Musiktheater Furrers „Violetter Schnee“ an der Berliner Staatsoper

Berlin / Christoph Müller 18.01.2019

Der Komponist Beat Furrer bildet nicht zum ersten Mal ein Team mit dem ins Surreale verliebten Tiroler Dramatiker Händl Klaus zum Zwecke einer hochanspruchsvollen Literatur­oper. Beauftragt von der Berliner Staatsoper entstanden menetekelhafte 105 Minuten Zeiten-Wende. Es geht um die wetterbedingte Auslöschung (Erderwärmung!), also den selbstverschuldeten Sturz der von allen guten Geistern verlassenen Menschheit ins unfassbare Nichts. Die nur in manierierten Satzfetzen raunende Geschichte basiert auf dem russischen Science-Fiction-Film „Solaris“ von Andrej Tarkowski.

Anfangen aber tut es mit dem Wiener Kunsthistorischen Museum, wo das Fallen stellende Winterlandschafts-Gemälde Pieter Breugels mit den beutelos heimkehrenden Jägern hängt. Diese Jäger schleichen in Zeitlupe quer über die Bühne. Sinnbildlich ist das natürlich gemeint: Sie frieren sich im Schnee zu Tode. Vergebens auf Rettung hoffend, suchen fünf Personen ihre jeweilige Endzeit-Bestimmung zu klären – noch mehr allerdings suchen sie einen Autor, der ihnen mehr zuflüstern könnte als aufgeblähte und endlos wiederholte Stichworte wie Wärme, Kälte, Feuer, Licht und, dies am häufigsten, „nichts“.

Dass daraus dennoch eine bannende Aufführung geworden ist, verdankt sie dem aufs Geheimnisvolle spezialisierten Psycho-Regisseur Claus Guth. Er lässt es in dem stimmungsvoll in diesigen Nebel-Zwielichtern wunderbar ausgeleuchteten Bühnenbild von Etienne Pluss wie einen Hen­ry-James-Roman undurchschaubar in eine Warteschleife nach der andern gleiten. Handwerklich ein absolutes Meisterwerk.

Wunderbares Bühnenbild

Man geht also optisch teilnahmswillig mit. Hört man auch gerne zu? Beat Furrer ist ein braver Neutöner, dem die perfekt alle Schlagwerk-Register ziehende Staatskapelle unter Matthias Pintscher und ein fast unhörbar leise mitsummsender kleiner Chor des Vocalconsort Berlin mehr Dynamik und Farbe geben, als sein reines Notenbild verspricht. Reihenweise Cluster und Dauer-Unisono in allen Lautstärken. Das wirkt so spannungsvoll beunruhigend wie trostspendend betäubend. Auch vokal dank einer Super-Besetzung (an der Spitze Anna Prohaska, Elas Dreisig, Gyula Orendt, Otto Katzameier und in einer Sprechrolle Martina Gedeck) keinerlei Schwierigkeiten mit den extremen Tonsprüngen. Ach so, ja: Das titelgebende Violett des dauernd rieselnden bis stürmisch wehenden Schnees kommt von einer dann eben doch noch das Nebelgrau durchbrechenden Sonne. Aber was die nun wieder heißen soll – direktes Happy End jedenfalls nicht!

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