Frankfurter Buchmesse Frankfurter Buchmesse: Viele offene Fragen

Frankfurt / Von Jürgen Kanold 12.10.2018

Bestseller, die mit neuen Geschichten in die Fortsetzung gehen, sind ja ein Segen für den Buchmarkt. So freut sich etwa C. Bertelsmann, dass der Schwede Jonas Jonasson den Hundertjährigen, der einst aus dem Fenster stieg und verschwand, wieder zurückkehren lässt, damit er die Welt retten kann.

Im Jahr 1913 war selbst Allan Karlsson noch nicht geboren, aber dieses Jahr vor dem Ersten Weltkrieg, als noch alles möglich schien und doch der Untergang schon am Horizont aufleuchtete, ist das große Thema von Florian Illies – auch ein Bestseller-Lieferant. Sein Verkaufsschlager „1913“ war geradezu ein aus kulturgeschichtlichen Anekdoten schön poetisch gepuzzelter Gegenwartsroman. Fertig war Illies damit aber nicht: „Was ich unbedingt noch erzählen wollte“, lautet der Untertitel der jetzt bei S. Fischer erscheinenden Nachlieferung von „1913“.

Auf der Frankfurter Buchmesse freilich würde man von Florian Illies noch ganz anderes erzählt haben wollen, aber er sagt nichts – und ist nicht vor Ort. Nicht bei S. Fischer und auch nicht 20 Meter weiter in Halle 3.1., bei Rowohlt.

Es war ein Paukenschlag gewesen, als der Stuttgarter Holtzbrinck-Konzern (dem beide Großverlage gehören) und namentlich Buchverlage-CEO Joerg Pfuhl im August die Rowohlt-Verlegerin Barbara Laugwitz schassten. Oder, wie sich Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek erregte: „Jetzt ist schon wieder eine Frau rausgekippt worden wie Abfall.“ Illies, Jahrgang 1971, wurde als neuer Chef proklamiert, mit Amtsantritt 1. Januar. An seinen Qualitäten zweifelt niemand. Er ist ein brillanter Kopf, ein eloquenter Redner, ein Erfolgsautor (auch mit „Generation Golf“), er war Leiter des „Zeit“-Feuilletons, zuletzt arbeitete er für das Auktionshaus Grisebach in Berlin.

Die Frage lautet vielmehr: Warum musste Barbara Laugwitz gehen? Sicher nicht, weil sie keinen Erfolg hatte. Offizielle Statements unterbleiben aus juristischen Gründen, man steht vor dem Arbeitsgericht. Viele Rowohlt-Autoren zeigten sich komplett überrascht, legten Treuebekenntnisse zu ihrer Verlegerin ab, schrieben Offene Briefe. Oder nutzten, wie Daniel Kehlmann, eine Preisverleihung, um zu protestieren.

Das tat jetzt auch Inger-Maria Mahlke, die mit ihrem just bei Rowohlt verlegten Roman „Archipel“ den Deutschen Buchpreis gewann und in ihrer Rede in Frankfurt darauf hinwies, dass Bücher keine Joghurts seien: „Sie befinden sich immer in einem fragilen Zustand.“ Deshalb bräuchten Autorinnen und Autoren feste, zuverlässige, von Vertrauen geprägte Verbindungen zu ihren Verlegerinnen und Verlegern.

Das saß. Inger-Maria Mahlke ist jetzt ein Star der Buchmesse, sitzt auf jedem Sofa, in jedem Pavillon vor Mikrofonen. Rowohlt verkauft mit Dr. Eckart von Hirschhausens neuen Glücksweisheiten unter dem Titel „Die bessere Hälfte“ auch den passend doppeldeutigen aktuellen Sachbuch-Top-Bestseller. Aber Feierstimmung? Am Buchmesse-Stand herrscht bestenfalls Geschäftsroutine.

Dabei hat die Branche ganz andere Sorgen. Sie müsste sich nicht mit sich selbst, sondern mit den millionenfach verlustig gegangenen Lesern beschäftigen. Aber wahrscheinlich liegen auch deshalb die Nerven blank.

