Festival Spanische Indie-Rockband „Hinds“ beim Obstwiesenfestival

Die Madrider Band Hinds besteht aus (von links) Amber Grimbergen, Carlotta Cosials, Ana Perrote und Ade Martin.
Die Madrider Band Hinds besteht aus (von links) Amber Grimbergen, Carlotta Cosials, Ana Perrote und Ade Martin. © Foto: Neelam Khan Vela
Madrid/Dornstadt / Claudia Reicherter 14.08.2018
Frauen sind im Rock immer noch rar. Seit einigen Jahren machen Hinds Furore. Dabei sehen die sich nicht als Girl-Band.

Zu ihren Fans gehört mit Patrick Carney die Hälfte des US-Bluesrock-Duos The Black Keys. Und Bobby Gillespie, Kopf der einflussreichen schottischen Alternative-­Rock-Band Primal Scream. Um nur zwei zu nennen. The Vaccines und The Libertines nahmen die Band in ihr Vorprogramm, was auch nicht eben auf Missbilligung schließen lässt. Noch bevor Hinds ihr erstes Album veröffentlicht hatten, waren sie selbst schon auf Welttournee.

Denn gleich die erste auf der Musik-Website Bandcamp veröffentlichte Single „Demo“, die Carlotta Cosials und Ana García Perrote in ihrer Heimat Madrid aufgenommen hatten, erntete 2014 vom britischen Musikmagazin New Musical Express lobende Kritik. Zugleich veranlasste das die Songs „Bamboo“ und „Trippy Gum“ umfassende Werk die Tageszeitung The Guardian dazu, die wild, rau und lärmend klingenden Spanierinnen als „Band der Woche“ herauszustellen.

„Wir sind drüber weg“

Nach der Hälfte ihrer 2011 noch als Duo begonnenen Karriere mussten die beiden Sängerinnen und Gitarristinnen, zu denen kurz nach Erscheinen der Debüt-Single noch Ade Martin (Bass, Gesang) und Amber Grimbergen (Schlagzeug) stießen, ihren Namen ändern: von Deers in Hinds, also vom allgemeinen englischen Begriff für Rotwild in die spezifisch weibliche Bezeichnung „Hirschkühe“. „Da sind wir inzwischen drüber weg, zu 100 Prozent“, sagt Carlotta Cosials. „Anfangs war’s ein Alptraum, aber es wurde zu keinem bleibenden Trauma. Heute liebe ich ,Hinds’.“ Die Tatsache, dass sie selbst weiblich sind, wollten sie mit dem neuen Namen keinesfalls unterstreichen. Die vier jungen Frauen stemmen sich vielmehr vehement dagegen, in die Schublade „Girl-Band“ verfrachtet zu werden.

Nicht auf das Geschlecht reduzieren lassen

„Wir sind eine Band, keine Mädchen-Band“, betonten sie in den vergangenen Jahren immer wieder. „Wir machen Musik, genauso wie Jungs Musik machen.“ Zurzeit werde es besser, aber besonders zu Beginn ihrer Karriere sei der Begriff wie eine Genre-Bezeichnung verwendet worden, erklärt Bandmitbegründerin Carlotta, die sich zwischen den aktuellen Plattenaufnahmen in Madrid gerade zum Konzert eines Freundes in Valencia befindet, am Telefon. „Wir wurden immer wieder mit Warpaint und Haim verglichen, mit denen unsere Musik exakt null zu tun hat.“ Das einzige, was Hinds  mit der experimentellen Rock- und der Pop-Band aus Kalifornien gemeinsam habe, sei ihr Geschlecht. Und darauf lassen sie sich nicht reduzieren.

