Die letzte Premiere der Wiener Festwochen brachte einen schon im Vorfeld ins Grübeln. Angekündigt wurde eine neue Arbeit von Andrea Breth, in der sie Béla Bartóks Einakter "Herzog Blaubarts Burg" mit Robert Schumanns kurzem Klavierstück "Geistervariationen" verknüpfen wollte.

Bartóks "Blaubart" ist ein musikalisch opulent besetztes Zweipersonendrama: Der düstere Herrscher führt seine Angebetete Judith in Räume voller Schrecken und Schönheit. Am Ende öffnet sie gegen seinen Willen auch die verhängnisvolle letzte Tür, um dort drei früheren Frauen Blaubarts zu begegnen, alle mehr tot als lebendig.

Breth erzählt diese (T)Raumreise präzise und psychologisch, reichert sie mit allerlei Nebenfiguren an: Ein Mann versucht erfolglos Blut von einem Tisch zu wischen, ein altes Paar sitzt hilflos herum, die Greisin wirft weiße Lilien auf den Boden.

Gewöhnlich wird Blaubart als Monster dargestellt, Judith als Opfer. Doch hier wirken beide auf je spezifische Weise gestört und traumatisiert. Kent Nagano am Pult des famosen Gustav Mahler Jugendorchesters interpretiert Bartóks Partitur mit gewaltigen Klangtableaus und heftigen Akzenten.

Nach gut 60 Minuten ist Pause, angekündigt wird aber noch eine weitere Stunde, wobei Schumanns "Geistervariationen" eigentlich nur rund 15 Minuten dauern. Wie das? Breth hat mit den Nebendarstellern des "Blaubart" eine Art halbstummes Schauspiel geschaffen: Ein holzvertäfelter Saal dient als Spielort für reichlich verrückte Menschen und Situationen. Viel wird gemurmelt, einige Herren streicheln Heizkörper, nur selten wird Verständliches gesagt. 45 Minuten dauert diese Irrsinnsmeditation, dann erscheint Blaubart und öffnet eine Tür, worauf endlich Schumanns Wahnsinnswerk beginnt. Elisabeth Leonskaja spielt es aus dem Off, bleibt unsichtbar, langsam verlischt das Licht. Schumann schrieb die seltsam zittrigen, huschenden Variationen kurz bevor er in eine Nervenheilanstalt kam und einen Selbstmordversuch unternahm.

Breth fordert dem Publikum einiges ab, aber Sitzfleisch und Konzentration lohnen sich. Entstanden ist ein komplexes Musiktheaterlabor mit teilweise konkreten, teilweise bewusst rätselhaft bleibenden Motiven und Momenten.

Schon zu Beginn der Festwochen verstörte Achim Freyer auf ähnliche Weise. Er inszenierte Salvatore Sciarrinos Opernthriller "Die tödliche Blume" als sehr buntes, zugleich statisches Theaterwunder und stellte vor die eigentliche Geschichte um den Renaissance/Barock-Komponisten Carlo Gesualdo ebenfalls eine stumme Performance, in der es scharf geschnittene, mit Symbolen aufgeladene Bilder rund um Eifersucht und Mord gab.

Herbert Fritsch hingegen zeigte in Wien seine an der Berliner Volksbühne erarbeitete Oper "Ohne Titel Nr. 1", in der 90 Minuten lang gnadenlos gestisch, mimisch und vokal gekalauert wird.

Markus Hinterhäusers Liebe zu ebenso sinnlichen wie intellektuell herausfordernden, zugleich emotional verstörenden Produktionen trug auch heuer wieder Früchte. Noch eine Saison in Wien, dann übernimmt er die Salzburger Festspiele - man darf gespannt sein.