Bücher Harry Potter und der Zauber der Worte

Hamburg/London / Claudia Reicherter 28.07.2018

Ein Kinderbuch mit 336 Seiten? Viel zu lang. Und dann noch von einer unbekannten Autorin. Deshalb lehnten es viele Verlage vor 20 Jahren ab, Joanne K. Rowlings ersten Teil einer von Anfang an auf sieben Bände angelegten Geschichte um einen Zauberschüler zu veröffentlichen. Klaus Humann aber, gerade Verlagschef von Carlsen geworden, griff zu. Für einen damals für ein Kinderbuch sensationellen fünfstelligen D-Mark-Betrag. „Dass es als Kinderlektüre zu umfangreich war, war bei uns kein Argument“, sagt Katrin Hogrebe, die ein Jahr später in dem 35-Mitarbeiter-Haus zur Assistentin des Mannes mit dem guten Riecher wurde, der auch Stephenie Meyers „Biss“-Serie den Zuschlag gab. Dass das Unternehmen heute mit mehr als 170 Mitarbeitern zu den größten deutschen Kinderbuch- und Comicverlagen zählt, hat mit Humanns Entscheidung zu tun.

Von 500 zu 500 Millionen

Weshalb er die traf? Vielleicht, weil der einstige Rowohlt- und Fischer-Lektor noch nicht rein verlegerisch dachte, wie er im Gespräch mit der „Welt“ mutmaßte, sondern sich einfach als Leser an das Manuskript setzte. Und – wie so viele nach ihm – nicht mehr aufhören konnte zu lesen, dem Zauber von Rowlings Worten erlag. Das Schicksal des bebrillten Waisenjungen, der bei seiner Pflegefamilie unter der Treppe haust und dort eine erste Eulenpost vom Zauberinternat Hogwarts erhält, fesselt bis heute Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Die Bücher wurden in 80 Sprachen übersetzt. Mehr als 500 Millionen Exemplare der Reihe wurden weltweit verkauft. In Klaus Fritz’ deutscher Übersetzung allein 34 Millionen. Das war nicht absehbar. Deshalb erschien „Harry Potter und der Stein der Weisen“ am 28. Juli 1998 in dem Verlag, der in den 50ern für Petzi- und Pixi-Bücher stand, in der laut Hogrebe „ganz normalen Startauflage“ von 8000 Stück. Im Vergleich zum Londoner Bloomsbury-Verlag war das optimistisch: Der hatte ein gutes Jahr zuvor von der englischen Startausgabe nur 500 Exemplare drucken lassen.

Die Potter-Welle rollte langsam an: Von den Fantasy-Romanen der in Edinburgh lebenden alleinerziehenden Mutter und Sozialhilfeempfängerin erschien gerade Teil zwei. Noch bevor US-Medienriese Warner Bros. die Rechte an der Verfilmung erwarb, war den Hamburger Lektoren klar, „das wird ein Schwerpunkt“, erzählt Katrin Hogrebe. Weil das „eine ausgezeichnete Lektüre, tolle Geschichte und etwas Besonderes“ war. Das bestätigten die Reaktionen auf die ersten Exemplare, die an Buchhändler rausgegangen waren. „Sie ordneten das sofort als Empfehlungstitel ein.“ Das komme nicht oft vor.

Die Leser waren ebenso begeistert und steckten wiederum andere an. Von Band zwei, „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“, druckte Carlsen im März 1999 gleich 25 000 Bücher, von Band 3 im August 35 000. „Was dann passierte, stellte uns vor eine große Herausforderung“, berichtet die heutige Pressechefin.

Nachdem Rowling auf einer gefeierten Lesereise im Land war, sollte der vierte Band mit einer Million Exemplaren starten – und gleichzeitig an alle Buchhändler rausgehen. Band eins bis drei wurden derweil weiter nachbestellt – Druckereien und Papierlieferanten in ganz Europa waren ausgebucht. Deshalb sind nicht alle Potter-Bücher auf dem gleichen Papier gedruckt, erklärt Katrin Hogrebe. „Das war sehr aufregend.“ In London verschlangen da schon Banker in der U-Bahn die Zauber-Bücher – in eigens für Erwachsene angebotenen Schutzumschlägen. Schwarz mit Lokomotive drauf und Neonschriftzug, sahen sie wie Krimis aus.

Als Carlsen mit „belletristischeren Ausgaben“ experimentierte, hielt sich die Nachfrage hingegen in Grenzen. Sabine Wilharms Cover sind aber auch weniger niedlich als die der englischen Ausgabe. Die Illustratorin stellte den Zauberschüler sperriger dar. Das spiegle „den Geist der Figur“, findet Hogrebe.

Letztlich hat der überragende Erfolg von „Harry Potter“ den Buchmarkt verändert. Kinderbücher, laut Humann, der 2012 seinen eigenen Aladin-Verlag gründete und Ende des Jahres in Ruhestand geht, damals noch eine Art „Zweite-Klasse-Verlegen“, bilden heute eine wichtige, interessante Sparte. „Harry Potter“ war für das Genre, was die „Beatles“ für die Popmusik waren, meint die schottische Autorin Julie Bertagna: eine Revolution.

Der kindgerechte Kampf Gut gegen Böse wurde im Lauf der Jahre düsterer, die Bücher noch dicker. Doch die Erfolgsgeschichte, die Joanne K. Rowling zu einer der reichsten Frauen Großbritanniens machte, ist noch nicht zu Ende. Carlsen feiert das 20-Jährige mit dem Hintergrund-Prachtband „Eine Geschichte voller Magie“ und einer edlen Hardcover-Neuauflage. Für die neue Lesergeneration sieht Harry in Iacopo Brunos Gestaltung nun mehr nach Daniel Radcliffe aus.

Theaterpremiere und Lesungen mit Rufus Beck

Schauspieler Rufus Beck lieh „Harry Potter“ in den Hörbüchern seine Stimme. Zum runden Geburtstag geht er damit wieder auf Lese-Tour: Hamburg (31.8.), Berlin (1.9.), München (2.9.). Das Theaterstück „Harry Potter und das verwunschene Kind“ hat im Frühjahr 2020 in Hamburg Premiere.

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