Barcelona Göttliche Baustelle

Im 100. Todesjahr von Antonio Gaudi soll die Kirche fertig sein.
Im 100. Todesjahr von Antonio Gaudi soll die Kirche fertig sein. © Foto: dpa
MANUEL MEYER, KNA 11.11.2015
Den fertigen Innenraum segnete 2010 der Papst persönlich. Doch es dauert wohl noch ein Jahrzehnt, bis die Sagrada Familia in Barcelona vollendet ist.

Vor der Geburtsfassade der Sagrada Familia drängeln sich die Massen, am "Portal der Barmherzigkeit" stauen sich die Menschen. Viele Besucher wollen das erst im Juli 2014 eingeweihte zentrale Eingangstor fotografieren. Der japanische Bildhauer Etsuro Sotoo (62) entwarf es in Form von Efeu, Blütenblättern und Lilien. Kinder streicheln die Maikäfer, Grashüpfer und Schmetterlinge aus Bronze.

Angel Lopez Gillue hat große Mühe, seine Besuchergruppe in dem Trubel beisammen zu halten. Mehr als 15.000 Personen besuchen täglich die Sagrada Familia in Barcelona. Der "Sühnetempel zur Heiligen Familie", der 2010 von Papst Benedikt XVI. geweiht wurde, ist nicht nur das Wahrzeichen Barcelonas, sondern mit jährlich 3,2 Millionen Besuchern auch eine der meistbesuchten Touristenattraktionen Spaniens. "Und er ist mit Sicherheit die berühmteste Baustelle der Welt", scherzt Fremdenführer Angel.

Euphorisch beschreibt er, wie sich Architekt Antonio Gaudi (1852-1926) bei der Planung des Kirchenschiffs mit seinen gewaltigen bizarren Säulen an einem Wald orientierte. Der Sakralbau, der seit 2005 zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, vereine zwar Neugotik und Moderne, sei aber vor allem von der Natur inspiriert, so Angel. Obwohl er ein Mikrofon trägt, muss der Fremdenführer fast schreien, so laut ist das Dröhnen und Hämmern der Presslufthammer.

In spätestens elf Jahren soll es deutlich ruhiger werden hier. "Wir hoffen, 2026 - zum 100. Todesjahr Gaudis - den Bau der Basilika beendet zu haben", erklärt Chef-Architekt Jordi Fauli. Das Kirchenschiff, die Geburts- und die Passionsfassade sind größtenteils fertig. "Es fehlen allerdings noch zehn der insgesamt 18 von Gaudi geplanten Türme sowie die Hauptfassade der Herrlichkeit", so Fauli.

Der 56-jährige Katalane ist der neunte Chef-Architekt, seit Gaudi 1882 den Bau der Basilika begann. "Wir werden Anfang 2016 mit den oberen Teilen der sechs Zentraltürme eine der letzten Bauphasen einleiten. Die Arbeiten an den Türmen könnten 2022 beendet sein. Als Letztes stellen wir dann die Hauptfassade fertig", sagt Fauli.

Die Türme werden nicht nur wegen ihren filigranen, farbenfrohen Formen hervorstechen, sondern auch wegen ihrer Größe. "Der zentrale Jesus-Christus-Turm wird mit 172,50 Metern das Ulmer Münster als höchsten Kirchturm der Welt ablösen", so der Architekt. Dennoch werde er Barcelonas Hausberg Montjuic nicht überragen. "Das war der ausdrückliche Wunsch Gaudis, der nicht die von Gott erschaffenen Naturwerke übertreffen wollte." Was die Sagrada Familia besonders mache, sei ihre Architektur, die die Größe, aber auch das Leiden Christi ausdrücke, sagt er. Dass bis zur Fertigstellung 2026 insgesamt 144 Jahre verstrichen sein werden, liegt vor allem an den Finanzen. Die Bauarbeiten, die jährlich rund 25 Millionen Euro verschlingen, werden ausschließlich aus Spenden und Eintrittsgeldern finanziert.