Ihr jüngstes Album trägt den Titel „Deutschland“. Eigentlich hätte man mit einem solchen Titel bei Ihnen schon früher rechnen können.
HEINZ RUDOLF KUNZE: Der Titel war lange schon naheliegend. Ich wollte ihn aber erst verwenden, wenn ich ein Lied haben würde, das so heißt. Nun ist es natürlich ein geborenes Titellied.

Sie texten, es sei nicht so einfach, dieses Deutschland zu lieben.
KUNZE: Ein Gefühl, das Künstler ja bereits seit mehreren hundert Jahren kennen. Ich würde sagen, das ist eine Berufskrankheit von uns Künstlern, dass wir uns an unseren jeweiligen Ländern reiben und versuchen, die Situation immer etwas von außen betrachten. Man kann das wohl als „Déformation professionnelle“ bezeichnen

Die aber in Deutschland noch ein wenig stärker zu sein scheint als in anderen Ländern.
KUNZE: Das ist wohl wahr. Vermutlich ist es selbst für einen Zyniker wie Michel Houellebecq deutlich einfacher, Franzose zu sein, wie für einen deutschen Autor, Deutscher zu sein. Was nicht nur am Dritten Reich liegt, sondern auch daran, dass Deutschland über Jahrhunderte hinweg ein Flickenteppich von kleinen Fürstentümern war und erst spät zur Nation wurde. Man kann ja selbst heute Zweifel daran haben, ob es ein Land ist. Ich nehme zumindest wahr, dass die Annäherung von Ost und West längst nicht abgeschlossen ist. Deshalb ist das neue Problem, Menschen aus ganz anderen Kulturkreisen zu integrieren, ein noch größeres und wird sicherlich bedeutend länger dauern.

Sie selbst waren ja auch ein Flüchtlingskind.
KUNZE: Ja. Ich bin zwar im Westen aufgewachsen, aber noch im Osten gemacht worden. Die ehemalige DDR war mir immer vertraut, da alle unsere Verwandten bis auf meine Eltern und mich drüben geblieben waren. Ich war als Kinder und Schüler oft dort. Hinzu kommt, dass ich bereits 1987 dort Konzerte geben durfte. Ich habe die DDR also auch noch beruflich kennen und lieben gelernt. Wahrscheinlich ist der Osten auch deshalb eine meiner absoluten Hochburgen.

Hat Ihr Heimatgefühl nach den Vorfällen in Clausnitz oder Bautzen gelitten?
KUNZE: Was man dort erleben musste, ist eine Schamlosigkeit und Ungehörigkeit erster Ordnung. Das ist ganz furchtbar. Aber ich möchte dennoch betonen, dass man nicht alle Ostdeutschen in einen Topf werfen sollte. Dort gibt es auch Andersdenkende.

Zurück zu Ihrem Album. Dieses ist ja auch ein Poesiealbum mit Erinnerungen an Ihre Kindheit.
KUNZE: Das Album ist so eine Art Konfrontation der Sicht auf das aktuelle Deutschland und das meiner Erinnerungen. Ich habe mir mit „In der Alten Piccardie“ sogar einen Abstecher ins Idyll geleistet, weil die Zeit dort in der Nähe von Aachen ein kurzer, aber sehr schöner Abschnitt meiner Kindheit war. Ich wurde in diesem kleinen Bauerndorf von meinem eigenen Vater eingeschult, der dort Dorflehrer war. Ein eher zweifelhaftes Schicksal. Wir als ostdeutsche Vertriebene wurden aber von diesen Bauern im Moor sehr herzlich aufgenommen und geradezu auf Händen getragen. Ich war gerade mit dem MDR-Fernsehen noch einmal dort und der ganze Ort ist zusammengelaufen. Es war wirklich rührend. Ich habe mich gefühlt wie ein Bundespräsident.

Wollten sie bei diesem Album musikalisch wieder ein wenig mehr Dampf hineinlassen?
KUNZE: Ganz besonders im Titellied. Zuerst habe ich das am Klavier probiert und gemerkt, das wird zu pathetisch und romantisch. Dann habe ich mich für Funk entschieden, um mit der Musik ein bisschen gegen den Text zu arbeiten. Bei anderen Liedern probieren wir alles mögliche an Stilistik der Popularmusik von Bluesrock bis TexMex durch. Das war aber immer unser Arbeitsstil. Unsere Alben sind etwas chamäleonhaft, was wohl an den Texten liegt, da diese so unterschiedlich gestrickt sind.

