Staatsoper Gepixelte Oper und Orangen

Bunt und verpixelt: „Die Liebe zu drei Orangen“ an der Staatsoper Stuttgart.
Bunt und verpixelt: „Die Liebe zu drei Orangen“ an der Staatsoper Stuttgart. © Foto: Matthias Baus
Stuttgart / Von Jürgen Kanold  04.12.2018

Der Mann hat laut „Bild“ den „schlechtesten Tatort aller Zeiten“ ins Fernsehen gebracht – „Babbeldasch“, ein Lena-Odenthal-Krimi mit Amateurschauspielern und improvisierten Dialogen. Axel Ranisch, 35, ist ein herzerfrischend bäriges Faktotum der Kulturszene und auch als Opernregisseur gefragt, wenn Trash und Popkultur den Laden aufmischen sollen. In Stuttgart beginnt jetzt Sergej Prokofjews „Liebe zu drei Orangen“ mit dem Testbild aus alten TV-Zeiten. Das kann ja heiter werden. Wird es aber auch. Premierenjubel im Staatsopern-Tollhaus.

Dabei passiert das: „Russische Konstruktivisten von 1918 inszenieren 2018 ein italienisches Renaissancemärchen in deutscher Sprache als Computerspiel von 1993, das in einer dystopischen Zukunft spielt.“ So fasst Ranisch sein Szenario zusammen. Puh! Es kommt dann freilich einfach unterhaltsam daher.

Verwirrend unterhaltsam

In Prokofjews Oper für die ganze Familie werden eigentlich drei Geschichten erzählt: Ein Prinz, der nicht lachen kann, befreit sich mit einem Anfall von Schadenfreude von seiner Depression, wird aber deshalb dazu verhext, manisch Orangen zu lieben, aus denen immerhin Prinzessinnen schlüpfen. Dann geht es um Macht und Magie: Premierminister Leander (Shigeo Ishino) und Herrschernichte Clarice (Stine Marie Fischer) intrigieren gegen den müden König (Goran Juric), und auch der Zauberer Celio (Michael Ebbecke) und die Zauberin Fata Morgana (Carole Wilson) greifen rivalisierend ein. Das ist das anspielungsreiche Märchen.

Dann streitet in der Rahmenhandlung aber auch noch das (großartig singende) Chor-Volk darüber, ob jetzt eine Komödie, eine Romanze oder eine Tragödie gespielt werden soll: Theater auf dem Theater. Und alles führt wild ins Chaos.

Gut – aber dann kommt noch Ranisch und erzählt die Oper nicht nur als Computerspiel, sondern als eine Operninszenierung, die so tut, als sei sie ein Computerspiel. „Orange Desert III“ heißt es. Und dieses spielt der kleine, als Figur erfundene Serjoscha (Ben Knotz) in einem drastisch bunten Retro-Rasterpixel-Ambiente der frühen 90er Jahre und mit Kostümen zwischen Commedia dell‘Arte und Comic-Science-Fiction. Das Kind schlüpft in die Rolle seines Avatars Farfarello und steigert sich als „Weltenlenker“ Level für Level, bis er selbst ins Spiel gerät. Es purzeln in dieser Inszenierung alle Realitäten derart durcheinander, dass auch das Publikum schließlich nicht mehr durchblickt. Was nichts ausmacht, sondern Methode hat. Turbulenzen, Gags, Klamauk. Ein Spaß, weil Ranischs auch Video-gefütterter „Operncomputer“ turbulent heiß läuft, aber nicht abstürzt.

Und weil natürlich keine am Synthesizer gebastelten, blubbernd elektrifizierten Tonschleifen erklingen, sondern Alejo Pérez mit dem lustvoll furios agierenden Staatsorchester eine der theatralischsten Partituren der Operngeschichte packend dirigiert: in aller Komik, rhythmischen Kraft und Klang-Raffinesse. Über das, was Prokofjew in seinen 1921 in Chicago uraufgeführten „Orangen“ so alles komponierte, lässt sich bis heute staunen: vom berühmten die Dissonanz fröhlich und hüpfend feiernden Marsch bis zur Lach-Arie des Prinzen – sehr witzig gesungen von Elmar Gilbertsson. Zweifellos funktioniert Ranischs Pixel-Spektakel deshalb so gut, weil das Stuttgarter Ensemble glänzt: vom fantastischen Charaktertenor Daniel Kluge als Truffaldino bis Esther Dierkes mit süß rührendem Sopran als Ninetta.

Für die ganze Familie

Weitere Vorstellungen in dieser Saison an der Staatsoper Stuttgart: am 5., 14., 17. und 19. Dezember sowie am 4. und 11. Januar und 9., 14. und 22. April. „Die Liebe zu drei Orangen“ wird in einer pointierten deutschen Textfassung von Werner Hintze gesungen.

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