Kino Gus Van Sant über „Don‘t worry . . .“

Ulm / Dieter Oßwald 14.08.2018

Mit seinem Jugenddrama „My Private Idaho“ gelang ihm ein Kultfilm, für „Good Will Hunting“ gab es den Oscar. Jetzt hat der Regisseur Gus Van Sant (66) einen Film über John Callahan (1951-2010) gedreht, dessen makabre, provozierende Cartoons ihn über die Grenzen der USA hinaus bekannt gemacht haben. „Don‘t worry, weglaufen geht nicht“ schildert schwarzhumorig den Kampf Callahans gegen die Alkoholsucht, die mitschuldig war an seiner Verwicklung in einen Verkehrsunfall, der zu einer Querschnittslähmung führte.

Herr Van Sant, wie erinnern Sie sich an John Callahan?

Gus Van Sant: Ich kannte John aus den 80ern in Portland. Seine Cartoons erschienen damals unter anderem auch in unserer alternativen Wochenzeitung „,Willamette Week“. Ich hatte damals gerade mit dem Dreh zu „Drugstore Cowboy“ angefangen. Wir waren also zwei Künstlertypen, die versuchten, Karriere zu machen – auch wenn er sich viel schneller einen Namen machte als ich. John war eine stadtbekannte Figur. Man sah ihn immer mit seinem Rollstuhl im Regen die Straßen entlangsausen, und sein langes rotes Haar flatterte dabei im Wind.

Manche sagen, die Rolle des behinderten John Callahan hätte von einem Behinderten gespielt werden sollen. Ist das politische Korrektheit zum Abwinken?

Wenn man einen guten Schauspieler mit dieser Behinderung gefunden hätte, wäre das großartig gewesen. Aber ich habe keinen gesehen. Prinzipiell verhält es sich so wie bei schwulen Figuren. Sollen die nur von homosexuellen Schauspielern gespielt werden dürfen? Ich glaube kaum! Entscheidend ist doch letztlich, dass der Darsteller zur Rolle passt.

Wie gut hätte Robin Williams, der ursprünglich vorgesehen gewesen war, zur Rolle gepasst?

John Callahan empfand es als ausgesprochen große Ehre, dass er von Robin Williams verkörpert werden sollte, schließlich gehörte Willams zu den bekanntesten Schauspielern überhaupt. Entsprechend quälend war für John, dass dieses Projekt immer wieder ins Stocken geriet und die Pläne nicht verwirklicht wurden. Er hat einmal im Scherz gesagt: „Wir alle werden tot sein, bevor dieser Film gedreht wird“ – und so war es in seinem Fall dann leider auch.

Wie in „Milk“ zeigen Sie nur einen Abschnitt aus dem Leben des Helden. Wonach treffen Sie die Auswahl?

Es gibt Biografien, die ein ganzes Leben schildern. Für mich ist es spannender, sich auf die entscheidenden Phasen zu beschränken. Auch „Lawrence von Arabien“ erzählt dessen Leben ja nicht vollständig, sondern nur die wesentlichen Aspekte. In „Milk“ war es die Kandidatur von Harvey als Stadtrat von San Francisco. In „Don’t worry“ war es der gravierende Unfall, der John an den Rollstuhl fesselte, ihn zugleich aber auch von seiner Alkoholsucht loskommen ließ. Für mich liegt darin der wichtigste Abschnitt in diesem Leben.

Welche Bedeutung hat für Sie dieser Aspekt der Sucht?

Eine Figur, die Hilfe sucht und diese Unterstützung erhält, bietet eine ganz universelle Geschichte. Ich habe sofort darauf reagiert. Und wenn mir das passiert, gehe ich davon aus, dass es vielen anderen ganz ähnlich ergehen wird. Wobei das Überwinden dieser Sucht nur stellvertretend für viele andere Fälle ist.

Stand von Anfang an fest, diese Geschichte auf semidokumentarische Weise mit einer 16mm-Kamera zu erzählen?

Dieses Konzept wollten wir schon in „Milk“ umsetzen, aber Universal wollte keinen Film dieser Art. Umso mehr war ich begeistert, diesen Stil nun verwirklichen zu können, was dank der digitalen Technik viel einfacher möglich ist. Gedreht haben wir mit einer Arri Alexa.

Amazon, Netflix und Co. machen die Finanzierung solcher Filmprojekte einfacher. Erleben Regisseure wie Sie nun die ganz große Freiheit?

Im Falle von Amazon kann ich das bestätigen. Dort war man sehr an dem Projekt interessiert, was allerdings nicht bedeutet, man kippt eine Ladung Geld vor die Tür und sagt: „Mach’ damit, was du willst!“ Es gab dauernd kreative Gespräche und Vorschläge, die durchaus gut gewesen sind.

Gab es Momente, in denen Joaquin Phoenix Sie an seinen verstorbenen Bruder River erinnerte, mit dem Sie einst „My Private Idaho“ drehten?

Joaquin erinnert mich an River mit seiner Leidenschaft, auf Unerwartetes zu reagieren. Auch er findet es aufregend, wenn etwas schief gehen oder er etwas spontan erfindet. Denn dadurch wirken die Dinge plötzlich sehr real. Beide standen nie gemeinsam vor der Kamera, Joacquin kennt deshalb nicht seine  Technik. Trotzdem ähneln sie sich sehr in dieser Technik, ebenso in ihrer Hingabe für ein Projekt.

In einem Dialog geht es um den Gegensatz von Kunst und Handwerk. Wie trifft das auf Ihre Arbeit zu: Machen Sie den einen Film für ein Studio und den nächsten für sich?

Für das Studio habe ich sicherlich „Forrester – Gefunden“ gemacht und für mich „Gerry“, „Elephant“  und „Last Days“. Aber so einfach lässt sich das nicht trennen, meist handelt es sich um eine Mischung aus beidem. „To Die For“ zum Beispiel war eine düstere Komödie, womit Sony jedoch nichts anfangen konnte, weil sie nicht wussten, wie sie den Film vermarkten sollten.

Spezialität: Nicht angepasste Menschen

Gus Van Sant ist ein 66-jähriger US-amerikanischer Regisseur, dessen Spezialität Filme über nicht angepassten Menschen sind. So schildert er in „Last Days“ (2005) das Leben des Rockmusikers Kurt Cobain (Nirvana) und  in „Milk“ (2009) die Geschichte Harvey Milks, des ersten offen schwulen Politikers in Amerika, der 1977 zum Bürgermeister von San Francisco gewählt wurde und wenig später einem Attentat zum Opfer fiel.

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