Rom Flucht in den magischen Realismus

Die italienische Schriftstellerin Elsa Morante 1961 in ihrer Wohnung in Rom mit Katzenbild und einem Foto von Leonardo Sciascia im Regal. Foto: Getty Images
Die italienische Schriftstellerin Elsa Morante 1961 in ihrer Wohnung in Rom mit Katzenbild und einem Foto von Leonardo Sciascia im Regal. Foto: Getty Images
Rom / BETTINA GABBE 18.08.2012
Elsa Morante sah sich als verzweifelte "Ideenmillionärin, die sich den Luxus leisten kann, ein paar zu verschenken". Heute wäre die italienische Schriftstellerin und Frau von Alberto Moravia 100 Jahre alt geworden.

Ihr erfolgreichster Roman brachte ihr die schärfste Kritik ein: Die italienische Schriftstellerin Elsa Morante war bereits 62 Jahre alt, als sie mit "La Storia" die Geschichte einer römischen Familie aus armen Verhältnissen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs erzählte. In dem 1974 erschienenen Welterfolg schilderte sie in lebendigen und aus Sicht mancher Kritiker allzu volkstümlichen Farben auch die Geschichte ihres Landes, wenn nicht gar der Leiden der gesamten unterdrückten Menschheit. Heute wäre Morante 100 Jahre alt geworden.

In den 50er Jahren stand die uneheliche Tochter einer jüdischen Lehrerin gemeinsam mit ihrem Ehemann Alberto Moravia im Zentrum des kulturellen Lebens in Rom. Dabei beklagte sie bereits 1948 in einem Brief an Maria Valli, die Frau von Moravias Verleger, "Schriftsteller-Paare sind eine Pest". Mit der Liebe ergehe es ihr schlecht, denn "es scheint mir unmöglich, je welche empfunden zu haben und je welche empfinden zu können".

Die beiden hatten sich 1936 kennen gelernt. Er war da bereits ein anerkannter Schriftsteller, während sie sich mit dem Schreiben von Diplomarbeiten über Wasser hielt. In dem Brief an die Freundin von 1948 bezichtigt sie Moravia des Plagiats. Sie als "Ideen-Millionärin, die sich den Luxus leisten kann, ein paar Ideen zu verschenken", befürchtete, dass man ihr später vorwerfen werde, seine Erzählung von 1946 kopiert zu haben. Dabei hatte sie die Idee bereits 1942 in einem eigenen Text verarbeitet.

Noch lange nach dem Ende ihrer 25 Jahre währenden Beziehung fand Moravia Worte der Sympathie und Wertschätzung für Elsa Morante: "Als ich sie kennen lernte, war sie der zarteste Mensch, den man sich vorstellen kann", berichtete er einem gemeinsamen Freund, dem Pasolini-Biographen Enzo Siciliano. "Mit der Zeit veränderte sich aber ihr Charakter, sie wurde immer mehr von einer aggressiven und alles verneinenden Verzweiflung erfasst."

Mit ihrer Mischung aus träumerischer Euphorie, Realismus und volkstümlicher Sprache findet sie als eine der wichtigsten Autorinnen der italienischen Nachkriegsliteratur noch heute viele Leser. Moravia hingegen droht rund zwanzig Jahre nach seinem Tod in Vergessenheit zu geraten. Wie ihren langjährigen Vertrauten Pier Paolo Pasolini faszinierte sie das einfache und ärmliche Leben der Menschen am Rand der Gesellschaft. Während er mit seinen Werken jedoch Anklage erhob und politische Veränderungen forderte, flüchtete sie sich in ihren "magischen Realismus". Immer wieder schilderte sie aus der Sicht unschuldig staunender Kinder und Jugendlicher die Gräuel der Unterdrückung, die sie überall wahrnahm.

Gegenüber vom ehemaligen Großmarkt an der Ausfallstraße nach Ostia erinnert man sich in der Trattoria "Ar biondo Tevere" noch gut an die Schriftstellerin. An einem Tisch auf der Dachterrasse habe sie immer gesessen, sagt der Kellner. Mit Blick auf einen verwilderten Teil des Tibers. Sie habe stets den Platz mit dem besten Blick über den Fluss gewählt. Der Großmarkt wurde inzwischen an den Stadtrand verlegt. Auch das Viertel Testaccio am früheren Schlachthof, in dem Morante mit ihren drei jüngeren Brüdern als angenommene Tochter eines Angestellten aufwuchs, der der gesamten Familie den Namen gab, hat sich gründlich verändert. Die einfachen Lokale des einstigen Arbeiterviertels haben modischen Restaurants Platz gemacht.

Elsa Morante starb 1985 zwei Jahre nach einem vergeblichen Selbstmordversuch an einem Herzinfarkt. Die letzten fünf Jahre ihres Lebens war sie nach einem nie ausgeheilten Bruch eines Oberschenkelknochens ans Bett gefesselt.

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