Georgien Georgien: Stolz auf 33 Buchstaben

Ulm / Beate Schümann 13.10.2018

Die Burg Ananuri erhebt sich wie eine Drohgebärde über dem Zschinwali-Stausee, nah an der Grenze zu Russland. Seit dem Mittelalter wacht sie an dem jahrtausendealten Fernweg durch den Kaukasus, der heutigen Georgischen Heerstraße. Allein der Name lässt tief blicken. Denn auf dieser Route kamen sie alle – Händler, Soldaten, Invasoren und Okkupatoren, Freunde und Feinde. Etliche waren Feinde: Römer, Perser, Araber, Türken, Mongolen, Russen. Völker, die das kleine Land auf dem Engpass zwischen Okzident und Orient einnahmen und ihre Kultur im Gepäck hatten. An der Schnittstelle zwischen Europa und Asien war Georgien seit der Antike der Spielball der Großmächte. Seine Identität hat es dabei nie aufgegeben und eine schier unverwüstliche Widerstandskraft entwickelt.

Hinter der Ringmauer der Ananuri-Festung stehen auch zwei Kirchen und ein Kloster. Vielleicht, weil den Bewohnern das Beten am Ende mehr Hoffnung versprach als die Waffen. Sie schlossen Frieden mit den fremden Kulturen. In die Fassade der Entschlafung-der-Gottesgebärerin-Kirche, wie orthodoxe Gläubige das Gotteshaus nennen, sind jedoch alte Texte in schön geschwungenen, formvollendeten Schriftzeichen eingeritzt, schön anzusehen. Buchstaben, die weder mit dem lateinischen noch mit dem kyrillischen Alphabet verwandt sind; sie sind rein georgisch.

Der Landstrich zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer ist ein uralter christlicher Kulturraum mit einer selbstständigen kaukasischen Sprache und einem eigenen Alphabet. „In ihm wurzelt unsere Identität“, sagt Medea Metreveli, die Direktorin des Georgian National Book Centers in der Hauptstadt Tiflis. „Nichts ist so georgisch wie unser Alphabet“, sagt sie stolz, „die 33 Buchstaben sind der Schlüssel zu unserer Kultur.“ Seit 2016 schmückt das georgische ABC die Liste des immateriellen Welterbes der Unesco. Auf der Frankfurter Buchmesse wird es die Geschichte des Landes erzählen.

Bereits im 5. Jahrhundert entwickelte sich mit dem Alphabet die georgische Literatur. Erstes Zeugnis ist die religiöse Novelle von Iakob Zurtaveli, im 12. Jahrhundert brillierte der Nationaldichter Shota Rustaveli, der mit seinen Gedichten die europäische Renaissance vorwegnahm. „Das Schriftgut setzte sich ohne Unterbrechung bis in die Gegenwart fort“, erklärt Metreveli das reiche literarische Erbe, aus dem alles hervorgegangen ist. Die Projektleiterin, die die Verhandlungen für den Gastauftritt Georgiens in Frankfurt acht Jahre lang führte, erkennt eine besondere Symbolik darin, dass Georgien sich ausgerechnet im Jahr 2018 präsentieren kann. Denn vor genau 100 Jahren wurde Georgien erstmals unabhängig und eine demokratische Republik. Deutschland war eines der ersten Länder, die sie anerkannten.

Metreveli will in Frankfurt aber nicht nur die Kultur bekannt machen, sondern auch Stereotypen beseitigen, die über ihr Land kursieren. Dazu gehört etwa, dass es nur Wein oder nur alte Klöster habe. „Wir wollen auf eine unserer stärksten Seiten hinweisen: unsere Literatur und unsere Autoren.“ Denn Bücher sind das wichtigste Instrument, um Menschen für ein Land zu interessieren.

