Pianist Fazil Say bezieht auch politisch Stellung

Fazil Say: „Jeder Musiker sucht die Geschichte hinter den Tönen.“
Fazil Say: „Jeder Musiker sucht die Geschichte hinter den Tönen.“ © Foto: answer5/Shutterstock.com
Ulm / Christoph Forsthoff 04.06.2018
Der türkischen Pianist und Komponist Fazil Say spielt virtuos mit den neuen Medien und trennt die Klassik nicht von der Politik.

In Ankara aufgewachsen, verschlug es den Star-Pianisten Fazil Say Anfang der 90er Jahre nach Berlin, wo er sich mit einem mageren Lehrauftrag über Wasser hielt – und schließlich über Nacht aus seiner Schöneberger Wohnung verschwand, ohne die letzte Miete zu bezahlen. Sein Glück machte er dann in den USA und gehört heute zur eigentlich längst ausgestorbenen Linie der Klaviervirtuosen, die auch komponieren. Und er erhebt obendrein politisch seine Stimme – wenngleich sich der 48-Jährige nach seiner Verurteilung wegen Blasphemie 2013 durch ein Gericht in Istanbul derzeit mit kritischen Äußerungen über seine türkische Heimat und den Präsidenten Erdogan zurückhält.

Sie beziehen recht klar Stellung – andere Ihrer Kollegen sind deutlich zurückhaltender und verweisen darauf, dass Klassik nichts mit Politik zu tun habe. Wie sehen Sie das?

Fazil Say: Beides gehört zum Leben – überall auf der Welt. Wenn etwa ein Hamburger Bürgermeister plötzlich die dortige Oper schließen möchte, dann werden auch dort alle Kulturschaffenden und -interessierten politisch und sich dagegen wehren: Dann müssen sie Politik machen. Natürlich denken wir nicht an die Politik der CDU, wenn wir eine Mozart-Sonate spielen, aber in einem Künstler sollte Raum für beides sein und auch eine Brücke zwischen beidem existieren – wenngleich diese meistens bei negativen Fällen offenbar wird.

Manchem scheint es, als werde in der Türkei seit einiger Zeit das alte Gegensatzpaar Orient und Okzident neu belebt.

Ich selbst bin mehr okzidental aufgewachsen, geprägt durch mein Elternhaus wie auch das Konservatorium in Ankara und mein Leben in Deutschland und den USA. Insofern bin ich ein sehr westlicher Mensch, doch die Kulturen vermischen sich immer mehr, weil auch die Menschen sich immer mehr vermischen. Wir sollten diese Brücken weiter ausbauen und eine größere Aufgeschlossenheit für andere Kulturen entwickeln.

Welche Rolle spielt dabei der Glauben?

Ich selbst bin nicht religiös, aber Glauben gehört zum Leben, zur Musik und uns Menschen. An irgendetwas glaubt jeder von uns – ob es nun die Liebe, die Musik oder das Universum ist. Religion aber ist vom Menschen gemacht, und wie wir immer wieder sehen, hat die Menschheit Probleme mit diesen großen drei Religionen. Ich glaube lieber an die wissenschaftlichen Wahrheiten.

Und zweifellos an die musikalischen – und das schon seit frühesten Kindesbeinen an. Waren Sie ein Wunderkind?

Jemand, der uns mit seinem Schaffen sehr überrascht und schon in seiner Kindheit ein überragendes, ja vielleicht sogar übermenschliches Können beweist, das den Menschen zu Gute kommt – ob ich solch ein Wunderkind war? Das weiß ich nicht . . . Ich habe mit drei Jahren angefangen, Klavier zu spielen und einfache Stücke zu komponieren – ob das ein Wunderkind macht, das müssen andere beurteilen.

Ein Wunderkind war zweifellos Mozart, dem auch Sie sich immer wieder widmen – was fasziniert Sie an diesem Komponisten?

Für mich ist Mozart ein Jahrtausendgenie, dessen Schaffen die Menschheit in ihrer Gänze repräsentiert. Ein Vorbild für Schönheit und einen produktiven Menschen: In seiner Musik spiegelt sich die menschliche Güte – und das macht diese Musik einzigartig.

So wie er einst Klavier spielte und Werke schrieb, verfolgen auch Sie beide Wege und komponieren als einer der wenigen Pianisten des 21. Jahrhunderts auch.

Was nach dem 19. Jahrhundert klingt – denn im 20. Jahrhundert hat man von den Pianisten zunehmend technische Perfektion verlangt und das Komponieren oder auch Ausflüge in den Jazz zu etwas Abwegigem erklärt. Was dazu geführt hat, dass viele Pianisten sich selbst begrenzt haben – dabei braucht ein Musiker doch viel Kreativität! Als komponierender Pianist habe ich den Vorteil, dass ich meine eigenen Werke spielen kann – und das gefällt dem Publikum.

Zwiegespalten sind die Besucher ob ihrer ausgeprägten Mimik und Gestik im Konzert – ist die wirklich nötig?

Jeder Musiker sucht doch die Geschichte hinter den Tönen – die reinen Töne machen gerade mal 20 Prozent aus! Wir würden uns zu Tode langweilen bei einer von einem Computer gespielten Mozart-Sonate: Erst das eigene Spiel macht mehr daraus – und welche Pantomimen oder Gesichter wir dabei ziehen, merken wir nicht.

Sie bekommen davon rein gar nichts mit?

Als ich mich das erste Mal im Fernsehen gesehen und so richtig wahrgenommen habe, hat mich das auch gestört. Andererseits: Das Klavier ist nun mal ein Perkussionsinstrument, und um dieses zum Singen zu bringen, muss man sehr viel tun – und manchmal gehört da selbst das eigene Mitsingen dazu.

Was andererseits wiederum gar trefflich in die Welt der neuen Medien passt, wo ja nicht zuletzt die Selbstdarstellung ein entscheidendes Erfolgsmoment ist.

Auf meiner Facebook-Seite kündigen wir meine Konzerte an, berichten von Proben oder verlinken zu vergangenen Auftritten in der Sprache des jeweiligen Landes – und diskutieren auch mit den Usern. Wenn wir auf Youtube Auftritte von mir verlinken, wird das von einer halben Million Menschen verfolgt – wie auch meine Essays über Musik, Gedanken zur Kultur oder Politik.

Zweifellos beeindruckende Zahlen für den Klassikbereich.

Auf Twitter habe ich mehr als 310 000 Follower, auf Facebook mehr als 630 000 Fans: Da fühle ich mich fast wie ein Verleger, und das nutze ich, um kulturelle Informationen zu verbreiten, die in den normalen Zeitungen und Fernsehsendern nicht laufen.

Auftritte in Stuttgart und Ludwigsburg

Konzerte Als Interpret seiner eigenen Werke ist Fazil Say in den nächsten Wochen zu erleben: Am 9. Juni spielt er mit den Stuttgarter Philharmonikern in der Stuttgarter Liederhalle sein „Water Klavierkonzert“. Und am 21. Juni tritt er zusammen mit dem Casal Quartett bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen im Ordenssaal auf: Es erklingt das dem türkischen Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk gewidmete Klavierquintett.

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