Gesellschaft Fußball und Moral

Ulm / Jürgen Kanold 12.01.2019

Die Mannschaft hat Moral gezeigt!

Ja, so lieben wir unsere Fußballer, die elf Freunde sind und zum Beispiel auf Schalke noch morgens in den Schacht einfahren, um später auf dem Platz nicht weniger hart zu malochen, und zwar auch im kalten Winter ohne Weichei-­Strumpf­hosen und Handschuhe. Okay, jetzt hat in Bottrop die letzte Zeche des Ruhrgebiets geschlossen und es müssen deshalb die Trainingspläne umgestellt werden, aber der Fan brüllt noch immer seine Kumpel in der Glück­auf-Kampfbahn zum Sieg.

Stimmt leider auch nicht mehr, weil die Spieler Millionen Euro in der Veltins Arena und auswärts verdienen und statt im gebrauchten Opel eher im Lamborghini auf der A2 fahren. Als jetzt der Steinkohlebergbau begraben wurde, trugen die Schalker aber die Schriftzüge alter Zechen wie „Nordstern“ und „Consol“ auf dem Trikot – statt „Gazprom“, was ja auch keine Heimatfirma aus Gelsenkirchen ist, für die Oppa schon schuftete, sondern ein russischer Staatskonzern.

Ein Fußballspieler muss ein Vorbild sein in unserer Gesellschaft – und ein Club mindestens so wohltätig wie die Caritas. Und es geht um „echte Liebe“,  wie Borussia Dortmund suggeriert. Ach Gott ja, das hätte man gern. Aber auch das ist Folklore. Tradition, Kult, Romantik gehören zur Geschäftsidee. Vielleicht auch spannender, schöner Sport. Und die berühmten großen Gefühle natürlich. Aber was hat Fußball noch mit Moral zu tun?

Die Würde des Menschen

Spieler werden für unvorstellbare Millionen Euro „verkauft“. Die Fußball-Weltmeisterschaft, ein Milliarden-Business, findet 2022 in Katar statt, in einem Land, das die Menschenrechte verletzt, wobei der FC Bayern dort trotzdem werbewirksam und sponsorenfreundlich seine Spieler ins Trainingslager schickt. Der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge (vorbestraft wegen der illegalen Einfuhr teurer Rolex-Uhren) aber beeilt sich, eine verbesserte Rechtslage in Katar für Wanderarbeiter festzustellen. Schließlich kennt er sich ja mit dem Artikel eins des Grundgesetzes aus, wie er auf einer legendären FC-Bayern-Pressekonferenz demonstrierte: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Was freilich nicht für Rummenigges Präsidenten, den wegen Steuerhinterziehung verurteilten Uli Hoeneß, gilt, der Arbeitnehmer fremder Verein gerne als „geisteskrank“ bezeichnet. Blatter, Beckenbauer, Infantino und tricksende Scheichs. Deutsche Nationalspieler, die „ihrem“ türkischen Präsidenten Erdogan vor Kameras Trikots signieren. Dafür umarmt der deutsche Ehrenspielführer Lothar Matthäus den Menschenfreund Putin.  Ein Ribéry, der Steaks in Blattgold verspeist. Rassistische Fangesänge. Diese Aufzählung dauert länger als 90 Minuten. Aber immer im Team dabei: das ganz große Geldverdienen im Profi-Fußball.

Trotzdem wollen sie alle noch Gutmenschen sein, sauberen, ehrlichen, fairen Sport bieten: einen Fußball, bei dem die Moral stimmt. Da kommt einem Georg Büchner in den Sinn – kein Fußballer, sondern ein Dramatiker aus dem frühen 19. Jahrhundert, der solche Fouls ahndete: „Moral, das ist, wenn man moralisch ist, versteht Er. Es ist ein gutes Wort.“ Sagt der Hauptmann zum geschundenen Woyzeck. Und der entgegnet klagend: „Geld, Geld! Wer kein Geld hat – da setz einmal einer seinesgleichen auf die Moral in der Welt . . .“ Es ist der hinterhältigste Spielzug, gewissermaßen eine Schwalbe im gegnerischen Strafraum, dass die Mächtigen, dass die Bosse und Stars auch noch bestimmen wollen, was Moral sei: dass sie so tun, als hätten sie die ethisch-sittlichen Normen für sich gepachtet.

