Karlsruhe / OTTO PAUL BURKHARDT  Uhr
Was dauert drei Stunden und wird nie langweilig? Mit der Oper "Teseo" eröffneten jetzt die Händel-Festspiele Karlsruhe. Entschleunigte Regie, famoses Orchester - ein rauschendes Fest der Stimmen.

Golden prangt die Büste des Komponisten im Foyer des Badischen Staatstheaters: Und manch Zuschauer streicht ihr im Vorbeigehen über die Allonge-Perücke. Die Internationalen Händel-Festspiele Karlsruhe gibt es seit 1978 - eine wechselvolle Geschichte. Heute sind sie lebendiger denn je. Mit reißendem Karten-Absatz, wie Peter Spuhler, der Generalintendant, betont: "Das Interesse an Händels Musik ist nach wie vor ungebrochen." 15500 Besucher kamen 2014 zum Festival - ein neuer Rekord.

Karlsruhe steht nicht allein da. Zwei weitere Händel-Festspiele in Deutschland konkurrieren im Mai um die Gunst des Publikums. Göttingen holt zum Thema "Heldinnen" sogar Krimiautorin Donna Leon ins Boot. Und Halle, die Geburtsstadt des Komponisten, prunkt mit Feuerwerk und Superstar Philippe Jaroussky.

Auch die Händel-Festspiele Karlsruhe, jetzt unter dem neuen künstlerischen Leiter Michael Fichtenholz vom Moskauer Bolschoi, setzen auf barocke Sinnenlust. Bei "Riccardo Primo" mit Franco Fagioli ist wieder stimmungsvolles Kerzenlicht angesagt. Und auch "Teseo" (1713), die Haupt- und Neuproduktion der Festspiele, ist ein sinnliches Erlebnis. Alles ist ausgerichtet auf schöne Stimmen und große Gefühle.

Die Regie von Daniel Pfluger kommt aufs Notwendigste reduziert, fast abstrakt daher. Ganz ohne Ausstattungs-Trallala. Statt dessen karge Bilder: Ein paar Treppen, ein paar Leuchter, dazu Videos mit Farben und gemorphten Gesichtern - mehr ist nicht zu sehen. Schon gar kein Gegenwartsbezug. Keine Politik, kein Hofgepränge. Alles wirkt radikal entschleunigt, zeitlos, konzentriert - und damit auch der Wirklichkeit entrückt. Pfluger rückt die einzelnen Menschen, die hadernden Paare ins Zentrum, ihre Leiden, ihre Sehnsüchte. Pures Rampensingen? Ja, doch ohne die formelhaften Gesten aus Opas Oper, fast jede Arie ist bei Pfluger ein Ausnahmezustand, ein expressiver Extrem-Moment. Die kreisende Drehbühne gibt diesem Händel-Trip sogar noch ein surreales Flair mit. So wird "Teseo" zum Traum-Raum heftigster Emotionen. Mit Anflügen leiser Ironie: Etwa wenn die Sterne am Video-Firmament verrückt spielen und durchs All tanzen.

Gut, drei Stunden Barockoper - mit all ihren "ahahahaha"-Koloraturen und endlosen Dacapi - können lang werden. Nicht so der Karlsruher "Teseo", wo ein Team von Experten jede Wiederholung durch einkomponierte Verzierungen anders ausgestaltet hat. Die Frauenrollen: exzellent besetzt. Neben Larissa Wäspys quirliger Clizia ragen die großen, um Teseo buhlenden Rivalinnen heraus - hier die von toten Kindern begleitete Rachefurie Medea, der Roberta Invernizzi auch viel Verzweiflung in die Stimme legt, dort Agilea, bei Yetzabel Arias Fernández eine unbeirrbar Liebende mit makellos klaren, schwebenden Höhen.

Brillant die männlichen Solisten: Drei Top-Countertenöre der Extraklasse, weit weg vom Knusperhexen-Sound der frühen Stimmfach-Jahre. Geschmeidig, opulent, virtuos und sehr, sehr ausdrucksstark - alle drei beeindrucken: Terry Wey als eifersuchtskranker Vasall Arcane, Flavio Ferri-Benedetti als eitler König Egeo, der auch schon mal ins Bass-Register abtaucht, und Valer Sabadus als edelmütiger Kriegsheld und schlaftrunkener Lover Teseo ("Im Feuer ihrer Augen") - ein starkes Trio.

Kurzum, "Teseo" zählt zu den besten Produktionen der Händel-Festspiele seit langem. Was auch ein Verdienst der Deutschen Händel-Solisten ist. Das Originalklang-Ensemble geht unter dem neuen Chef Michael Form, bisher Leiter des Barockfestivals Winter in Schwetzingen, silbrig, quicklebendig und mit poetischen Farben zu Werke. So entstehen immer wieder Momente, in denen die Zeit stillsteht. Am Ende: Goldglitter vom Schnürboden, heftiger Beifall, Jubel.

Info Weitere Aufführungen von "Teseo" in Karlsruhe: 25., 27. Februar und 1. März.

Theater im Umbau - Peter Spuhler als Experte

Manager Schon als Intendant in Heidelberg gelang es Peter Spuhler, einen am Ende 64 Millionen teuren Theaterumbau zu organisieren. Seit 2011 ist er Generalintendant in Karlsruhe, wo er sich erneut als Publikumsbringer und Umbaumanager zeigt. Das 1975 eröffnete Staatstheater von Helmut Bätzner soll für 125 Millionen saniert und erweitert werden. Das Projekt umfasst drei Module und startet mit einem Schauspielhaus-Neubau. Die ermittelten drei Wettbewerbs-Preisträger müssen nun ihre Entwürfe überarbeiten, danach fällt die Entscheidung. Baubeginn soll 2018 sein, Fertigstellung 2026/27. Die Sanierung der Stuttgarter Staatstheater läuft bisher weniger rund. Nach der Pannenserie bei der zunächst missglückten Renovierung des Schauspielhauses ist die nötige Generalsanierung des Opernhauses noch nicht auf den Weg gebracht worden. Statt der vor Jahren angesetzten Sanierungstranche von 18 Millionen wird nun für eine bauliche Neuordnung eine Summe von 300 Millionen Euro debattiert. Opernintendant Jossi Wieler hat seinen Vertrag erstmal nur bis 2018 verlängert. Ein Fall für Peter Spuhler? op

SWP