Lange hat Friedrich Ani diese Geschichte mit sich herumgetragen. Bis er endlich die ersten Sätze hatte. „Gelobt sei Jesus Christus, dachte ich, bekreuzigte mich und öffnete die Tür zur Abstellkammer, in der mein Gast geduldig seine Angst ausbrütete. Er starrte mich an, und ich schloss die Tür wieder. Der Tag versprach mir zu gefallen.“

Der 57-Jährige Ani kann nun wirklich schreiben, wie auch  seiner neuen Roman „Nackter Mann, der brennt“ wieder zeigt. Aber vielleicht steht die Karriere des Münchners wie keine andere für einen deutschen Autor neuerer Zeit, der zwar hauptsächlich Kriminalromane liefert – und den Deutschen Krimipreis schon sieben Mal gewonnen hat –, der aber Literatur verfasst. Was natürlich nur ein scheinbarer Widerspruch ist. Aber es werden halt Etikette draufgeklebt auf die Bücher. Und verkaufen muss man sie auch. Spannung geht besser.

Friedrich Ani,  1959 im tief oberbayerischen  Kochel am See geboren als Sohn eines sehr schweigsamen syrischen Arztes und einer Schlesierin („ein Fremder schwängert eine Nichteinheimische, das ging natürlich überhaupt nicht“), machte sich einen großen Namen mit seinen Tabor-Süden-Krimis. Was man jetzt weniger weiß: 1992 nahm Ani teil am Klagenfurter
Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, wo die hoffnungsvollen Jungdichter gekürt werden. Bei Luchterhand erschien 1996 sein Roman „Das geliebte, süße Leben“, der tragikomische Monolog einer alten Frau, die sich nicht vorschreiben lassen will, wie sie sterben soll, und in den Fluss springt („super Thema für ein Debüt“). Tolle Kritiken, auch in der „FAZ“, und „27 verkaufte Bücher“, wie Ani sich grob erinnert.

Die Erkenntnis: Er wechselte das Genre, schrieb Krimis für den Kölner Emons-Verlag: „Killing Giesing“ verkaufte sich besser. Friedrich Ani, in den 80er Jahren auch Polizeireporter in München, kannte das Milieu. 1998 dann der erste Tabor-Süden-Roman, „Die Erfindung des Abschieds“: ein merkwürdig stiller Kommissar, der nach Vermissten fahndet. Das war seine Figur:  „Kaum war ich geboren, wollte ich anonym sein“, erzählt Ani, „aber es wurde immer schwieriger zu verschwinden.“ Er war ein Außenseiter in diesem Kochel am See, war früh vom Schreiben begeistert wie ein Junge, der ein Instrument geschenkt bekommt. Er probierte nicht Melodien aus, sondern Wörter. Mit 18, keine drei Tage nach seinem ersten Bob-Dylan-Konzert, verschwand Ani in die Großstadt München, schlug sich mit Jobs durch, machte ein Zeitungsvolontariat.

Ani redet offen bis launig über sein Psychogramm. Der produktive Autor, der eine Flasche Weißwein zur Lesung mitbringt, besitzt einen sarkastischen Humor, mag Berge und Bayern nicht und redet doch sehr bairisch. Er kennt nicht nur sich: Er ist ein Menschenbeobachter. Und eben ein Literat.

Irgendwie bezeichnend und doch ein Klischee, dass Ani jetzt im Suhrkamp Verlag gelandet ist, bei den Literaten. Zunächst mit „Der namenlose Tag“, ein erster Fall für den pensionierten Kriminalkommissar Jakob Franck (den Volker Schlöndorff fürs ZDF mit Thomas Thieme verfilmt). Und jetzt neu der Roman „Nackter Mann, der brennt“: spannend, grausam, aber ganz anders. Der Ich-Erzähler, Ludwig „Luggi“ Dragomir,  der also diesen Mann entführt, ihn in die Abstellkammer gesperrt hat, der ihn malträtiert, er ist nach 40 Jahren in sein katholisches Dorf zurückgekehrt, Heiligsheim, als ein Schmerzensmann, „der glaubte, er hätte die Vergangenheit überwunden“, aber die Dämonen kehren zurück.

Furor in der Seele

Luggy, der mal Coelestin hieß, hat sein ganz Leben damit verbracht, Schuld zu empfinden, weil er seine Freunde und sich selbst damals nicht aus der Hölle retten konnte: Honoratioren missbrauchten die Kinder, viele im Dorf wussten davon, keiner unternahm etwas dagegen. Jetzt also kehrt Luggy, der damals abhaute, der überlebt hat in Berlin, auch den Alkohol und die Drogen, inkognito zurück, um Erlösung zu finden. „Er ist fast ein Pressesprecher der Toten“, wie Ani sagt. Und jetzt verschwinden im Dorf ältere Herren. „Da stand ich, am Rand der Nacht, zum Morden geboren, zum Sterben bereit und starb nicht und mordete noch lang nicht genug“. Dämonisch.

Eine Kommissarin ermittelt. Aber der Ich-Erzähler ist nun eben der Psychopath und Mörder: Wir sind im düsteren Genre des „Noir“, das Gut und Böse verwischt. In Friedrich Anis so genauer Sprache, in seiner realistischen Weltbeschreibung und -analyse ist das eine Zumutung für den Leser. Man kommt diesem Ludwig Dragomir, der Opfer und Täter ist, seinem Seelenfuror ganz nahe, bis in alle Abgründe. Ein starkes Buch, unter welchem Etikett auch immer.

Der Autor im Gespräch


Friedrich Ani, geboren 1959, schreibt Romane, Gedichte, Jugendbücher, Hörspiele, Theaterstücke und Drehbücher. Mit seinem Roman „Nackter Mann, der brennt“ war er jetzt in Ulm (bei Hugendubel) Gast der Reihe „Der Autor im Gespräch“ mit SWR-Redakteur Wolfgang Niess und Volkshochschulleiterin Dagmar Engels.