Fotografie Gerhard Großberger: „Kein Hobby – Leidenschaft!“

Ulm / Claudia Reicherter 13.02.2018

Der Mann besitzt mehr High Heels als manche Frau. Neben Kameras, Blitzanlagen und 50er-Jahre-Mo­biliar hält Gerhard Großberger im Fundus seines Ateliers in der ehemaligen Hochschule für Gestaltung Schuhe mit Killerabsätzen,  Kleider und Accessoires  bereit. Für seine Modelle. Vor allem für sein Lieblingsmodel, das seit zehn Jahren seine Muse ist und heute auch seine Ehefrau: Roswitha. Mit ihr hat er etwa die Inszenierung „Iron Lake“ realisiert, für die er eine von acht Goldmedaillen beim „Trierenberg Supercircuit“ gewann, einem großen internationalen Foto-Kunst-Wettbewerb in Österreich. Gerhard Großberger ist Fotograf. Und Österreicher.

Im vergangenen Jahr ist der 55-Jährige, der mit „grossberger.photo – visual storytelling.pas­sion.art“ seit 2015 zwischen anderen Kreativen und dem HfG-Archiv auf dem Hochsträß angesiedelt ist, verstärkt öffentlich in Erscheinung getreten.

Als Teil des von der Stadt ausgeschriebenen „Project Space: Wilhelmsburg 2017“ war er etwa den Sommer über zwischen Innenstadt und Fort unterwegs. Für sein Online-Tagebuch „different view“, nachzulesen unter blog.die-wilhelmsburg.de, hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, sämtliche andere Projekte abzulichten und bildlich wie schriftlich zu dokumentieren. Dazu war er zu den „Aida“-Aufführungen backstage und flog für Luftaufnahmen mit einem gecharterten Helikopter über die Anlage.

Die Projektförderung deckte nur einen Teil der Auslagen, weitere Einnahmen hatte er durch Sponsoren und aus dem Verkauf eines Buches, das aus dieser zeit­intensiven Arbeit entstand. Gelohnt hat sich das für ihn trotzdem: „Es gab wunderbare Begegnungen“, und „so konnte ich auf verschiedensten Ebenen in das Kulturleben eintauchen“.

Nach Kooperationen mit dem Roxy, wo er für Shootings etwa die Bühne der Werkhalle nutzen durfte, waren in der dortigen Galerie im Oktober zudem die Ergebnisse einer einjährigen Zusammenarbeit zu sehen: Für „roxy artists unchained“ hatte der Mann, der hauptberuflich „im IT-Bereich mit der digitalen Vernetzung von Fahrzeugen“ beschäftigt ist, die „Idee, dort einen Jahreszyklus zu verfolgen“. Heraus kamen 16 Künstlerporträts mit handschriftlichen Grüßen – weder Konzert- noch PR-Fotos, sondern originelle Aufnahmen an Orten, die sich die Künstler selbst aussuchten, etwa von Megaloh, Itchy, Me + Marie – und dem „Caveman“-Darsteller aufm Klo. Die Bilder sind online noch nachbestellbar.

Großberger verkauft meist über Online-Galerien. In limitierter Auflage, deren Druck er selbst kontrolliert. Eine museale Einzel­ausstellung „wäre mal schön“, sagt der Autodidakt, der in seinem Atelier gerade Neon-Plexi­glasplatten zu futuristischem Schmuck fürs nächste Shooting formt und das nicht als Hob­by, sondern als Leidenschaft betrachtet. Aber als freischaffender Foto-Künstler, der über inszenierte Szenen Geschichten erzählen will, befinde er sich in Europa noch „in einer absoluten Nische“.

Blog und Bilder
Im Brotberuf Techniker und Manager

Vita Gerhard Großberger wurde am 26. Dezember 1962 im österreichischen St. Georgen am Steinfelde geboren, das heute zu St. Pölten gehört. Dort studierte er Nachrichtentechnik und Elektronik und sattelte an der Uni Salzburg berufsbegleitend noch einen Business-Master drauf. Nach vier Jahren in Wien lebte er zuletzt in Wels bei Linz, wo er ein Studio betrieb und einen Fotoclub leitete. 2013 zog er nach Ulm. Dort eröffnete er 2015 sein Foto-­Atelier. Neue Arbeiten stellt er unter www.grossberger.photo vor. cli

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