Künstlerorte Höri – Von der Zuflucht zum Traumland

Gaienhofen / Claudia Reicherter 14.09.2018

Gaienhofen ist ein ganz kleines schönes Dörflein, hat keine Eisenbahn, keine Kaufläden, keine Industrie . . . Dafür gibt es Stille, Luft und Wasser gut, schönes Vieh, famoses Obst, brave Leute.“ Das schrieb Hermann Hesse 1904 in seinem „gemieteten Bauernhäuschen“, das er gerade in dem beschaulichen Ort am westlichen Bodensee bezogen hatte. Für jährlich 150 Mark konnte sich das der spätere Literaturnobelpreisträger durch die Einnahmen aus seinem ersten Roman „Peter Camenzind“ gerade so leisten. Ein kleines Dorf ist Gaienhofen auch 114 Jahre später noch.

Die Luft auf der Halbinsel Höri ist rein, das Wasser dieses Jahr knapp. Frisches Obst und Gemüse – die berühmten Zwiebeln, Kürbisse, Äpfel, Erd- und Blaubeeren – werden an Ständen entlang der Straße vom geschäftigen Radolfzell über eine malerische Platanenallee bis nach Öhningen hinüber angeboten. Für 150 Euro aber bekommt man heute gerade mal eine Nacht im Hotel Höri – Einzelzimmer, Landseite.

Dafür verfügt Gaienhofen über eine Sparkasse, eine Apotheke, eine von der französischen Partnerkommune gestiftete Sitzbank und ein Schild mit der gereimten Aufschrift: „Dies ist ein Garagentor – nur ein Dummkopf parkt davor!“ Das Künstlerdorf hat zudem gleich zwei Häuser zu bieten, in denen der Dichter, Romancier und Aquarellist Hermann Hesse (1877-1962) während seiner acht Jahre am Bodensee – 1904 bis 1912 – lebte. Daraufhin verschlug es den gebürtigen Calwer nach Bern und Montagnola im Tessin.

Gleich hinter der Tourist Information stößt der Besucher auf das „Hesse Museum Gaienhofen“, das sich über zwei schöne Fachwerkhäuser erstreckt. Im vorderen lebte Hesse mit seiner jungen Familie die ersten drei Jahre seiner von ihm selbst später als  „Gaienhofener Umweg“ bezeichneten Zeit. Seit Juni 2015 ist auf zwei Etagen die von Museumsleiterin Ute Hübner und Thomas Schmidt von der Arbeitsstelle für Literarische Museen im Land kuratierte Dauerausstellung „Hermann Hesse und sein 1. Haus“ zu sehen. Mit Texten, Fotos, Erstausgaben, dem vertonten Gedicht „Im Nebel“ und dem „schlichten, rohen“ Schreibtisch, den er sich 1904 für den Gegenwert einer Jahresmiete in diese „bäuerliche Hütte“ zimmern ließ.

Das ehemalige Schul- und Rathaus von 1868 dahinter widmet sich jenen, die nach Hesse in diesem „Gottesgarten“ und  den umliegenden Flecken Gundhofen, Horn, Hemmenhofen sowie Wangen eine Zuflucht fanden: sein Freund Ludwig Finckh, Max Bucherer, Otto Blümel und der gebürtige Neu-Ulmer Ludwig Renner, später auf der Flucht vor den Nazis auch die Maler Helmuth Macke, Walter Waentig, Campendonk-Schüler Ferdinand Macketanz, Erich Heckel, Jean Paul Schmitz und Gertraud Herzger von Harlessem. Kästner-Entdecker und Anna-Seghers-Verleger Curt Weller, Kunsthistoriker Walter Kaesbach, Max Ackermann. Und Otto Dix (1891-1969).

Auf einer Liste im Museum mit Künstlern „der jüngeren und jüngsten Gegenwart“, denen die Höri zur Heimat wurde, stehen 27 Namen. Darunter Jan und Andrea Dix, die in Öhningen ihr Gold- und Silberschmiede-Atelier betreiben. Es gebe auf der Halbinsel am Untersee „schon noch einige Künstler“, erklärt Ute Hübner. „Allerdings sind nur sehr wenige darunter, die wirklich professionell arbeiten, sprich von ihrer künstlerischen Arbeit leben.“

Hesse zog 1907 in sein eigenes Haus am damaligen Ortsrand. Hans Hindermann hat es entworfen. Das Geld dafür stammte von Hesses Frau Mia Bernoulli, die einer Basler Bürgerfamilie entstammte und Fotografin war. Nachdem es fünf Jahre leergestanden hatte und abgerissen werden sollte, kauften es 2003 Eva und Bernd Eberwein. „Als Ruine“, wie die Biologin, deren Großeltern mit Familie Hesse bekannt waren, und die in ihrer Kindheit auf der Höri die Ferien verbrachte, zwischen Blumenkaufen und Kuchenbacken erzählt. „Heute sagen viele, solch ein schönes Haus hätten wir auch gern, aber als wir einzogen, sah es natürlich ganz anders aus.“

Da es das einzige Haus ist, das Hesse einrichtete und dessen Garten er selbst anlegte, da sie beides originalgetreu restauriert haben und die dreifarbige Katze „Kater“ dies zulässt, ist das private Traumhaus mit türkis gestrichenen Schindeln und der prächtigen Pflanzenpracht ringsum nun als „Hermann-Hesse-Haus“ einmal im Monat für Besucher offen. Mit Sitzecken im Garten und informativen Stelen ist das neben dem „Museum Haus Dix“ ein Dorf weiter der schönste Ort für Kunstfreunde auf der Höri.

In Dix’ 1936 mit seiner Frau Martha und den drei Kindern auf einer Anhöhe in Hemmenhofen bezogenem Wohnhaus, das seit 2013 zum Kunstmuseum Stuttgart gehört, führt via Media-Guide der Jüngste, Jan Dix, mit zahlreichen Anekdoten über drei Stockwerke. An bestimmten Tagen schließt Haus-Dix-Leiterin Gabriele Schimper auch den Keller auf, in dem erst 2012 wilde, wunderbare Wandmalereien von Otto Dix und seinen Faschingsgästen entdeckt wurden. Auf der Terrasse mit Blick über Garten, Surfer und Schweizer Ufer freuen sich zwei Besucherinnen bei Bodenseewasser und Kaffee über den „guten Tipp aus dem Reiseführer“ – und die Stille, die schon Hesse lobte.

Drei sehenswerte Häuser auf der Halbinsel Höri

Hesse Museum Gaienhofen, Kapellenstraße 8, geöffnet bis 31. Ok­tober Di-So 10-17, danach Fr/Sa 14-17, So 10-17 Uhr. Hermann-­Hesse-Tage: 12.-14. Oktober.

Hermann-Hesse-Haus, Hermann-­Hesse-Weg 2, Gaienhofen, geöffnet auf Anfrage, letzte Führung dieses Jahr: 29. September, 16 Uhr, Garten ab 12 Uhr. www.hermann-hesse-haus.de

Museum Haus Dix, Otto-Dix-Weg 6, Hemmenhofen, geöffnet Di-So 11-18 Uhr.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel