Im Jahr 1919 war Charlottenburg mit gut 320.000 Einwohnern die zwölftgrößte Stadt Deutschlands - knapp hinter Nürnberg sowie Düsseldorf und Frankfurt am Main. Davor lagen noch Essen, Breslau, Dresden, Leipzig, München, Köln, Hamburg und natürlich Berlin.
Am 1. Oktober 1920 ging die Stadt Charlottenburg, die als reichste Stadt Preußens galt, gemeinsam mit weiteren zuvor eigenständigen Städten und Gemeinden im neuen Groß-Berlin auf. Über Nacht verdoppelte Berlin seine Einwohner auf 3,8 Millionen.
Bei der Bevölkerungszahl überholte Berlin damals Wien, Chicago und Paris und war nun plötzlich nach London und New York die drittgrößte Stadt der Welt. Gemessen an der Fläche war Berlin sogar die zweitgrößte - nach Los Angeles.
Die Stadtfläche hatte sich von 65 auf etwa 880 Quadratkilometer mehr als verzwölffacht und umfasste nun auch die Gebiete von Städten wie Schöneberg, Köpenick, Neukölln, Wilmersdorf und Spandau.
„Auch in anderen europäischen Hauptstadtregionen kam es in dieser Epoche zu umfassenden Eingemeindungen, so in Wien (1890), London (County of London, 1889) und Prag (1920)“, heißt es auf einer Geschichts-Website des Landes Berlin zur Frage, ob auch andere Metropolen Prozesse wie Berlin durchlaufen haben.
Zur 1920 ebenfalls schon dicht besiedelten Ruhrregion mit Städten wie Duisburg, Essen und Dortmund im Westen der jungen Deutschen Republik heißt es dort: „Im Ruhrgebiet, einem anderen industriellen Ballungsraum, blieb es bei einem lockeren Zusammenschluss in Form des 1920 gegründeten 'Siedlungsverbands Ruhrkohlenbezirk'.“
Bis heute hat sich im Ruhrgebiet keine derart forsche Politik der Eingemeindung oder des Zusammenschlusses durchgesetzt wie damals bei Berlin. Wäre eine Eingemeindungspolitik wie in Berlin betrieben worden, könnte diese zum Beispiel Ruhrstadt genannte Metropole bis heute Deutschlands größte Stadt mit mehr als 5 Millionen Einwohnern sein. Doch im Ruhrgebiet gab es in den vergangenen Jahrzehnten nur noch kleinere Eingemeindungen. So wurde zum Beispiel Kettwig 1975 Teil von Essen oder Wattenscheid im selben Jahr Teil von Bochum.
Aus dem Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk, der nach dem Ersten Weltkrieg Siedlungen für Zehntausende Bergleute schaffen sollte - unter anderem, um die Reparationen des Versailler Vertrages zu bezahlen - wurde der Regionalverband Ruhr (RVR). Zu ihm gehören Bochum, Bottrop, Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Hagen, Hamm, Herne, Mülheim/Ruhr und Oberhausen sowie die Kreise Recklinghausen, Unna, Wesel und der Ennepe-Ruhr-Kreis.
Zusammen müssen diese Kommunen, die in der Fläche etwa fünfmal so groß sind wie Berlin, in vielen Bereichen den Vergleich mit der Hauptstadt eigentlich nicht scheuen.
So gibt es bedeutende Fußballvereine (Schalke, Borussia Dortmund), renommierte Opernhäuser (Aalto-Theater Essen, Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, Deutsche Oper am Rhein Duisburg) und bekannte Sprechtheater (Schauspielhaus Bochum, Theater Oberhausen). Auch Festivals, Parks sowie Welterbestätten kann das Ruhrgebiet vorweisen.
Jedoch nach wie vor ungeeint und ohne überregionale politische Funktion und Bedeutung bleibt das Ruhrgebiet in der inländischen und internationalen Wahrnehmung eher Provinz.
Lag Essen bei der Einwohnerzahl vor hundert Jahren noch auf Platz acht und in den 80er Jahren sogar noch auf Platz fünf, hat die Zahl seit gut 30 Jahren merklich abgenommen, während Metropolen wie Frankfurt am Main, Stuttgart, Düsseldorf und Leipzig boomen. Heute steht Essen nur noch auf Platz zehn, sogar hinter der westfälischen Ruhrgebietsstadt Dortmund, die es auf Rang neun schafft.
Dafür hat Deutschland heute vier Millionenstädte - anders als 1920, als nur Berlin eine Millionenmetropole war. Neben Berlin, Hamburg und München zählt seit gut zehn Jahren auch Köln - eine Stadt mit längerer Geschichte als die meisten anderen deutschen Städte - mehr als eine Million Einwohner.
An 100 Jahre (Groß-)Berlin und 100 Jahre Ruhrgebiet erinnern diesen Herbst große Ausstellungen in den beiden Regionen. Die wichtigste in Berlin („Unvollendete Metropole - 100 Jahre Städtebau für (Groß-)Berlin“) findet im Kronprinzenpalais an der Prachtstraße Unter den Linden in der Nähe des Weltkulturerbes Museumsinsel statt.
Die Schau „100 Jahre Ruhrgebiet - Die andere Metropole“ läuft bis Mai im Ruhr-Museum in Essen, auf dem Gelände der früheren Zeche Zollverein, die die Unesco seit 2001 als Welterbe führt.
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