Schriftsteller 100. Geburtstag: Wer war Heinrich Böll?

Jürgen Kanold 19.12.2017
Er war die moralische Instanz der Bundesrepublik, streitbarer Demokrat, Menschenrechtler und Literatur-Nobelpreisträger.

Er war das Gedächtnis einer erinnerungslosen Gesellschaft. „Wo warst du, Adam?“ heißt ein Roman Heinrich Bölls, 1951 erschienen, in dem der Schriftsteller in neun Kapiteln von der menschenverachtenden Absurdität des Krieges erzählt. Ein sinnloser Tod nach dem anderen, und als es dem Soldaten Feinhals, dem Protagonisten, am Ende gelingt, sein Heimatdorf zu erreichen, wird er dort vor dem Elternhaus durch eine Granate zerfetzt, abgefeuert von der eigenen Wehrmacht.

Wo warst du, Heinrich Böll? Im Krieg, all die Jahre, als einfacher Soldat, bis 1945. Neben aller Not, die er durchlitt, es war auch die „verlorene Lebenszeit“, die der Sohn eines Schreiners aus Köln, aufgewachsen in kleinbürgerlicher, katholischer, kinderreicher Familie, beklagte.

„Den Ermordeten will ich ein Lied singen“, schrieb Böll in seinen Feldpostbriefen. Er hat es dann getan, als ein großer deutscher Schriftsteller der „Trümmerliteratur“, obwohl  „keine Sau“ mehr etwas vom Krieg lesen oder hören hatte wollen. Was Böll in seinen erst kürzlich veröffentlichten Kriegstagebüchern („Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind“) notierte, Verzweiflungsschreie auch an die geliebte Frau und an einen Gott, der ihn verstört  – es wurde erschütternder Stoff der Romane und Erzählungen. Böll vergaß nichts. „Das Vergangene im Gegenwärtigen zu erschließen und durch Erinnerung an die Geschichte zu mahnen, war die von Böll der Literatur wesentlich zugesprochene Aufgabe“, schreibt Jochen Schubert in seiner neuen Biografie.

Anwalt der kleinen Leute

So war Böll ein Stachel im Fleisch eines selbstzufriedenen Nachkriegsdeutschlands, das seine Nazi-Vergangenheit verdrängte. Er brandmarkte das Durchregieren alter Eliten und das Wiederaufleben der Ressentiments, ja des Antisemitismus. Wiederbewaffnung, Wirtschaftswunder-Herrlichkeit auf Kosten der kleinen Leute: Böll mischte sich ein als unbestechlicher Anwalt des Normalbürgers, er wuchs zum „Gewissen der Nation“, zu einer politischen Stimme, die permanent in der Öffentlichkeit gefordert war als Redner, Interviewpartner, höchst einfluss­reicher Gesellschaftserklärer und -kritiker, als Debatten-Stifter, der keine Partei schonte, weder CDU noch SPD. Und der bis zuletzt in vorderster Reihe stand, etwa in der Friedensbewegung Anfang der 80er Jahre. Böll nahm – nicht nur freiwillig  – eine mediale Macht-Position ein, wie sie kein anderer Intellektueller in der Bundesrepublik je innehatte.

Von der „moralischen Instanz“ ist jetzt in diesen Tagen stets die Rede, wenn Heinrich Böll aus Anlass seines 100. Geburtstags an diesem 21. Dezember gewürdigt wird, wenn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und viele andere zunächst dessen gesellschaftliches Engagement betonen. Und der Schriftsteller Böll? Der lieferte in den 70er, 80er Jahren noch Schullektüre und hat längst an Zugkraft verloren; sein Werk verschwindet aus dem Bewusstsein.

1972 wurde Böll der Literatur-Nobelpreis zugesprochen, den als deutscher Staatsbürger zuletzt Thomas Mann 1929 erhalten hatte. Die Titel seiner Erzählungen und Romane avancierten zu geflügelten Worten: „Nicht nur zur Weihnachtszeit“, „Und sagte kein einziges Wort“, „Das Brot der frühen Jahre“, „Haus ohne Hüter“, „Ende einer Dienstfahrt“, „Gruppenbild mit Dame“ . . . Gelesen wurde jedes neue Buch bald millionenfach.

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Dass manche Prosa, mancher Stoff heute ergraut, vergilbt, wirkt? Das liegt wohl in der Natur der Sache, wenn ein Autor derart in der Zeit verhaftet ist. Marcel Reich-Ranicki fällte 2008 ein vernichtendes Urteil: „Reden wir offen. Schon jetzt ist nur wenig geblieben. Es wird naturgemäß immer weniger werden. Seine Romane sind mittlerweile allesamt in Vergessenheit geraten.“ Dass das 1957 erschienene „Irische Tagebuch“, diese herzlich-realistischen Reise-Kurzgeschichten, heute aus dem Regal geholt wird, um Bölls Qualitäten zu feiern: kein Zufall. Es sind großartige literarische Bilder, Szenerien und Betrachtungen, vielleicht hätte es ihm gutgetan, sich öfter von Deutschland zu lösen und mehr Welt in sein Werk hineinzulassen. Trotzdem, was bleibt, das sind die Bücher der unmittelbaren Nachkriegszeit in ihrer angemessenen Trostlosigkeit der Schicksale und Anklagen.

