Stuttgart Gibt es zu viele Museen?

Stuttgart / LENA GRUNDHUBER 30.11.2015
Schon vor Beginn ihrer Tagung hatte Christiane Lange Empörung ausgelöst: Die Staatsgalerie-Chefin sieht die Museumslandschaft an den "Grenzen des Wachstums" - so auch der Titel des Treffens in Stuttgart.

So viele Bilder, alles hängt voll damit: In Rotterdam zum Beispiel, rief Architekturkritiker Nikolaus Bernau begeistert, da gehe man den Weg zurück zum offenen Depot! Ein eigenes Gebäude werde da errichtet, in dem endlich all das zu sehen sei, was sonst in den Kellern und Regalen eines Museums versteckt und von Kuratoren bewacht wird. Eine Entdeckungsreise für den Steuerzahler, der schließlich ein Recht auf seinen Besitz habe, fand Publizist Bernau - ein überflüssiger Überfluss für den Besucher, der in der Regel mit der normalen Sammlung schon überfordert sei, fand Christiane Lange. Ausgerechnet beim abseitigen Thema Depot war die Chefin der Stuttgarter Staatsgalerie also wieder bei ihrer Kernfrage angelangt: Wer soll sich das alles anschauen?

Eine ganze Tagung hatte sie vergangene Woche zu den "Grenzen des Wachstums" in der Museumslandschaft anberaumt und schon im Vorfeld in diversen Interviews nach Kräften polarisiert. Die kapitalistische Wachstumslogik, so ihre These, treibe auch die Museumslandschaft. Immer mehr Häuser konkurrierten mit immer mehr Wechselausstellungen um die Besucher, so Lange - in 25 Jahren sei die Zahl der Museen um mehr als 50 Prozent gewachsen - und landete bei jener ketzerischen These, die vor allem kleineren Institutionen einen heiligen Schrecken einjagte: "Vielleicht gibt es einfach zu viele Museen." Da müsse man doch zumindest darüber nachdenken, auch mal eins zu schließen; insbesondere bei privaten Ausstellungshäusern müsse man sich fragen: Sollte die öffentliche Hand sich wirklich die Folgekosten "teurer Hobbys" reicher Sammler aufbürden?

"Stellen Sie sich mal vor, ich hätte diese Diskussion initiiert! Wir hätten sofort eine Spardebatte gehabt" - den Hinweis konnte sich Kunstministerin Theresia Bauer nicht verkneifen. Verteilungskämpfe angesichts des Flüchtlingsdramas, wie sie ein Kollege aus der Bundeskunsthalle Bonn in Nordrhein-Westfalen befürchtet, sieht Bauer in Baden-Württemberg nicht kommen. Umso mehr sprach sie von Freiräumen für die Forschung und "qualitativem Wachstum": Vielleicht müsse die Politik tatsächlich von der Fixierung auf die Besucherzahlen abrücken, räumte die Ministerin ein. Und natürlich müsse die öffentliche Hand sich gut überlegen, inwieweit man den Wünschen privater Sammler entgegenkomme: "Es gibt schon Situationen, in denen es schwerfällt, nein zu sagen." Doch ein Baden-Württemberg ohne Privatmuseen will Bauer sich gar nicht vorstellen - und wer so vehement auf seiner institutionellen Deutungshoheit besteht wie Christiane Lange, bekommt naturgemäß Forderungen zurück: "Selber machen, ringen, provozieren", wünschte sich Bauer. Natürlich sei ein öffentliches Museum nicht fürs Spektakel da, aber es müsse noch stärker in die Breite wirken: "Kunst darf auch Spaß machen."

Mag man Schaudepots problematisch finden - im virtuellen Raum lässt sich ganz ohne Flächenverbrauch und konservatorische Schäden unendlich Vermittlungsarbeit betreiben: 800 Werke habe das Städel in Frankfurt inzwischen für seine digitale Sammlung verschlagwortet, erklärte Inka Drögemüller. Ins Netz kämen inzwischen doppelt so viele - und natürlich auch jüngere - Besucher wie in die reale Sammlung, um sich Bilder anzusehen. "Das ist aber kein Ersatz, im Gegenteil: Der Rückzugsraum des Museums wird immer wichtiger."

Rückzug? Barbara Welzel wünschte sich das glatte Gegenteil: "Wie kriegen wir die Debatte zurück ins Museum?", fragte die Professorin der TU Dortmund in einem engagierten Vortrag. "Die Institution ist mit dem ganzen Pathos der französischen Revolution errungen worden. Wir müssen den Schwur erneuern", sagte sie - ihrerseits mit dem ganzen Pathos von Delacroix' Marianne, das sie an die Wand projiziert hatte. Man müsse zeigen, dass die Werke nicht nur im Kunstdiskurs sprächen, sondern das Potenzial hätten, alle Diskurse zu verhandeln.

"Was tun wir, um das Museum spannend zu machen für den Wissensdurst junger Menschen?" Für Kinder und Jugendliche also, die vor allem auch in Baden-Württemberg oftmals einen Migrationshintergrund haben. Welzels Rede wurde so zu einem anrührenden Plädoyer für den Sinn und Zweck und Wert des guten alten Museums, an dessen Ende es nicht mehr um Besucherzahlen, Wechselausstellungen, Ankaufsetats und Wettbewerb ging, sondern um die Bedeutung, die jedes Museum sich selber geben muss - ausgehend von seinen Inhalten: seinen Bildern.

Statt der französischen Marianne erschien nun Tizians Europa an der Wand des Vortragssaals. Das Bild einer entführten syrischen Prinzessin, das Bild einer Vergewaltigung als Ursprungsmythos eines Kontinents: "Ich wünsche mir ein Museum, in dem das diskutiert wird."

"Poesie der Farbe" aus dem eigenen Bestand

Ausstellung Stolz auf die eigene Sammlung: Die aktuelle Ausstellung "Poesie der Farbe" der Staatsgalerie Stuttgart versteht deren Chefin Christiane Lange auch als politisches Statement, als Bekenntnis zum eigenen Bestand. 26 Gemälde und 160 Zeichnungen der Klassischen Moderne werden gezeigt: bis 14. Februar, Di-10-18, donnerstags bis 20 Uhr.

 

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