Löwenmensch Nazis graben auf der Schwäbischen Alb

Blaubeuren / Andreas Lörcher 24.08.2018

Der Löwenmensch ist wohl der weltweit berühmteste Fund in den Weltkulturerbe-Höhlen auf der Schwäbischen Alb. Was ihn so interessant macht, ist nicht nur seine viel diskutierte archäologische Bedeutung, sondern auch die weniger bekannte Fundgeschichte. Denn er wurde am 25. August 1939 entdeckt, dem Tag, an dem Adolf Hitler per Befehl den Zweiten Weltkrieg in Gang setzte. Verantwortlich für die Ausgrabungen war der SS-Sturmbannführer Robert F. Wetzel, Ordinarius und ordentlicher Professor für Anatomie, nationalsozialistischer Dozentenführer und stellvertretender Rektor der Universität Tübingen.

Tatsächlich sind drei der sechs Ausgrabungsstätten, die nun zum Weltkulturerbe gehören, Ausgrabungsstätten des SS-Ahnenerbes, die unter der Schirmherrschaft und besonderen Beobachtung des Reichsführers SS Heinrich Himmler standen.

Vor Wetzel hatte der SS-Hauptsturmführer Gustav Riek mit den Grabungen an den Fundstätten begonnen. Auch er war an der Universität Tübingen Professor im Fach Urgeschichte.

Beachtung

Dieser historische Kontext der Ausgrabungen hätte mehr Beachtung verdient. Denn das Beispiel zeigt, wie scheinbar objektive, naturwissenschaftlich begründete Forschungsergebnisse in ihrer Bewertung abhängig und beeinflusst sind von Zeitgeist, politischen Umständen sowie den Überzeugungen und Denkweisen der Forscher.

Die Motivation der SS, die Grabungen zu finanzieren, hat darin bestanden, die nationalsozialistische Blut-und-Boden-Ideologie wissenschaftlich zu unterfüttern. Die Funde sollten auf Grundlage der Evolutionsbiologie einerseits beweisen, dass im Mikrokosmos Lonetal durch Genetik und natürliche Auslese der Ursprung einer überlegenen Menschenrasse zu finden sei. Sozusagen das „Blut“ der Ahnen der modernen Herrenmenschen des Nationalsozialismus. Andererseits sollte bewiesen werden, dass die natürliche Umgebung der unwirtlichen nordeuropäischen Eiszeit, also der „Boden“, den Menschenstamm der Ahnen formte, der in seiner Entwicklung den zeitgenössischen Artgenossen überlegen gewesen sein sollte.

Die beteiligten Wissenschaftler der Uni Tübingen haben damals keine Forschungsergebnisse manipuliert. Sie waren von der Objektivität ihrer Methoden und Erklärungsmodelle überzeugt. Die Übertragung der Verantwortung für die Ausgrabungen vom Urgeschichtler Riek auf den Naturwissenschaftler und Anatomen Wetzel war nicht zuletzt der modernen Überzeugung geschuldet, dass naturwissenschaftliche Methoden objektive, unbestreitbare Forschungsergebnisse lieferten.

Egal, ob Urgeschichte oder Rassenforschung: Im Nationalsozialismus wurde vermessen, berechnet und beziffert, um in der Scheinsicherheit der Zahlen das eigene Wissenschaftsmodell fundiert zu begründen.

Die Grundüberzeugung, die auch das Interesse an den Ausgrabungen auf der Schwäbischen Alb begründete, war, dass natürliche Auslese und unerbittlicher Kampf um Lebensgrundlagen das beste Ergebnis menschlicher Entwicklung hervorbringen. Im ­Nationalsozialismus war mit Wettbewerb der Wettbewerb zwischen Stämmen, Ethnien und Rassen um Lebensraum und Res­sourcen gemeint.

Das SS-Ahnenerbe sah seine Aufgabe darin, die von der Evolutionstheorie widerlegte wörtliche Auslegung der christlichen-­jüdischen Schöpfungsgeschichte durch einen modernen Ahnen-Mythos zu ersetzen, der nicht auf irrationalem Glauben, sondern auf rationaler Wissenschaft beruhen sollte.

Die bedingungslose Nächstenliebe der Religion wurde durch den Kampf um die Lebensgrundlagen, die moralisch-religiösen Gottesgebote durch die unsentimentalen und unumstößlichen Gesetze der Natur ersetzt. Die Grabungen des SS-Ahnenerbes auf der Alb sollten das wissenschaftliche Fundament für Ahnenkult und dogmatische Naturgläubigkeit schaffen.

Ihren Bezug auf einen vermeintlichen kulturellen Ursprung brauchten die Nazis insbesondere als Gegenentwurf zur fortschrittlichen, von vielseitigen Einflüssen, auch fremden, geformten Hybridkultur. Religiöse Wurzeln im Nahen Osten, philosophische und mathematische Grundlagen aus Griechenland, lateinische Buchstaben und arabische Ziffern: Allesamt waren sie befruchtende Kultureinflüsse und deshalb hinderlich für die Konstruktion einer deutschen Identität im nationalsozialistischen ­Sinne.

