Schwäbisch Hall Geköpfte Ideale

Jochen Neupert gibt einen beeindruckenden Danton in Schwäbisch Hall. Foto: Festspiele/Jürgen Weller
Jochen Neupert gibt einen beeindruckenden Danton in Schwäbisch Hall. Foto: Festspiele/Jürgen Weller
Schwäbisch Hall / BETTINA LOBER 10.06.2013
Tragödie, Revue, Posse: "Dantons Tod" der Freilichtspiele Schwäbisch Hall setzt auch auf Unterhaltung. Doch Georg Büchners Frage nach dem Scheitern des Menschen an der Revolution bleibt aktuell.

Ende der Unterdrückung, Entmachtung der Gewaltherrscher, Revolution! Jawohl. Und dann? Wenn man nachmittags die Nachrichten aus der Türkei hört oder die Bilder aus Tunesien und Ägypten erinnert, dann wirkt "Dantons Tod" von Georg Büchner (1813-1837) gar nicht wie ein ferner Nachhall der Historie.

Mit dem Drama haben die Freilichtspiele Schwäbisch Hall am Samstag auf der Großen Treppe vor St. Michael ihre 88. Spielzeit eröffnet. Büchner schuf es 1835 als 21-Jähriger und ernüchterter Revolutionär in wenigen Wochen aus Verzweiflung an der Ungerechtigkeit der Welt und am Menschen. Was kommt nach dem Umsturz? Wie wird aus einer Revolution eine gesellschaftliche Ordnung? Das sind Fragen, die Intendant und Regisseur Christoph Biermeier umtreiben, ohne aber "modernistisch sein zu wollen", sagt er im Vorfeld. So vermeidet er es, aktuelle Bezüge direkt zu zeigen, sie seien ohnehin da.

Fast fünf Jahre sind seit dem Sturm auf die Bastille vergangen. Tägliche Hinrichtungsspektakel im Jahr 1794 sichern die Schreckensherrschaft, es ist der Höhepunkt der "Terreur". Auf dem Weg zur Republik hat sich die Revolution festgefahren. Von wegen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die Ideale drehen sich in ihr Gegenteil. Dieses Eingekeilt-Sein spiegelt sich auch in dem großartigen Bühnenbild von Ursina Zürcher: Bröckelnde Säulen, marode Wände mit der französischen Lilie und einem Liberté-Schriftzug, Theater-Klappstühle, und die Trikolore hat schon bessere Tage gesehen - ein ziemlich abgewirtschaftetes Theater tut sich da vor den Augen der Zuschauer auf.

In dieses Trümmerfeld hält eine Schauspieler-Truppe Einzug, die aus Büchners "Hessischem Landboten" die Geschehnisse rekapituliert. Das Spiel im Spiel nimmt seinen Lauf. Auf den Überresten der Monarchie zeigt sich das Leid des Volkes und die Feindschaft der einstigen Kampfgefährten Danton und Robespierre. Der eine gemäßigt, inzwischen ob der Gewalt frustriert und zum genusssüchtigen Freigeist gewandelt, der andere ein Tugend-Terrorist. "Wo Notwehr aufhört, fängt der Mord an", mahnt Danton. "Die Tugend muss durch Schrecken herrschen", entgegnet ihm Robespierre. Christoph Schüchner verkörpert facettenreich diesen Tyrannen - ein gnadenloser Star. Sein brillant diabolisch-schmieriger Handlanger ist Vilmar Bieri als Saint-Just. Jochen Neupert in der Titelrolle versteht es gut, die Seelenzustände seiner Figur zu transportieren - die Revolutionsmüdigkeit, die Gewissensbisse ob der von ihm einst geduldeten "Septembermorde" sowie den doch noch aufbrechenden Kampfeswillen: "Wie lange sollen die Fußstapfen der Freiheit Gräber sein?"

Überhaupt zeigt sich das Ensemble in eindrucksvoller Spielfreude: Miriam Schwan (Julie Danton), Gerald Michel (Legendre), Nils Buchholz (Desmoulins), Elmira Bahrami (Lucile Desmoulins), Maximilian Löser-Hügel (Lacroix), Renate Regel (Collot dHerbois), Henning Bormann (Fouquier-Tinville) - alle in mehreren Rollen überzeugend. Flugs wechseln sie die Ebenen, sind pöbelndes Volk oder Diskutierende.

Die bohrenden Büchnerschen Fragen schwingen mit - warum der Mensch ist, wie er ist. Dieses Drama um geköpfte Ideale ist keine leichte Kost. Doch mit der Musik von Thomas Unruh und den Akkordeon-Klängen von Ekki Busch kommt Leichtigkeit ins Spiel. Biermeier setzt mit dem Shakespeareschen Wanderbühnen-Charme auch auf Unterhaltung, humorvoll, drastisch; manches französisierte Näseln wirkt aber überflüssig. Revue, Tragödie, Komödie, Posse, Drama, Commedia dellarte - die Elemente mischen sich. Unter der gefallenen Klinge der Guillotine träumen die Toten in Anlehnung an "Leonce und Lena" von einer Gesellschaft der Ruhe. Die Nachrichten klingen ganz anders.

Info Nächste Termine: 12., 14., 15. Juni, Infos und Tickets unter

www.freilichtspiele-hall.de

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