Hamburg Henri Nannen, der besessene Publizist

Er machte schon Infotainment, als es das Wort noch gar nicht gab: Henri Nannen. Foto: dpa
Er machte schon Infotainment, als es das Wort noch gar nicht gab: Henri Nannen. Foto: dpa
DPA 23.12.2013
Henri Nannen zählt zu den Großen des deutschen Nachkriegsjournalismus. 1948 gründet er den "Stern". Am 25. Dezember wäre er 100 Jahre alt worden.

"Der ,Stern ist von Anfang an und dann jahrzehntelang Henri Nannen gewesen - Henri Nannen war der ,Stern." So würdigte Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt einen der einflussreichsten Journalisten der deutschen Nachkriegszeit und Kunstmäzen bei der Trauerfeier 1996, als Nannen im Alter von 82 Jahren gestorben war. Am 25. Dezember dieses Jahres wäre er 100 Jahre alt geworden.

Nannen war ein Macher: "Ein Berserker, ein Besessener, ein Mensch voller Lebensfreude und Tatendrang, ein Genießer und Charmeur, ein Vollblutjournalist, ein Chefredakteur und Sklaventreiber, ein Mensch!" So urteilte einst der frühere G+J-Vorstandsvorsitzende, Gerd Schulte-Hillen, über den ersten "Stern"-Chefredakteur.

"Solange er den ,Stern regierte, von 1948 bis 1980, war die Luft bleihaltig, das Tempo stürmisch und der Ton grob", schreibt Claus Lutterbeck, seit 1976 "Stern"-Redakteur in einer Nannen-Sonderausgabe. "Wer ihm Paroli bot, wurde zwar gebissen, aber ernstgenommen." Nannen wollte Lieschen Müller stets die Welt erklären und jene mit der "Wundertüte Stern" in die Wohnzimmer bringen - Tabubrüche inklusive, wie die 1971 veröffentlichten Abtreibungsbeichten prominenter Frauen.

Der in Emden geborene Nannen, Sohn eines Polizeibeamten, hatte ein Gespür für Geschichten - und Geschichtenerzählen war sein Credo. Zum Lebenslauf Nannens gehört auch dessen Zeit als Kriegsberichterstatter und Bordschütze im Zweiten Weltkrieg. Die brutalen Kriegserfahrungen und der Wunsch nach Wiedergutmachung veranlassten Nannen, später die Ostpolitik Willy Brandts zu unterstützen. Schon 1957 fuhr er mit einem Reporterteam durch die UdSSR bis Moskau - im offenen Cabriolet.

Nannen war im harten Politikgeschäft zu Hause und etwa beim Kniefall Brandts in Warschau unmittelbar dabei. Aber auch gekrönte Häupter, Prominente und Sportler zierten die Titelblätter. Zu Hochzeiten in den 70ern kam der "Stern" in der Auflage auf deutlich mehr als eine Million Exemplare. Die unrühmliche Episode um die angeblichen Hitler-Tagebücher 1983 lag zwar nicht mehr in Nannens Verantwortung, aber er kehrte zurück, um den "Stern" in dem Skandal wieder auf Kurs zu bringen.

In seinem letzten Lebensjahrzehnt widmete er sich leidenschaftlich der von ihm gestifteten Kunsthalle in Emden. Auf dem Friedhof dort ist auch sein Grab.