Der zwangsläufig spekulative Charakter der Ur- und Frühgeschichte, die aufgrund ihrer fragmentarischen Funde nur auf eine dünne und lückenhafte Quellenbasis zurückgreifen kann, erlaubte es den Nationalsozialisten in der Kombination mit naturwissenschaftlicher Unterfütterung, ein Gegenkonzept zum Menschen als kulturellem Wesen zu entwerfen und somit ein neues Denken zu prägen. Das Natürliche und Archaische galten als erstrebenswert, das Kultivierte und Zivilisierte waren  abzulehnen. Die Rück­besinnung auf den Ursprung des unverfälschten, natürlichen, menschlichen Wesens, das vermeintlich noch frei von äußeren Zwängen, aufgesetzten Moralvorstellungen und fremdartigen Einflüssen lebte, sollte die nationalsozialistische Zukunftsvision einer artgerechten, von Fremdeinflüssen befreiten Lebensweise autorisieren.

Krieg verhindert Auswertungen

Die Fundstücke und Gegenstände aus den Höhlen der Schwäbischen Alb, die diese naturromatisch-rassistische Vorstellung wissenschaftlich untermauern sollten, wurden vom SS-Ahnenerbe zwar geborgen. Wegen des Kriegsbeginns und der darauf folgenden Einstellung der Forschungsaktivitäten kam es aber nicht mehr zu weiteren wissenschaftlichen Auswertungen.

Die nach dem Krieg wiederentdeckten Funde, wie beispielsweise die in Zigarrenschachteln verstauten Fragmente des Löwenmenschen, werden heute freilich anders bewertet. Der Kultursprung wird nicht als Ergebnis von brutalem Wettbewerb und Abgrenzung, sondern als Folge kulturellen Austauschs und friedlicher Kooperation zwischen benachbarten Stämmen verstanden.

Der auf der Schwäbischen Alb dokumentierte Entwicklungsschub wird nicht mehr auf die genetische Überlegenheit der ansässigen Menschenstämme und auf natürliche Selektion zurückgeführt, sondern auf die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Stämme und deren Bereitschaft, sich auszutauschen, voneinander zu lernen und sich zu vermischen.

Der Anspruch objektiver Wissenschaftlichkeit durch naturwissenschaftliche Methodik mit Erhebung von Messergebnissen, Zahlen und Fakten ist geblieben. So führt die Universität Tübingen ihr Institut für Ur- und Frühgeschichte als Teil der Mathematisch/Naturwissenschaftlichen Fakultät.

Es war der Direktor der Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie an dem Institut, Professor Nicholas J. Conard, der die Abraumhalden der Grabungen des SS-Ahnenerbes erneut siebte und deren Funde ergänzte. Er setzte die Grabungen in Höhlen der Umgebung fort, mit seinem Namen sind weitere spektakuläre Fundstücke wie das Mammut vom Vogelherd und die Venus vom Hohler Fels verbunden.

Die Datierung der Funde mit naturwissenschaftlich aufwendigen und präzisen Verfahren suggeriert weiterhin, dass auf der Schwäbischen Alb erstmals in der Menschheitsgeschichte figürliche Abbildungen wie der Löwenmensch oder die Venus geschaffen wurden. Dabei wird zurückhaltend kommuniziert, dass es sich hier um eine sehr vage Interpretation handelt.

Das SS-Ahnenerbe und spätere archäologische Projekte sind auf der Alb aktiv geworden, da die Höhlen klimatisch beständige Bedingungen schaffen, die sich besonders günstig auf die Konservierung von Knochen- und Elfenbein auswirken. Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass hier erstmals figürliche Abbildungen geschaffen wurden.

Es sind lediglich die bisher einzig erhaltenen Figuren aus dieser Zeit und es ist durchaus wahrscheinlich, dass diese kulturelle Leistung zur selben Zeit an anderen Orten gleichfalls erbracht wurde, jedoch nicht erhalten blieb, sei es wegen ungünstigerer Konservierungsbedingungen oder, dass die Figuren aus einem weniger beständigen Material wie Holz gefertigt wurden. Die Fundgeschichte des Löwenmenschen mahnt auch in dieser Hinsicht zur kritischen Reflektion und zur Zurückhaltung vor vager politisch gefärbter oder auch vermarktungsgetriebener Interpretation.

Leiter des Aicher-Scholl-Kollegs

Autor dieses Texts über den Fund des Löwenmenschen im Jahr 1939 und das „SS-Ahnenerbe“ ist Andreas Lörcher. Er hat den Artikel geschrieben im Rahmen seiner Tätigkeit als Leiter des Aicher-Scholl-Kollegs und der Denkstätte Weiße Rose der vh.

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