Geprägt ist das Album wie immer von Ihrer Stimme, obwohl Sie ja weniger Vokalwunder als markanter Sänger sind.
KUNZE: Immerhin singe ich alle meine Chöre selbst ein, was ansonsten kein Deutschrock-Kollege macht. Bei aller Ungeduld, die mich immer plagt, hier gebe ich mir richtig Mühe und kann das, so glaube ich, auch richtig gut.

Was hat sich in den vergangenen 36 Jahren an Ihren Texten verändert?
KUNZE: Ich hoffe doch, dass ich in dieser Zeit dazugelernt habe und mit Bildern souveräner umgehen kann als am Anfang. Aber es zieht sich sicherlich ein roter Faden durch. Es gab bereits auf dem ersten Album einige Texte, die ich heute noch sehr gut finde und wahrscheinlich nicht anders schreiben würde. Der Blick auf die Welt ändert sich naturgemäß etwas. Ich bin 59 Jahre alt und nicht mehr 24. Inwieweit das eine Verbesserung mit sich gebracht hat, müssen aber letztlich die Hörer entscheiden. Musikalisch, so hoffe ich, klingt das nicht mehr ganz so hysterisch und aufgeregt wie auf der ersten Platte. Aber mir macht es wirklich noch sehr viel Spaß, Lieder zu gestalten.

Müssen Sie an dieser Spritzigkeit und Wachheit hart arbeiten?
KUNZE: Ich habe ein ganz besonderes Geschenk in die Wiege gelegt bekommen: Das ist mein Spieltrieb, die Freude am Umgang mit Tönen und Worten. Das ist auch immer noch so. Da fühle ich mich manchmal ganz kindlich. Das will einfach gemacht sein. Es fällt mir einfach zu. Das ist eine Gabe, für die ich auch sehr dankbar bin.

Sie werden in diesem Jahr 60. Was ist Ihre größte Angst vorm Alter?
KUNZE: Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen. Und das ist der schönste Beruf der Welt. Die Angst davor, dass mir die Kraft abhanden kommen könnte, meine Magie zu erzeugen, habe ich in meinem Lied „Ein fauler Trick“ sehr genau beschrieben. Für mich ist das Lied wie ein Totem, dass man sich über der Eingangstüre aufhängen sollte, damit das nicht passiert. Viele Fans dachten aber schon, das sei mein Abgesang.

Vielleicht wegen des Körnchens Wahrheit?
KUNZE: Es ist geradezu beklemmend, wie viele Leute alles, was man singt, wörtlich nehmen und glauben, dass man stets über sich selbst Auskunft gibt. Die meisten Menschen können sich wahrscheinlich bei „Ein fauler Trick“ auch nicht vorstellen, dass ich nicht über mich selber singe, sondern eine Art Horrorvision beschworen habe. Die haben wohl nie von Randy Newman, dem Meister des Rollensongs, gehört, von dem ich sehr viel gelernt habe. Ich schreibe Geschichten, die mich anrühren oder die ich interessant finde, veröffentliche aber nicht mein Tagebuch.

Gibt es Kollegen im deutschen Rock und Pop, zu denen Sie aufschauen?
KUNZE: Es gibt Kollegen, mit denen ich befreundet bin, solche, die ich sehr schätze wie Sven Regener oder Jochen Distelmeyer, und es gibt das ein oder andere starke Lied. Meine Helden kommen aber doch aus der angloamerikanischen Musik. Mal abgesehen von Franz-Josef Degenhardt, den ich wirklich sehr verehre.

Sie werden vermutlich mit dem Album auf Deutschland-Tour gehen?
KUNZE: Aber erst im Herbst, damit sich das zu meinem 60. Geburtstag hin Ende November etwas zuspitzt. Davor werde ich wieder einige Solo-Auftritte geben. Ich weiß inzwischen, dass ich eine Bühne auch ganz allein beherrschen kann, was ich mir früher nie zugetraut habe. Das ist neu für mich. Die Auftritte sind mit vielen kabarettistischen Elementen gespickt. Ich durfte ja noch bei Hanns Dieter Hüsch, dem Großmeister des zarten Kabaretts, lernen, und er hat mir noch ein paar Tricks beigebracht. Ich bin ihm ewig dafür dankbar.