Freiburg Finale: Nach 70 Jahren spielt SWR-Sinfonieorchester letztes Konzert

Freiburg / JÜRGEN KANOLD 19.07.2016
Was für ein Finale! Nach 70 Jahre spielte das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg sein letztes Konzert: kein Abgesang, sondern berstend vor Energie.

Mit einem Handkuss bedankt sich François-Xavier Roth beim jubelnden Publikum, dann nimmt er sein Smartphone und fotografiert vom Dirigentenpult aus in den Saal. Es sind Bilder für die Ewigkeit. Denn an diesem Sonntagabend geht nach 70 Jahren die Geschichte des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg (gegründet 1946 als Sinfonieorchester des Südwestfunks) zu Ende. Standing Ovations. Die Zuhörer halten Pappschilder hoch: mit roten Herzen und Worten wie „Merci“ und „Extraordinaire“. Die weit über 100 Musiker auf der Bühne verbeugen sich, dann winken sie ein Lebewohl. Und Schluss.

Keine Ansprachen, kein Trauerpathos im Freiburger Konzerthaus. Und auch keine Zugaben.  Denn was sollte auch nach vier Stunden und zuletzt einer Aufführung von Igor Strawinskys Jahrhundertwerk „Le Sacre du Printemps“ noch folgen?

Es hätte natürlich noch jahrzehntelang große Musik mit diesem SWR-Sinfonieorchester (SO) folgen können, aber der Südwestrundfunk wickelt diesen traditionsreichen Klangkörper ab, fusioniert ihn in einer umstrittenen Sparaktion mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart (RSO) zum SWR-Symphonieorchester – und es ändert sich mehr als nur die Schreibweise. In diesem letzten Konzert aber spielten Roth und ein Riesenaufgebot an Orchestermusikern keinen weinerlichen Abgesang, keine Begräbnismusik. Ein „selbstbewusster letzter Tanz auf der Bühne“ sollte es vielmehr sein. Und es war ja auch alles gesagt mit Worten. Nur die Musik sprach jetzt: eine bewundernswerte Dramaturgie.

Ein „Finale“ war angekündigt: weniger als Schluss zu verstehen denn als Höhepunkt. Mit ihrem Chefdirigenten hatten die Musiker das „Überraschungsrogramm“ zusammengestellt: Gustav Mahlers „Todtenfeier“ zunächst, eine sinfonische Dichtung in c-Moll – es ist die Frühfassung des 1. Satzes aus der „Auferstehungssinfonie“, aber ohne Auferstehungsfanfaren. Mit brutaler Härte rissen die Kontrabässe geradezu ein Grab auf: „Was ist das Leben – und nun dieser Tod? Gibt es ein Fortbestehen?“, so schrieb Mahler zum Stück. Franz Schuberts h-Moll-Sinfonie, die „Unvollendete“, erklang mit gewaltigen Schmerzensausbrüchen, aber auch melodischem Trost. Und Charles Ives’ philosophische Befragung nach dem Sein fehlte nicht: Auf leisem Streicher-Teppich stellte die Solo-Trompete die Fragen, und es antworteten die Holzbläser chaotisch durcheinander.

Oder Strawinskys „Sacre“: dieses Skandalstück von 1913, diese archaische Ballettmusik über ein Mädchen, das nach heidnischem Ritual den Göttern geopfert wird und sich zu Tode tanzt, auf dass ein neuer Frühling folge . . . Das SO stampfte brachial auf, mit immenser rhythmischer Energie, um zu signalisieren: Was auch immer kommen mag, was der nächste Frühling mit dem neuen SWR-Symphonieorchester auch bringen wird, wir aber sind nicht dahingesiecht, sondern mitten im Leben erwischt worden.

Das ließ sich alles lesen und hören als Kommentar zur finalen Situation des SWR-Sinfonieorchesters Freiburg und Baden-Baden. Aber dieses ungeheure Konzert mit seinem großartigen Programm war vor allem auch ein Statement der Qualität und der weltweit beispiellosen Kompetenz für die Neue Musik. „70 Jahre Klassik-Avantgarde“ heißt ein beeindruckendes Buch über ein wichtiges Kapitel Musikgeschichte, das dieses Orchester vor allem bei den Donaueschinger Musiktagen schrieb: dort rund 400 Kompositionen uraufführte.

Etwa im Jahre 1961 György Ligetis „Atmosphères“ – Stanley Kubrick verwendete die Aufnahme mit diesem Orchester als Filmmusik für „2001 – Odyssee im Weltraum“. Höchst spannend, wie erst das im vergangenen Jahr in Donaueschingen uraufgeführte Orchesterwerk „über“ von Mark Andre daran anknüpft: ein transzendentes, neue Räume erschließendes Atmen, das extreme Porträt eines Orchester-Organismus´. Herausragend dabei: Jörg Widmann als Solist an der Klarinette mit einer Musik, die sich in die Stille aushaucht. Dann wieder die „Notations“ von Pierre Boulez: erruptive, vor Kraft strotzende Moderne; berstende Klang-Detonationen. Technisch irre schwer, aber wie selbstverständlich gespielt. Das macht dem SO keiner nach.

„Tradition ist Schlamperei“, sagte Gustav Mahler und meinte die Selbstzufriedenheit. Tradition heißt aber auch: mit einer ungeheuer reichen Klangkultur das Alte aufregend neu und das Moderne mit klassischer Erfahrung spielen können. Wenige Orchester waren so traditionsreich. Für die Hörer bleiben jetzt nur Rundfunkmitschnitte und CDs von ihrem „Orchester der Herzen“.

Konzerte der fusionierten SWR-Orchester

Stuttgart  Auch das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart verabschiedet sich nach 70 Jahren: am Donnerstag und Freitag vom Publikum in der Liederhalle, mit einem regulären Abonnementkonzert. Aber um den Tod geht’s dann auch: Stéphane Denève dirigiert die dramatische Sinfonie „Roméo et Juliette“ von Hector Berlioz. Im Herbst tritt dann das fusionierte SWR-Symphonieorchester auf.

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