Festspiele Großartig: „Lady Macbeth von Mzensk“ bei den Salzburger Festspielen

Intensiv: Dimitri Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ bei den Salzburger Festspielen.
Intensiv: Dimitri Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ bei den Salzburger Festspielen. © Foto: Barbara Gindl/APA/dpa
Salzburg / Otto Paul Burkhardt 04.08.2017

Eine grausame Oper. Eine grausame Geschichte – von einer Frau, die sich aus demütigender Unterdrückung in einer brutal patriarchalen Welt befreit und dabei zur dreifachen Mörderin wird. Doch Katerina, anders als der Titel „Lady Macbeth“ vermuten lässt, ist kein machtgieriges Monster, sondern eine leidende Seele. Es geht nicht um Verständnis, es geht um Anteilnahme: Das genau will Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ vermitteln. So kann selbst die Musik hier unfassbar grausam klingen, wenn sie peitscht und hämmert, stöhnt und kreischt.

Natürlich setzt der neue Salzburger Festspiel-Intendant Markus Hinterhäuser mit dieser Oper – nach Mozarts „Tito“ zum Auftakt – auch ein programmatisches Zeichen gegen nur oberflächliches Genuss-Trallala. Musik kann und soll zuweilen schockieren und verstören, auch wenn dies von der realen Barbarei der Gegenwart übertroffen wird. Jetzt feierte Schostakowitschs „Lady“, 1934 uraufgeführt und in der Sowjetunion lange verboten, unter Mariss Jansons Premiere im Festspielhaus.

Zu Herzen gehend

Der 74-Jährige musiziert mit den Wiener Philharmonikern derart packend und zu Herzen gehend, dass er schon zur Pause Riesen-Applaus erntet. Regisseur Andreas Kriegenburg verlegt das Geschehen, das um 1865 in der russischen Provinz Mzensk spielt, in eine vage Gegenwart. Sprich: in eine trostlose Großstadt-Hölle, dominiert von ramponierten Plattenbauten, abweisend, grau, beängstigend. Das ist nicht gerade neu, aber aus diesen Wohnsilos fahren wie Schubladen einzelne Räume heraus, Katerinas eheliches Schlafzimmer etwa, das Büro ihres Kaufmannsgatten, die Gefängnisse eines Arbeitslagers. Als ob die tristen Bauten Einblicke in ihr Innenleben gäben.

Die Regie wechselt zudem zwischen Realität und Traumsequenzen. Nachdem Katerina ihren verrohten Schwiegervater Boris vergiftet hat, erscheint eine ganze Gruppe von Boris-Wiedergängern, die alle die tödliche Pilzsuppe löffeln, umsinken und wiederauferstehen. Allerdings kann sich die Regie nicht so recht entscheiden, ob sie nun Drastik zeigen will oder lieber nicht: Entsprechend halbherzig und abgemildert kommen manche Szenen daher. Dennoch, Kriegenburg gelingt durchaus spannendes Opernkino – spektakuläre Massenszenen, Augenblicke berührender Intensität.

Vor allem Nina Stemme: Die schwedische Sopranistin begeistert als Katerina mit einer fülligen und in den Höhen angenehm unschrillen Stimme, aber auch mit viel Wärme, glühendem Klagegestus und starken Piano-Momenten. Ihre Katerina ist Opfer und Täterin, eine verzweifelte Frau, eine Kämpferin, eine Seele, die nach Liebe schreit. Die Männer sind in dieser Oper, die Schostakowitsch als „Tragödie-Satire“ bezeichnet hat, kaum mehr als Brutalos, Versager, Trinker. Ihre Darsteller sind stimmlich gut präsent, zuvorderst Dmitry Ulyanov, ein urgewaltiger Bass, als Katerinas Haudrauf-­Schwiegervater Boris und der US-Tenor Brandon Jovanovich als ihr wankelmütiger Lover Sergej.

Unglaublich aber, was Jansons im Orchestergraben anzettelt: eine Musik, die vom ersten Takt an fesselt.  Rauschhafte Ekstase, martialische Wucht. Wilde Walzer, rasende Cancan-Rhythmen – fratzenhaft grell bis ins Groteske verzerrt. Es johlt und dröhnt, es jault und höhnt. Deftiger Humor ist dabei, wenn die Posaune postkoital in Abwärtsglissandi erschlafft. Dann wieder Augenblicke des Zweifels: ein einsames Englischhorn, schaurig grummelnde Bässe. Am Ende: stürmischer Jubel. Sicher auch als Votum gemeint – für den Neustart der Festspiele unter Intendant Markus Hinterhäuser.

Möglichst unverfälscht

Historie „Chaos statt Musik“. So hieß der 1936 von Stalin lancierte „Prawda“-Verriss, der in die Musikgeschichte einging. Obwohl und gerade weil Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ seit der Uraufführung 1934 auch internationale Erfolge feierte, rügte der Artikel die Musik als „Kakophonie“ und „Lärm“. Die Oper sei „grob, primitiv und vulgär“ und preise bourgeoise „Wollüstigkeit“. 1963 brachte Schostakowitsch mit „Katerina Ismailowa“ eine entschärfte Version heraus. Dirigent Mariss Jansons hat für die Festspiele nun eine möglichst unverfälschte Erstfassung erarbeitet. op