Krankheit des Vaters, da habe er ihn gefragt, was er am meisten bereut hätte, wäre er gestorben. „Dass ich dir nicht oft genug gesagt hätte, wie sehr ich dich liebe“, sagte der Vater.

Im November in den Kinos

Das Buch „Boy Erased“ von Garrard Conley ist im Secession Verlag erschienen und wurde von André Hansen übersetzt (335 S., 25 Euro).

Der Film Regisseur Joel Edgerton hat den Stoff verfilmt, der in Deutschland im November in Starbesetzung in die Kinos kommt. Garrard Conley ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden – und seine Mutter sei geschmeichelt, mit dem Gesicht von Nicole Kidman verewigt zu werden.

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