„Rowohlt ist kein Verlag, Rowohlt ist eine Idee“ – Fritz J. Raddatz selig hat das gesagt, er war dort Cheflektor: Sein Spruch steht beschwörend auf einem Werbeplakat. Ideen sind überhaupt erwünscht auf dem Buchmarkt, dessen Umsatz zurückgeht und wo die mittleren und kleinen Verlage ums Überleben kämpfen oder schon aufgegeben haben. Aus Baden-Württemberg fehlt in diesem Jahr der Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer mit einem Stand auf der Buchmesse, Inhaber Hubert Klöpfer, 67, sucht verzweifelt nach einem Nachfolger für sein Lebenswerk. Noch sieht es so aus, als wäre das attraktive Herbstprogramm, darunter Felix Hubys Memoiren-Roman „Spiegeljahre“, das letzte.

Oder der an die Bruck­mann-Gruppe verkaufte Silberburg-Verlag, auch aus Tübingen: Ehemals klein und selbstbewusst und führend im Regionalen, taucht er am Stand der Münchner nur noch marginal auf. Wer dagegenhält, ist die Kurt Wolff Stiftung, die wieder in einem prächtigen Katalog die unabhängigen Verlage sich präsentieren lässt: „Es geht um das Buch.“

Dass die inhabergeführten kleinen und mittleren Verlage „wahnsinnig unter Druck geraten“, weiß auch Monika Grütters, die Kulturstaatsministerin der Bundesregierung. Nach Frankfurt reiste sie mit einem Geschenk: Es soll ein Preis ausgelobt werden für die besondere Arbeit solcher Verlage (mit einem Umsatz unter drei Millionen Euro), um damit den Buchmarkt zu stärken. Und zwar vergleichbar dem deutschen Buchhandlungspreis, der demnächst zum vierten Mal vergeben wird.

Plädoyer für Buchhändler

In einem Gespräch mit Buchpreisträgerin Inger-Maria Mahlke und Juergen Boos, dem Chef der Frankfurter Buchmesse, unter dem Motto „Literatur trifft Politik“ legte Grütters auch einmal mehr ein Plädoyer für die inhabergeführten Buchhandlungen ab, „die wackeren Verteidiger der literarischen Vielfalt“ mit ihrem „tollen Netz an geistigen Tankstellen“.

Die Staatsministerin ist sich sicher: „Die Sehnsucht nach dem Buch wird es immer geben.“ Hoffnungsträgerin Mahlke, die Buchpreisträgerin, musste allerdings lange nachdenken über die „unglaublich schwierige Frage“, wie man dem Lesepublikum am besten ein Buch zur Lektüre nahebringen solle: „Spontan würde ich sagen: mit einer geladenen Waffe.“ Nein, sie würde es lieber mit klassischen Lesungen versuchen. Und mit Überzeugen: „Das Buch kann einzigartige Momente schaffen, in denen jeder Einzelne noch mal neu über die Welt nachdenken kann.“

Wie werde ich Autor?

Self-Publishing Es tobt der Kampf um den Leser.  Aber zunächst muss das Geschriebene publiziert werden, ob gedruckt oder digital verbreitet. Für Autoren, Self-Publisher, Independents, Blogger und Vielschreiber hat die Buchmesse eine „Self-Publishing Area“ eingerichtet, wo auch Veranstaltungen angeboten werden. Etwa: „Fragestunde Lektorat“ – lustigerweise gab ausgerechnet ein Hans Peter Röntgen Auskunft darüber, wie man Texte durchleuchtet und prüft, wobei er zunächst, typisch Lektor, die im Programm abgedruckte Schreibweise seines Namens korrigierte – in Roentgen. Es gibt einen ganzen Markt für unentdeckte Schriftsteller. Die Firma Papyrus etwa bietet eine Software an, die gleich ein Lektorat ersetzt: „Die Stilanalyse findet Phrasen, Füllwörter, Wiederholungen uvm.“ Papyrus Autor in der Version 8 liefert auch ein „Denkbrett“ mit, in dem sich Orte, Ereignisse, Personen und Beziehungen skizzieren lassen. Fehlt eigentlich nur noch eine Idee für einen Roman. Und das garantierte Lesepublikum.

Öffnungszeiten für Besucher Die Publikumstage der Frankfurter Buchmesse sind an diesem Samstag, 9-18.30 Uhr, und am Sonntag, 9-17.30 Uhr. Mehr
Informationen unter:
www.buchmesse.de

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