Selbst der Vergleich mit den Riot Grrrls der 90er Jahre um Bikini Kill und Sleater Kinney behagt der 27-Jährigen nicht: „Wie sie haben wir eine Botschaft“, aber Kathleen Hanna und Co. nutzten die Musik, um ihre feministischen Inhalte zu transportieren. „Bei uns hingegen steht die Musik an erster Stelle. Wir wollen zuallererst coole Musik spielen. Erst danach kommen die coolen Inhalte.“ Das belegen die beiden Alben „Leave Me Alone“ (2016) und „I Don’t Run“ (2018) mit Sounds zwischen Sonic Youth und The White Stripes, The Strokes und Shangri-Las. Dazu kommt eine freche Retro-Optik auf den Plattencovern und in Videos.

Notorisch energetisch

Berichte über stets gutgelaunte, sprühende Live-Auftritte des Vierers überraschen nach dem lebhaften Gespräch mit Carlotta Cosials kaum. „Wir sind auf der Bühne so echt, dass es fast schon peinlich ist“, sagt sie kehlig kichernd. „Wir geben wirklich alles, und diese Energie kommt, glaube ich, auch rüber.“

Vor Deers/Hinds fühlte sie sich oft einsam, erzählt sie. Und: Die Musik, speziell auf Tour, hat sie zu einem besseren Menschen gemacht. „Weil ich da drauf achte, dass es allen gutgeht, nicht nur mir.“ Mit dieser Haltung und dem roh-melodischen LoFi-Indie-Garagen-Pop passt die Madrider Band bestens zum Obstwiesenfestival (OWF), das am Donnerstag, 16. August, beginnt.

Weitere Headliner beim OWF

Die anderen Headliner sind die Hamburger-Schule-Rektoren Tocotronic aus Hamburg, Von Wegen Lisbeth aus Berlin, die Österreicher Granada, Voodoo Jürgens und Naked Lunch sowie Av Av Av aus Dänemark. Zu den internationalen Gästen beim dreitägigen Umsonst-und-draußen-Fest gehören zudem die Elektro-Psychedeliker Dengue Dengue Dengue aus Peru, der HipHop-Vierer The Lytics aus Kanada, das Dance-Punk-Duo DZ Death­rays aus Australien und Singer-Songwriter Jonathan Bree aus Neuseeland.

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Anreise, Gelände und Programm

OWF Das 26. Umsonst-­und-draußen-Festival am Dornstadter Lerchenberg (16.-18. August) ist von der A8, Ausfahrt Ulm-West, und von der B10 ausgeschildert. Parken kostet pro Tag 3, für drei Tage 6 Euro. Der Campingplatz direkt neben dem Festivalgelände ist ab Donnerstag, 18 Uhr, offen.

Zeitplan 25 Bands und vier DJs spielen abwechselnd auf zwei Bühnen, der Haupt- und der Zeltbühne. Am Donnerstag eröffnet die Münchner Bluesrock-Band The Whiskey Foundation das OWF auf der Hauptbühne (20 Uhr), gefolgt vom Film „Happy Burnout“ (21.30). Anschließend legen Deejot Roter Freibeuter und DJ Purple Haze auf. Am Freitag beginnt das Musikprogramm auf der Hauptbühne mit Liffey Looms feat. Philip Bölter (17.40), gefolgt im Zelt von Go Go Gazelle (Ex-Benzin, 18.15), draußen Voodoo Jürgens (18.55), drin DZ Death­rays (19.45), dann The Bongo Club (20.35), Naked Lunch (21.25), Von Wegen Lisbeth (22.15),  Jonathan Bree (23.15), Av Av Av (0.05), The Lytics (1.05) und den DJs Bambooze Bros. Am Samstag geht es los mit Zauberer Marvin Schmid im Zelt (14 Uhr), dann spielen auf der Hauptbühne Kosmo (14.50), im Zelt Josie (15.25), draußen Mary Lou (16), drin Die Sauna (16.45); Dives (17.30); Goldroger (18.15); Oum Shatt (19.05); Häxxan (19.55); Granada (20.45); Pale Grey (21.35); Hinds (22.25); Gudrun von Laxenburg (23.15); Tocotronic auf der Main Stage (0.05) läuten vor Dengue Dengue Dengue (1.05) und DJane V.Strange im Zelt das Festivalende ein. Mehr unter swp.de/Obstwiese2018

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