Und der Fan schaut unverdrossen zu oder wendet sich auch mal protestierend im Stadion ab, wenn die Bundesliga für den TV-Kommerz Spiele auf den Montagabend verlegt. Man kann auch sagen: Fußball ist eine sehr irrationale Sache geworden, eine schizophrene Leidenschaft. Aber wer als Junge mit dem VfB, den Bayern, dem HSV oder dem 1. FC Köln aufgewachsen ist, kommt aus seiner frühkindlichen Prägung halt nicht mehr raus und wird als erwachsener Fan oder Hobby-Kicker eher ein Fall für den Psychotherapeuten als für den Orthopäden, weil er mitleiden muss mit seinem Verein: nicht nur bei Niederlagen, sondern angesichts einer  spätdekadenten Maßlosigkeit seiner Funktionäre und Akteure, die schon in der Antike in den Untergang führte.

Aber jetzt kommt endlich der Konter: Die Fans sind kritischer geworden. Und auch wenn es leicht fällt, einen zynischen Blick auf den enthemmten Profi-Fußball und eine ignorante Milliarden-Industrie zu werfen – selbstverständlich hat der Fußball, der beliebteste Sport hierzulande, der zig Millionen Menschen allein in Deutschland unterhält und im Amateurbereich auf Millionen Ehrenamtliche zählen kann, enorme Möglichkeiten, nachhaltig in die Gesellschaft hineinzuwirken. Ob da nun Sportler und Mäzene soziale Stiftungen gründen, Vereine klimaschützend ihr Stadion betreiben, ob Streetfootball-Projekte Kinder von der Straße holen oder ein Thomas Hitzlsperger mit seinem Coming-out auf die Diskriminierung von Homosexuellen aufmerksam macht.

Superstar Ronaldo etwa ist nicht nur ein genialer Fußballer, er setzt seine Popularität auch als Werbeträger in Geld um, und zwar lukrativ in den sozialen Medien, er ist der weltweit populärste Influencer aus dem Sport: 151 Millionen Abonnenten bei Instagram und 76 Millionen Follower bei Twitter – welche Macht! Man stelle sich nur mal vor, Ronaldo riefe dazu auf, nicht nur die europäische Champions League anzuschauen, sondern demokratisch zur Europawahl zu gehen.

Der Sportjournalist Ronny Blaschke hat dieses Thema schon 2016 in seinem preisgekrönten Buch „Gesellschaftsspielchen“ aufgegriffen und analysiert: „Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei.“ Natürlich sind viele Aktivitäten nur Marketing, Show und Imagepflege, aber es gibt viele positive, gemeinnützige Beispiele für soziales Engagement, wo die Moral dann nicht nur auf dem Rasen stimmt.

Blaschkes Forderung:  Gerade weil der Fußball so ernst genommen werde wie kein anderes entbehrliches Gut, „muss er mehr in die Gesellschaft zurückspielen“, vor allem mit sozialer Verantwortung. „Nicht das Konto ist dafür entscheidend, sondern die Kompetenz. Dadurch würde der Fußball nicht weiter wachsen, aber er könnte einen anderen Wert für sich beanspruchen: Relevanz.“ Das wäre ein Sieg der Moral. Noch liegt der Profifußball aber weit hinten in der Tabelle.

Twitter und Instagram

Das ist Werbemillionen wert: Die Fußballer mit den meisten Instagram-­Abonnenten sind Cristiano Ronaldo (150 Millionen), Neymar (109 Mio.) und Lionel Messi (105 Mio.). Unter den Bundesliga-Profis liegt James Rodriguez (41 Mio.) vorn, unter den deutschen Kickern Mesut Özil (18,7 Mio.). Cristiano Ronaldo hat auch die meisten Twitter-Follower aller Fußballer: 76 Millionen.

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