Schon bevor’s richtig losgeht, sitzt er bereits auf der Bühne: Mephisto. Sandra Gerling spielt ihn als fiesen Finsterling, der ab und zu sein Rollen-Image parodiert und ein gruslig blutiges Maul zeigt. Jetzt, da die Zuschauer erst eintrudeln, streichelt er vorn an der Rampe – na was wohl: einen schwarzen Pudel, sein leibhaftiges Alter Ego. Etwas resigniert wirkt er, dieser Mephisto. Klar, dass seine müden Kommandos – „Sitz! Fletsch!“ – beim Hund nichts fruchten. Selbst als er „fass!“ ruft und ins Publikum deutet, ignoriert das der Pudel komplett: Heiterkeit im Saale. „Wir sind halt die, die wir sind“, sagt Mephisto und geht schulterzuckend ab.

Sicher, das war kein O-Ton Goe­the. Denn Regisseur Stephan Kimmig präsentiert zwar „Faust I“, ergänzt die Tragödie aber durch wenige kurze Einschübe aus Elfriede Jelineks „FaustIn and out“. Deren Text verhandelt den Fall Fritzl, der im österreichischen Amstetten seine eigene Tochter 24 Jahre in einem Keller versteckt hielt und mit ihr sieben Kinder zeugte. „FaustIn and out“ sei, so Jelinek, ein „Sekundärdrama“, ein „Begleitdrama“, das­ also „kläffend neben den Klassikern herlaufen“ soll. Der Kombi-Pack im Stuttgarter Schauspielhaus zeigt: Es funktioniert.

Auch in dieser Inszenierung bleibt es dabei: Kimmig ändert sich ständig. Der gebürtige Stuttgarter lässt sich nicht auf einen Stil festlegen. Das „Faust“-Drama, das zwischen Welttheater, Politparabel und Gretchentragödie zum bildungsbürgerlichen Kernbestand zählt, findet bei ihm in einem kalten, weißen, leeren Bau statt, der vieles ist: Theater, Walhall, Museum, Tempel und Irrgarten (Bühne: Katja Haß).

Irrgarten und Keller-Gefängnis

Aus diesem Gebäude tritt zu Beginn der Schauspieler Elmar Roloff. Er spricht die „Zueignung“, als offenbar noch Traumverlorener, Übernächtigter in Unterwäsche – und schildert stockend seltsame Visionen rund um „des Lebens labyrinthisch irren Lauf“. Also doch ein Irrgarten? Später in der Inszenierung könnte dieser Bau aber auch das Keller-Gefängnis sein, in dem sich die Amstetter Gräueltaten ereigneten. Die rückt Jelineks Text durchaus in einen Zusammenhang mit Fausts egozentrischer Gier, mit seiner Sucht nach dem extrem ultimativen Kick, dem das 14-jährige Gretchen als „Kollateralschaden“ zum Opfer fällt.

Auch Kimmig zeigt einen in „zwei Seelen“ gespaltenen Faust – mit zwei Darstellern: Paul Grill gibt den jungen, Elmar Roloff den alternden Faust. Letzterer hält auch schon mal Monologe, in denen Jelinek die Psyche des Straftäters Fritzl beschreibt: „Mein schönes Fräulein, darf ich‘s wagen, meinen VW-Kastenwagen und meine Prügel Ihnen anzutragen?“

Abgesehen von der Gretchen-Tragödie, auf die sich die Jelinek-Einschübe beziehen, erzählt Kimmig aber auch eine ganz andere Geschichte – die vom Aufbruch dreier junger Seelen: Faust, Mephisto und Gretchen. Paul Grill zeichnet die Titelfigur als lebenshungrigen, koks­anfälligen, zwischendurch kotzenden, durchs Leben taumelnden Studiker, der mit Sandra Gerlings manipuliergeilem Mephisto den ganz, ganz großen Superduper-Aussteiger-Plan entwirft. Lea Ruckpauls selbstbewusstes, teils sogar kaltschnäuziges Gretchen wiederum entspricht so gar nicht dem Opfer-Image der gutgläubig verführten Seele.

Das eben macht den Thrill dieser Inszenierung aus: Kimmig stellt in seinem „Faust“ ambivalente, gespaltene Charaktere zur Debatte. Etwa Mephisto. Absolut sehenswert: Sandra Gerling, die als schwarze Dark-Punkerin auch schon mal durchs Publikum geistert. Tolle Rolle, diese Mephisto-Frau, sie kann sogar Adorno zitieren, blutrünstig-lasziv züngeln wie Klaus Kinski und – mit nur einem Stöckelschuh – stürmisch über die Szene hinken.

Zugegeben, die Musik – Doors, Depeche Mode und vieles mehr – war live eher gut gemeint. Doch alles in allem, in diesen drei Stunden „Faust I“, ergänzt mit Jelinek-Passagen, bietet Kimmig reichlich Denkstoff fürs Publikum, vielschichtige Charaktere, eine klare Sprache, viel Stille dazwischen und etliche Überraschungen: Fausts Flirt mit Gretchen findet im Pausenfoyer statt, und später, wieder im Saal, kriegt Gretchen von ihm eine Lederjacke geschenkt. Zudem hagelt’s rätselhafte Bildchiffren fürs Auge: Glocke, Riesenmobiltelefon, Feingoldbarren und einen überlebensgroßen Pfau – Symbol für Liebe, Leidenschaft und Eitelkeit. Kurz: gutes Theater, widersprüchlich und nicht bescheidwisserisch. Verhaltener, aber langer Beifall.

Peymann bei der Premiere


Abschiedssaison 2013 kam er: Armin Petras, damals Intendant am Berliner Gorki-Theater, wechselte ans Staatsschauspiel Stuttgart. Von Berlin nach wohin bitte?, höhnte damals der beleidigte Teil der hauptstädtischen Theaterszene. Nach der Verlängerung seines Vertrags um weitere drei Jahre bis 2021 überlegte Petras es sich anders: „Aus persönlichen Gründen“ hört er nun doch schon 2018 auf. Manche Beobachter machen dafür aber die zeitweise sinkenden Zuschauerzahlen verantwortlich. Wie auch immer: Petras scheint erstmal keine neue Intendanz an einem Theater anzusteuern und legt sich für seine fünfte und letzte Saison mächtig ins Zeug. Da wird er einen guten alten Bekannten präsentieren: Claus Peymann, Intendant hier am Staatsschauspiel in den 70er Jahren, führt in Stuttgart am 16. Februar 2018 Regie bei William Shakespeares „King Lear“. Jetzt schon wurde der 80-jährige Peymann, der im Sommer die Leitung des Berliner Ensembles abgegeben hat, in Stuttgart bei der „Faust“-Premiere gesichtet. Ganz selbstverständlich. Als wäre er nie weg gewesen. op