Selbstverständlich gehört auch der Roman „Ansichten eines Clowns“ von 1963 zum nachhaltigen Böll-Kanon.  Der Ich-Erzähler Hans Schnier, der da am Bonner Bahnhof sitzt, ein melancholisch Unangepasster, ist die personifizierte Sozialkritik in der Restauration – oder, wie Böll seine Motivation als Autor erklärte: Es war „Widerstand gegen die selbstgefälligen Kräfte und Gruppen, die zu ihrem unantastbaren Eigentum erklärten (...), was man nicht besitzen kann wie etwas katasteramtlich Verbrieftes: Christentum und Demokratie“.

Der tiefgläubige Katholik trat entsprechend aus der Kirche aus (1976), und für die Demokratie stritt er unerbittlich. Vereinnahmen ließ er sich nie, rief vielmehr auf zu kritischer Distanz, ohne Rücksicht auf Verluste und Missverständnisse, er stellte sich als Menschenrechtler selbst vor Terroristen, ohne freilich deren Taten zu rechtfertigen. Welcher Hass ihm 1972 entgegenschlug, als er im „Spiegel“ den Artikel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“ veröffentlichte und für Deeskalation warb, die Treibjagd der Springer-Presse geißelte, schockiert noch heute.

Als „Sympathisant der Baader-Meinhof-Bande“ wurde Böll, dieser melancholisch-mutige Rheinländer mit dem warmen Ton in der Stimme, nun selbst Ziel einer medialen Hetze. Dass sich der Schriftsteller einer Sprache bediene, die ein „Gemeinschaftswerk Karl-Eduard von Schnitzlers und Joseph Goebbels‘ sein könnte“, zählte noch zu den harmlosesten Diffamierungen.

Hetzjagd der Presse

Das Halali der Bild-Zeitung schloss die ganze Familie mit ein. Der Staat beteiligte sich: Überwachungen, Hausdurchsuchungen. Heinrich Bölls dritter Sohn René sagte kürzlich bei einer Buchvorstellung: „Ich bin fest davon überzeugt, dass Springer und der Verlag am frühen Tod meines Vaters eine Mitschuld tragen.“ Böll verarbeitete diese Erfahrungen in seinem Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“: ein wieder sehr aktuelles Buch in Zeiten der „Fake News“.

Heinrich Böll, am 16. Juli 1985 in seinem Haus in Langenbroich in der Eifel mit nur 67 Jahren gestorben, hat es seinen Feinden äußerst schwer gemacht. Wer ihn als Linksradikalen, als RAF-Unterstützer bekämpfte und denunzierte, ihn nach „drüben“ schicken wollte, hatte Pech. Böll war gleichermaßen im Osten des Eisernen Vorhangs ein unbequemer Schriftsteller. Nicht nur als Präsident des PEN setzte er sich in der Sowjetunion für Dissidenten ein, etwa für seinen Freund Lew Kopelew und Alexander Solschenyzin. Für Frieden und Versöhnung: Was vom literarischen Werk Heinrich Bölls bleibt, ist die eine Frage. Bölls Schaffen aber zeigt wiederum, dass das Schreiben ohne Haltung nur sinnlose Elfenbeinturmkunst ist.

Eine Biografie und das Werk neu bei dtv

Bücher Den „Künstler, Zeitzeugen und Intellektuellen“ stellt Jochen Schubert in seiner Biografie „Heinrich Böll“ vor. Es ist eine sachliche, fundierte Beschreibung und Analyse von Leben und Werk des Literatur-Nobelpreisträgers. Schubert hat auch die gesammelten Werke (die „Kölner Ausgabe“) Bölls herausgegeben und deshalb Zugang zum Nachlass des Autors. Die Heinrich-Böll-Stiftung förderte das Buchprojekt, Bölls Sohn René schrieb ein Vorwort (Theiss Verlag, 380 Seiten, 29.95 Euro). Heinrich Bölls „Irisches Tagebuch“ kam im Jahre 1961 als die Nummer 1 im Gesamtkatalog des Deutschen Taschenbuchverlags (dtv) heraus. Bei dtv sind jetzt neben dem „Irischen Tagebuch“ (zehn Euro) auch viele andere Titel Bölls neu erschienen in schlichter Aufmachung mit einem Einband aus Pappe und mit größerer Schrift: ein Böll-Brevier, lesenswert, neu zu entdecken.