Comics Flix’ „Spirou in Berlin“ zum 80. der Serie

Berlin/Hamburg / Claudia Reicherter 01.08.2018

Spirous gibt es viele. „Spirou“ heißt ein seit 1938 wöchentlich im Dupuis-Verlag erscheinendes Familien-Comic-Magazin. Dessen Cover ziert ebenfalls seit 80 Jahren die Comic-Figur gleichen Namens. Der vorwitzige Hotelpage in roter Uniform, der mit seinen Freunden um die Welt reist und dort allerhand Abenteuer erlebt, hat es zu weltweitem Ruhm gebracht: um zwei Wochen älter als „Superman“ und als „Asterix“ sowieso, beständiger und vielfältiger als „Tim und Struppi“.

Das Magazin hat dazu beigetragen, dass sich um den Verlagssitz in Charleroi eine eigene belgische Comic-Szene und -Industrie etablierte. Verleger Jean Dupuis verhalf zahlreichen europäischen Künstlern und Serien in einem lange von US-Importen geprägten Markt zum Durchbruch: Morris („Lucky Luke“), Peyo („Schlümpfe“) und allen voran dem damals jungen André Franquin, der „Gaston“ schuf und „Spirou“ mehr als 20 Jahre (1946-68) entscheidend voranbrachte.

Der von Dupuis mit dem wallonischen Wort für „Lausbub“ und „Eichhörnchen“ benannte und beim französischen Zeichner Robert Velter, Künstlername Rob-Vel, in Auftrag gegebene Comic-Held hat es im Lauf der Jahre zu rund 200 Veröffentlichungen allein in der Originalsprache Französisch gebracht. Dazu gibt es „Spirou“ im TV und Kino und seit 1. Juni im südfranzösischen Monteux den „Parc Spirou“.

Was führt die Helden in die DDR?

Auf Deutsch erschien die Serie erstmals vor 60 Jahren, zunächst in Heftchenform als „Fridolin und Ferdinand“ im Semrau Verlag, später als „Pit und Pikkolo“ bei Kauka, und seit 1981 in Comicalben des Carlsen-Verlags: „Spirou + Fantasio“. Denn der berühmteste Page der Welt ist schon seit 1939 nicht mehr allein: Da stellte ihm Rob-Vel tatsächlich ein Eichhörnchen zur Seite, Pips. 1943 fügte ein anderer Zeichner, Joseph Gillain alias Jijé, den zunächst chaotischen Lebenskünstler Fantasio hinzu, der seit den 50ern als Reporter arbeitet und so dem Gespann reichlich Anlass bietet, Geheimnissen rund um den Globus nachzuspüren.

Komplettiert wird das „Spirou“-Universum durch den verrückten adeligen Wissenschaftler Graf von Rummelsdorf und ein aus dem Urwald Palumbiens stammendes Beuteltier namens Marsupilami, gelb-schwarz gepunktet wie ein Leopard, mit acht Meter langem, als Waffe einsetzbarem Schwanz, und dem Kampfschrei „Huba-Huba!“.

Zum 80-Jährigen der Reihe wagen Dupuis und dessen deutscher Lizenzpartner Carlsen Neues: Erstmals betrauten sie einen nicht-frankophonen Autor und Zeichner mit den Geschicken der beliebten Comic-Helden. Gestern ist der Spezial-Band „Spirou in Berlin“ erschienen – komplett aus der Feder des Berliners Flix alias Felix Görmann. Der veröffentlichte vor 20 Jahren mit „Who the fuck is Faust?“ seinen ersten Comic. Für das autobiografische „Held“, die Strips von „Verflixt!“ und „Schöne Töchter“ räumte er bald Preise ab. Als der zweifache Vater vor einem Jahr den Auftrag bekam, erfüllte sich für ihn ein Kindheitstraum. Es mache „so viel Spaß, einer Comic-Ikone eine eigene Geschichte auf den Leib schneidern zu dürfen“, schwärmte der gebürtige Münsteraner im Februar, als Story und Zeichnungen schon standen. Flix siedelt seine warmherzige, humorvolle Geschichte kurz vor dem Fall der Mauer an. Der Graf von Rummelsdorf ist zu einem Mykologenkongress nach Ostberlin geladen und verschwindet plötzlich, sodass ihm Spirou, Fantasio und Pips hinterherreisen müssen.

Die DDR erweist sich als „gar nicht so grau wie alle immer meinen“, bietet aber von Stasi-Willkür über Mangelwirtschaft, Einheitsbrei und Trabis auch „reale Angst“. Dazu Widerständler mit Anstand, Moral und dressierten Affen, die das „Wunder der deutschen Geschichte“ voranbringen. Und einen seltenen Pilz in Hammer-und-Sichel-Form.

Anspielungen auf klassische Folgen mischt Flix souverän mit seinem eigenen Stil, expressivem Lettering und experimentellem Seitenlayout. Nur das Marsupilami fehlt, das nach Urheberrechtsquerelen nun wieder bei „Spirou“ mitmischen darf. „Ich hätte es geliebt, das zu zeichnen“, sagt der 41-Jährige. Aber: „Es hätte zu sehr im Mittelpunkt gestanden. So ist es besser für die Geschichte.“

Lesereise und Sonderveröffentlichungen

80 Jahre Zum Jubeljahr gibt Carlsen nicht nur Flix’ „Spirou in Berlin“ (Hardcover, 64 Seiten, 16 Euro) heraus, sondern darüber hinaus das „Spirou & Fantasio Spezial 25: Sein Name war Ptirou“ von Yves Sente und Laurent Verron (72 Seiten, 12.99 Euro), die „Spirou & Fantasio Gesamtausgabe 9: 1969-1972“ von Jean-Claude Fournier, im Oktober Emile Bravos „Spezial 26: Spirou – Schlechter Start in neuen Zeiten“ und im November einen Jubiläums-Schuber mit allen Spirou-Bänden des legendären Autors und Zeichners André Franquin.

Live-Termine Flix stellt seinen „Spirou“ vor und signiert Bücher, unter anderem am 31. August/­15. September in Berlin, 1./2. September in Erfurt, 3. in Dresden, 19. in München, 26. in Stuttgart, 10.-14. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse und 26. Oktober in Freiburg, www.carlsen.de/termine. cli

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