Goldenes Vlies mit sechs Saiten

Grégoire Hervier: Vintage. Übersetzt von Alexandra Baisch und Stefanie Jacobs, Diogenes, 400 Seiten, 24 Euro.
Grégoire Hervier: Vintage. Übersetzt von Alexandra Baisch und Stefanie Jacobs, Diogenes, 400 Seiten, 24 Euro. © Foto: Diogenes
Von Helmut Pusch 26.08.2017

Elektrogitarristen sind ein Völkchen für sich. Stundenlang diskutieren sie die Vorzüge von Instrumenten, Effektgeräten, Saiten und Verstärkern. Dieses Völkchen hat seine ganz eigenen Sagen und Legenden. Eine davon ist die Gibson Moderne. Eine Gitarre, die 1958 zusammen mit der Flying V (das Modell spielt Rudolf Schenker von den Scorpions) und der Explorer (das Lieblingsmodell seines Mit-Scorpions Matthias Jabs) entwickelt wurde. Während diese beiden Gitarrentypen tatsächlich in Serie gegangen sind, ist von der „Moderne“ nicht mal klar, ob in den Fünfzigern tatsächlich welche gebaut wurden. Rund um diese Frage hat der französische Autor Gregoire Hervier einen hinreißenden Roman geschrieben.

„Vintage“ heißt er. So nennt man historische Gitarrenmodelle aus der Anfangszeit. Je seltener ein Modell, desto höher der Preis. Eine Gibson Les Paul aus den 50ern wird schon mal für eine halbe Million Euro gehandelt. Eine Moderne aus dieser Zeit schlüge weitaus teurer zu Buche, wenn es sie denn gibt.

Eine Million Dollar ist denn auch die magische Summe, die dem jungen Gitarristen Pariser Gitarristen Thomas Dupré winkt, sollte er beweisen können, dass die Moderne in den 50ern tatsächlich gebaut wurde. Dupré ist zwar ein talentierter Musiker, aber nicht erfolgreich. Er schreibt deshalb für Musikmagazine und arbeitet in einem Gitarrenladen, wo er auch alte Gitarren repariert, bis ihn sein Chef  mit einer Les Paul aus den 50ern zu einem schottischen Landhaus entsendet. Das Landhaus entpuppt sich als Boleskine House am Loch Ness, eine berühmte Adresse: Dort wohnte Anfang des 20. Jahrhunderts der britische Okkultist Aleister Crowley. Von 1970 an bis in die 90er gehörte der Landsitz Led-Zeppelin-Gitarrist Jimmy Page. Dort residiert der mysteriöse Lord Charles Dexter Winsley, der eine exquisite Gitarrensammlung besitzt. Darunter auch eine Flying V und eine Explorer aus der Protoypenserie von 1958, zu der auch die Moderne gehört haben soll. Und, so behauptet Winsley, er habe auch eine Original-Moderne besessen, die ihm gestohlen worden sei. Sein Problem: Die Versicherung will nur zahlen, wen er nachweisen kann, dass 1958 tatsächlich einige Modernes gebaut wurden. Das soll Dupré herausfinden.

Dupré schlägt ein, das Roadmovie über das größte Rätsel der Rockgeschichte beginnt. Und das hat Hervier virtuos aus Fakten, Überlieferungen und Legenden zusammengemischt. Dupré begegnet schrägen Typen wie einem australischen Sammler, der schon seit 30 Jahren nach einer Moderne sucht,  und einem Elvis-­Punk-Adepten, der glaubt, ein Original zu besitzen und ausrastet, als der Franzose ihm beweist, dass sein vermeintliches Original eine auf alt getrimmte Neuauflage aus den 80ern ist. In Chicago findet Dupré aber tatsächlich eine Spur.

Der unbekannte Bluesmusiker Harold Robertson soll eine besessen haben, mit der er nur eine einzige Platte aufgenommen hat, die ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus war. Robertson entpuppt sich als unehelicher Sohn von Blueslegende Robert Johnson, war wohl der Seitensprung, der einen eifersüchtigen Ehemann dazu brachte, Johnson 1939 in Mississippi zu vergiften. Und wie Johnson, Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison und Kurt Cobain ist auch Robertson Mitglied des Klubs 27, jener Musiker, die alle  mit 27 Jahren starben.

Wie gesagt, Hervier nutzt seinen Plot, um jede Menge Geschichten rund um die Elektrogitarre einzuflechten.  Und das tut er höchst geschickt und sachkundig. Jedes Detail stimmt. Und das Schönste daran: Er kann darüber packend schreiben, vermittelt nur das Wissen, das der unvorbelastete Leser für das Verständnis der Geschichte braucht. Und Gitarrenfreaks werden keine Fehler finden.

Da kennt sich einer mal richtig aus, hat das richtige Vokabular zur Hand und kann spannend erzählen. So ist das fast Unmögliche Wirklichkeit geworden: Hervier hat einen Roman für Elektrogitarristen geschrieben, den auch der Laie mit Vergnügen verschlingen wird.