Was eigentlich ist die Wirklichkeit? Wo zerfließt sie und wird zum Traum? Und existiert zwischen Leben und Tod eine Zone, die dem Bewusstsein zwar zugänglich ist, sich einer rationalen Erklärung aber entzieht? Diese Fragen sollte man zumindest im Hinterkopf behalten, wenn man sich durch Thomas Hürlimanns schwindelerregenden Roman „Heimkehr“ bewegt. Sie könnten jedenfalls eine Folie liefern, auf der sich das bizarre Geschehen seines neuen Buches abspielt. In Gang gesetzt wird dieses durch einen Crash: „Hoch oben ein Punkt, ein Blinken, ein Zwinkern, ein Stern, ein Satellit oder ein Flugzeug … Der Wagen liegt auf der Fahrerseite. Ein Vorderrad dreht sich noch, ein paar Schneeflocken zu einer dünnen Flamme aufwirbelnd.“

Der verunfallte Fahrer Heinrich Übel junior ist auf dem Heimweg zum väterlichen Unternehmenssitz in den Schweizer Bergen. Vor fast zwei Jahrzehnten wurde er vom Patriarchen, der eine Gummifabrik leitet, vom Firmenhof gejagt: „Mein lieber Abfall, du bist weit vom Stamm gefallen!“ Heinrich junior hatte sich daraufhin in Zürich verkrochen, als Gasthörer an der Universität nach Lust und Laune studiert, Kontakte zur Kulturschickeria gepflegt, eine Beziehung in den Sand gesetzt, schließlich auf mehreren tausend Seiten seine Familiengeschichte aufgeschrieben, der verschwundenen Mutter nachgetrauert, das Urteil des Vaters ertragen oder verdrängt und davon geträumt, eines Tages mit Doktortitel und erhobenen Hauptes Heinrich senior gegenübertreten zu können.

Dazu kommt es nicht. Stattdessen starrt ihn der Vater als Allgegenwärtiger von jeder Plakatwand Zürichs einschüchternd an: Mit dem HIV-Virus ist die wankende Gummifabrik plötzlich wieder im Aufwind, überall werden Dr. Heinrich Übels Verhüterli beworben. Die sexuelle Drohung des Big Father könnte deutlicher nicht sein, der sich andeutende Ödipuskonflikt ist vielleicht die am wenigsten subtile Ebene des Romans. Dann kommt der fatale Tag, der mit einem aufgeregten Anruf der zwielichtigen Assistentin des Vaters beginnt: Heinrich solle rasch nach Hause kommen, dem alten Herrn sei etwas widerfahren. Die Fahrt wird zum Höllenritt, zum schauerromantischen Alptraum. Das Ergebnis ist der erwähnte Autounfall auf einer Brücke, der äußerst merkwürdige Folgen zeitigt.

Der ewige Sohn erwacht nämlich nicht in einem Schweizer Hospital, sondern seltsamerweise in einem Hotel auf Sizilien, äußerlich verändert: Statt vollem Haar ziert nun eine imposante Narbe den Glatzkopf. Er wird von den Einheimischen bewundert: als viriler Draufgänger, als Mann der Tat. Die Frauen bieten sich ihm, der in der Liebe immer eher auf der Verliererseite stand, nun willfährig an. Er wird gar zum Consigliere des neuen Paten im Dorf ernannt. Sein Dasein gibt diesem Heinrich Übel junior die größten Rätsel auf, und die alles entscheidende Frage lautet: Wer zum Teufel bin ich eigentlich?

Der in früheren Büchern eher kontrollierte Erzähler Thomas Hürlimann lässt in seinem neuen Roman nun alle Zügel schleifen: Die Suche nach der Kapsel voller Erinnerungen ist eine Odyssee, eine mythische Reise, deren Ziel zwar immer die Heimkehr ins väterliche Fräcktal bleibt, aber den Helden nicht nur nach Sizilien bringt, sondern auch an die Küste Afrikas spült und zum Internationalen Gummikongress nach West-Berlin führt.

Das alles verbindet Hürlimann mit überbordender Fabulierlust zu einem ziemlich durchgeknallten, geradezu ausfransenden Schelmenroman. Das Buch hat wie sein Held etwas Haltloses: Als müsste immer noch eine Übersteigerung das ohnehin schon Übersteigerte dieser Geschichte überbieten. Natürlich ist das ein kalkuliertes Spiel, und wie jedes Spiel ist es todernst: Da sucht einer nach sich selbst, nach seiner Herkunft, nach einer Frau, die immer auch die verlorene Mutter ist, und das Ganze scheint sich in der Logik eines Traums abzuspielen, der zuweilen Züge eines Alptraums annimmt.

Satire und Mythos

Zwischen romantischem Märchen, Satire und Mythos schwebt diese Prosa hin und her; die Antike lauert in Sizilien hinter und unter jedem Stein, die christliche Erziehung schwebt wie ein Damoklesschwert über dem stolpernden Helden, und Hürlimann selbst ringt mit den Geistern der Schweizer Literatur – Gottfried Keller, Max Frisch und einige andere mehr schleichen sich in den Text hinein, und es schnurrt da sogar ein sprechender Kater, dem so nur Michail Bulgakow oder E.T.A. Hofmann eine größere Bühne bereitet haben. Thomas Hürlimann geht es in seinem umfangreichen und durchaus großen Roman um Leben und Tod und vor allem das Dazwischen. Dieses Dazwischen jedenfalls ist ein wunderbarer Ort für die Literatur.