Im parkähnlichen Hinterhof eines ehemaligen sowjetischen Schriftstellerhauses sitzt der Literat Zurab Karumidze bei einem Glas Wein, natürlich georgischem. Dem Jugendstilpalast des Brandymagnaten David Sarajishvili, den der deutsche Architekt Karl Zaar 1903 baute, sieht man unter der Patina den einstigen Glanz noch an, was den Ort und das Cafe „Littera“ so charmant macht. Karumidze ist einer von rund 70 Schriftstellern, die auf der Frankfurter Buchmesse präsent sein werden.

„Wir sind eine stolze Kulturnation, aber total eklektisch, vom Wein und dem polyphonen Gesang einmal abgesehen“, sagt der gebürtige Tifliser. Es sei eines der größten Rätsel, dass Georgien trotz der zahlreichen Eroberer seine Identität bewahren konnte. „Es könnte an unserer Fähigkeit liegen, fremde Einflüsse in uns hineinzusaugen, ohne daran zu ertrinken“, meint der Bartträger mit dem wachen Blick. Das sei in der Küche so wie in der Literatur, man sehe es aber auch Tiflis an.

Georgiens Kapitale ist eine quirlige Ein-Millionen-Einwohner-Stadt zwischen Tradition und Aufbruch, zwischen morbiden Jugendstilfassaden und futuristischen Prestigebauten aus der Zeit von Präsident Micheil Saakaschwili, eine Stadt, die mit ihrer hippen Nachtszene schon als „Berlin am Kaukasus“ stilisiert wird. Lässig trifft ästhetisch verarmte Architektur aus der Stalin-Zeit hier auf verträumte byzantinische Kirchen und Jugendstilvillen wie das Zaar-Haus im Stadtteil Sololaki.

Aus solchen Kontrasten zieht Karumidze, der selbst lange in den USA gelebt hat, Nektar. Um die Widersprüche in Georgien geht es auch in seinem Roman „Dagny oder Ein Fest der Liebe“, seinem ersten ins Deutsche übersetzten Werk, das Ende 2017 erschien (Weidle Verlag). Es handelt von einer tragischen Liebesgeschichte, in der der Autor spielerisch Geschichten, Anekdoten, Märchen und Mythen zu einem postmodernen Feuerwerk verstrickt, am Ende der Belle Époque und dem Beginn des sowjetischen Terrors. „Wir stehen noch am Anfang der Auseinandersetzung mit unserer jüngsten Vergangenheit“, sagt Karumidze. Die Postmoderne habe allerdings schon viele junge, markante Stimmen in die Literatur gebracht. „Sie ist urban mit Gender-Themen, rollt die Zerstörung auf, bringt Parodien und originelle Ideen“, sagt der 61-Jährige, der als außenpolitischer Berater der georgischen Regierung tätig ist.

Die Buchmesse in Frankfurt wird ihm vielleicht eine Handvoll Leser mehr bescheren. Aber viele Menschen lesen gar keine Bücher mehr, auch in Georgien nicht. Die Jugend aber schaue nach Westen. „Frankfurt ist deshalb für uns nicht nur ein literarisches, sondern vielmehr ein politisches Ereignis“, betont Karumidze. „Wir wollen demonstrieren, dass wir uns in Europa verankern wollen.“

Seit 1991 unabhängig

Das Land ist erst seit 1991 wieder unabhängig. Von einem dreijährigen Intermezzo zwischen 1918 und 1921 nach der russischen Revolution ausgenommen, stand Georgien fast 200 Jahre lang ununterbrochen unter der Herrschaft des großen Nachbarn Russland. Einige Georgier machten sogar große Karriere in Moskau wie etwa der Massenmörder Stalin. In dessen Geburtsstadt Gori nahe Tiflis erinnert weiterhin ein Museum an den Diktator, während im Nationalmuseum in Tiflis eine ganze Abteilung der „sowjetischen Besetzung“ und ihrem Terror gewidmet ist. Doch das gehört zu den vielen Widersprüchen in Georgien, das nach dem „Fünf-Tage-Krieg“ 2008 seine diplomatischen Beziehungen zu Moskau und Präsident Putin eingefroren hat und dennoch Ziel vieler russischer Touristen ist. dpa

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