Kino Haifisch mit neuem Gébiss

Lars Eidinger spielt den von seiner Genialität berauschten Bertolt Brecht.
Lars Eidinger spielt den von seiner Genialität berauschten Bertolt Brecht. © Foto: Wild Bunch Germany/Stephan Pick
Ulm / Jürgen Kanold 11.09.2018

Der Kanonen-Song war der erste Treffer. Das Publikum grölte an diesem denkwürdigen 31. August 1928 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm begeistert mit: „Soldaten wohnen/ Auf den Kanonen/Vom Cap bis Couch Behar“. Eine schmissige Melodie, ein frecher Text: Bertolt Brecht und Kurt Weill verhackten das überkommene  Musikdrama zum „Beefsteak Tartar“. Das war etwas ganz Neues. Die „Dreigroschenoper“ bot eine ordentliche Portion Antikapitalismus, war aber vor allem ein mitreißender Theater-Coup. Die Songs, nicht nur die Moritat von Mackie Messer, gingen nach der Uraufführung schnell um die Welt: „Und der Haifisch, der hat Zähne/ Und die trägt er im Gesicht.“

Es war offene Kritik an verkleideten Missständen. Der vermeintlich ehrbare Bürger ist ein Ganove, der Verbrecher wiederum (Macheath) läuft im bürgerlich wohlanständigen Aufzug herum. Und die Polizei steckt unter einer Decke mit den Räubern. In der von Profit beherrschten Welt wird jedermann zur Ware, sind die bürgerlichen Verhaltensweisen verbrecherisch, sind die Verbrecher mit bürgerlichen Methoden erfolgreich. Das ist die Botschaft. Dass die „Dreigroschenoper“ aber wegen der zündenden Songs von Kurt Weill,  also ob ihrer kulinarischen Qualitäten, ein kommerzieller Welterfolg wurde, ist die Ironie der Wirkungsgeschichte.

Der geniale Theatermann Brecht hatte das vielleicht gehofft. Er war nur zu gern bereit gewesen, aus der Vorlage, der von Elisabeth Hauptmann übersetzten satirischen „Bettler-Oper“ des John Gay von 1728, ein Bühnenerlebnis zu machen. Allerdings: „Er sollte seinem Publikum nie wieder erlauben, sich auf eine solch ungezügelte Weise zu vergnügen“, schreibt Brecht-Biograf Stephen Parker. „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“: Die Zuschauerschaft lebt das in der „Dreigroschenoper“ selbst unterhaltend aus.

Brecht wollte deshalb die Gesellschaftskritik verschärfen, und zwar kompromisslos in einem Film. Der war 1930 noch ein junges Medium der Unterhaltungsindustrie, und es reizte Brecht enorm, die ästhetischen Mittel seines epischen Theaters auf den Film zu übertragen. „Es geht nicht darum, die Gewohnheiten des Publikums zu befriedigen, sondern sie zu verändern.“ So schloss er einen Vertrag mit der Nero-Film AG ab, der ihm als Autor wesentliche Rechte einräumte, nur dass er zunächst kein Drehbuch lieferte. Als die Produktionsfirma mit Regisseur Georg Wilhelm Papst aber die Dreharbeiten begann, klagte Brecht.

Den „Dreigroschenprozess“ am Berliner Landgericht inszenierte er als „soziologisches Experiment“, Brecht pochte auf sein geistiges Eigentum, beabsichtigte aber, wie Jan Knopf in seinem Essay „Bertolt Brechts Erfolgsmarke“ schreibt, nichts Geringeres, „als den gegenwärtigen Zustand der bürgerlichen Ideologie“ in der Praxis zu überprüfen und ihr nachzuweisen, dass sie durch und durch verlogen sei. Das gelang Brecht, nur ging der „Dreigroschenprozess“ in den Wirren und Kämpfen der Weimarer Republik unter.

Und auch „Die Beule“ – so betitelte Brecht sein Treatment für einen „Dreigroschenfilm“ – blieb Vision. Mackie Messer ist darin, nach den Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise, ein Bankier: Aktien seien besser als Revolver oder Messer, um Geld zu erwerben. So dichtete Brecht auch einen „Gründungssong der National Deposit Bank“ und weitere Mackie-Messer-Strophen: „Und man sieht die im Lichte/ Die im Dunkeln sieht man nicht.“

Das alles möchte Joachim A. Lang in „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ erzählen. Der Zweistünder, der jetzt im Kino anläuft, ist eine Mischung aus Oberseminar und opulenter Musical-Verfilmung. Im Fernsehen war schon ein Making-of des SWR zu sehen, das den Film ungefähr als Jahrhundertereignis feiert. Nun, der Schwabe Lang, der für die ARD den „Tigerenten Club“ erfand, der in Augsburg das Brecht-Festival leitete und überhaupt ein großer Brecht-Kenner ist, aber auch einen viel beachteten Film über Heinrich George mit dessen Sohn Götz drehte, realisiert zunächst mal Brechts „Dreigroschenfilm“:  mit einem politisch gegenwärtigen Finale, einem Triumph der Banker.

Das ist auch eine Song-Revue mit einem hochkarätigen Ensemble in starken Bildern. Grandios: Tobias Moretti als aasig-eitler Macheath. Dazu Joachim Król als Bettlerkönig Peachum, Claudia Michelsen als dessen verschossen aufgetakelte Frau, Christian Redl als traurig skrupulöser Polizeichef Tiger Brown, Hannah Herzsprung als verträumte Polly.

Der eigentliche Handlungsfaden aber ist Brechts reales Leben und Wirken, sein Kampf mit der Filmindustrie: kommentierende Szenen, oft virtuos mit denen der „Dreigroschenoper“ geschnitten. Theorie und ausinszenierte Praxis. Brüche, Verfremdungen – klar, das war Brechts Theaterkunst, die Regisseur Lang sehr ergeben umsetzt. Er hängt geradezu an den Lippen des Meisters: Alles, was Brecht im Film sagt, beruht auf Zitaten aus dessen gesamtem Werk und Leben. Ein Lehrstück mit gesammelten Dichterweisheiten. Lars Eidinger sagt das als Brecht mit einem maliziösen Lächeln auf, wie berauscht von der eigenen Genialität. Das wirkt entsprechend künstlich.

Eine Film-Bio über Brecht, die Entstehung und die Wirkung der „Dreigroschenoper“ und das Scheitern des „Dreigroschenfilms“ vor dem Hintergrund der Nazi-Aufmärsche wäre fürs Kino dramatischer, wirkungsvoller gewesen. Aber das war nicht der Plan: „Eine einfache Wiedergabe der Realität reicht nicht aus“, dozierte Brecht. Manchmal schade.

Koproduzent Südwestrundfunk

Musik Der Südwestrundfunk hat Joachim A. Langs Film mitproduziert – auch hörbar: HK Gruber spielte mit dem SWR Symphonieorchester und der SWR Big Band die Originalmusik Kurt Weills, aber auch den Film-Soundtrack ein. Weitere Stuttgarter Präsenz: Eric Gauthier choreografierte die Tanz-Szenen; die Stadtbibliothek dient als surreale Kulisse.

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