Frankfurt Fromme Königsmacherin

SWP 05.01.2012
In Frankreich wird sie als Schutzpatronin verehrt: Jeanne d"Arc kam vor 600 Jahren zur Welt. Kaum eine Figur hat bis heute so viele Künstler inspiriert.

Sie starb im Alter von 19 Jahren auf dem Scheiterhaufen. Die junge Frau, die damals als Ketzerin verbrannt wurde, gilt heute als Heilige: Jeanne d"Arc ist Schutzpatronin Frankreichs, wird verehrt als Volksheldin - von Sozialisten ebenso wie von extremen Rechten.

Vor 600 Jahren, am 6. Januar 1412, als Bauerntochter in Lothringen geboren, begann Jeanne d"Arc im Alter von 12 oder 13 Jahren, Stimmen zu hören. Diese sollen sie aufgefordert haben, den französischen Kronprinzen Karl zur Salbung nach Reims zu führen und die Stadt Orléans von der Belagerung durch die Engländer zu befreien. Frankreich war in diesem letzten Drittel des hundertjährigen Kriegs gespalten zwischen den Anhängern des Hauses Burgund, die sich mit den Engländern verbündet hatten, und denen des Kronprinzen Karl. Es gelang Jeanne, Karl zu überzeugen und zur Befreiung von Orléans zu ziehen. Ihre Beteiligung an Gefechten soll entscheidend gewesen sein, doch sie gab später an, keinen Menschen getötet zu haben.

1429 hatte Jeanne ihr Ziel erreicht, Karl VII. wurde in Reims zum König gesalbt. Zehn Monate später wurde sie gefangengenommen, die Burgunder lieferten sie an die Engländer aus, der Bischof von Beauvais führte den Prozess. Die Akten zeichnen das Bild einer frommen und mutigen Frau. Zwar verstand sich Jeanne d"Arc als von Gott gesandte Prophetin, doch ihr Ziel war politisch: die Krönung von Karl und die Vertreibung der Engländer. Ihre Richter beschuldigten sie des Ungehorsams gegenüber der Kirche und der Hexerei. Verurteilen konnten sie sie nur wegen ihres Auftretens: Jeanne unterschrieb, dass sie nie wieder Männerkleider tragen würde. Aus ungeklärten Gründen tat sie dies offenbar doch, daraufhin wurde sie als Ketzerin verbrannt. Später wurde das Urteil annulliert. 1920 erhob Papst Benedikt XV. sie in den Stand der Heiligen.

Der Mythos Jeanne d"Arc wirkt noch heute nach. Wie wenige andere Figuren hat sie die Fantasie von Dichtern, Komponisten und Regisseuren angeregt - auch wenn sie mit der historischen Johanna frei umgehen. Das beginnt bei Friedrich Schiller: In der Tragödie "Die Jungfrau von Orléans" (1801) ist Frankreich kein realer Staat, sondern eine reine Idee, für die sich Johanna opfert und der Liebe entsagt. In Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" ist Johanna Dark ein Leutnant der Heilsarmee. Sie glaubt an das Gute, meint, sie könne einen Ausbeuter auf den rechten Weg zurückführen - und scheitert. "Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht, und es helfen nur Menschen, wo Menschen sind."

"Johanna auf dem Scheiterhaufen", das "dramatische Oratorium", von Paul Claudel und Arthur Honegger, ist eine undogmatische Verklärung. Uraufgeführt 1938, war das Werk ein Zeichen des Glaubens in dunkler Zeit. Zwei Meisterwerke des Films hat der Mythos hervorgebracht: "Der Prozess der Jeanne d"Arc" von Robert Bresson (1962) und "Die Passion der Jungfrau von Orléans" von Carl Theodor Dreyer (1928). Bressons Film kann man als Antwort auf Dreyer sehen: Bei Dreyer die Passion, bei Bresson die sachliche Rekonstruktion. Die Verbrennung wird realistisch gezeigt. Zuletzt sieht man noch den Pfahl, an den Jeanne gefesselt war. epd